Alice Schmid: Eine Anwältin der Kinder

Kürzlich startete der Dokumentarfilm «Die Kinder vom Napf» von Alice Schmid in die Kinos und begeisterte. Er rundet eine zwanzigjährige Arbeit mit Filmen über Kinder ab.
Zeitgleich erschien «Dreizehn ist meine Zahl», ihr Roman über die Kinder vom Napf. Der Film bildet das heutige Leben ab; der Roman handelt in den 50er-Jahren.

Ein weltweites Engagement

In jedem ihrer Dokumentarfilme beschäftigt sich Alice Schmid vor allem mit Kindern in fremden Ländern, leuchtet ihre Schicksale aus, klagt an und hilft. Zweimal wurde sie dafür mit dem Menschenrechts-Filmpreis ausgezeichnet. Alle Titel sind als DVD erhältlich und eignen sich für den Einsatz in Schulen.

«Sag Nein» gilt als Filmklassiker über Kindesmissbrauch. «Briefe an Erwachsene» erzählt von Kindern im verminten Kambodscha. In «Jeder Tropfen für die Zukunft» begleitet sie ein bolivianisches Mädchen auf seinem langen Schulweg. «Soll ich gehen oder bleiben» und «Ich habe getötet» behandelt das Leben von Kindersoldaten in Liberia und Sierra Leone. «Affären» ist ein Beitrag zur Aids-Prävention. «Einmal im Leben ins Kino» zeigt die Kinderarbeit in Indien, und das Roadmovie «Ich bin eine Maus» porträtiert ein Tibeter- und ein Schweizermädchen.

Die heile Welt der «Kinder am Napf»

«Ich wollte immer einen Film am Napf drehen», meint Alice Schmid, die Produzentin, Regisseurin, Kamerafrau und Tonmeisterin. «Der Ort zieht mich magisch an. Ich habe dort ein altes Bauernhaus. Doch alleine halte ich es vor lauter Angst in der Nacht fast nicht aus. Nach über zwanzig Jahren Dreharbeiten in Afrika, Asien und Südamerika habe ich es endlich geschafft, ich kehrte an diesen Ort zurück. 365 Tage war ich mit der Kamera unterwegs. Die Helden sind die Kinder vom Napf.» Entstanden ist ein kleines, grosses Meisterwerk: ein bildgewaltiger Jahreszyklus über das Luzerner Hinterland und ein Hymnus auf eine schöne Kindheit.

Mit den Kindern stapfen wir frühmorgens durch hohen Schnee in die Dorfschule, nachmittags zum Bauernhof, wo jedes Kind sein Ämtli hat. Schon früh tritt die jüngste Generation in die Stapfen des Bergbauernberufes. Die Geschichte führt uns, durch die Augen der Kinder gesehen, von Hof zu Hof in ein isoliertes, aber auch geborgenes Leben.

«Dreizehn ist meine Zahl», die Kehrseite der Medaille

Mit ihrem Kinofilm kehrt Alice Schmid zurück ins Epizentrum ihrer ersten, unmittelbaren Erfahrungen. Hier spielt auch ihr Debütroman «Dreizehn ist meine Zahl», der mit folgenden Sätzen beginnt: «Seit ich zählen kann, zähle ich. Das hilft. Dreizehn ist meine Zahl. So oft haut Mutter mich auf den Rücken. Wenn ich vor Angst Bisi mache, zähle ich auch. Bis dreizehn bleibt es warm, danach wird es kalt zwischen den Beinen. Wenn es dunkel ist, pocht es dreizehn Mal an meine Ohren. Das ist der Tod im Treppenhaus. Hinter der Holzwand, wo Mutter und Vater schlafen, giert’s. Dreizehn Mal. Das ist, wenn Vater von der Nachtschicht kommt.» In solch knapper, präziser, andeutungsreicher, kindsgerechter Sprache trifft sie die Lebenswelt der Kinder – und uns. Der Text schildert Verborgenes einer verschwiegenen, bigotten Welt, das damit öffentlich wird. Hörprobe zu finden unter:

Alice Schmids Début ist klassischer Schweizer Erzählstoff. Archaik zwischen Gewalt und Not bestimmen diese helvetische Identität, am Beispiel einer Familie am Napf der fünfziger Jahre. Kinder zählen hier weniger als Vieh, Gott und die Welt sind böse. Erzählt wird aus der Sicht der 7-jährigen Lilly, die in der Familie der Sündenbock ist und sexuell missbraucht wird.

Vier Antworten der Autorin auf vier Fragen des Seniorweb

Seniorweb: Wie kamst du auf das Thema «Kinder», und warum hat es dich bis heute nicht losgelassen?

Alice Schmid: Ich habe das Lehrerseminar in Luzern besucht und abends Kurse an der Kunstgewerbeschule. Ich hatte Sehnsucht, kreativ tätig zu werden. Unsere Mutter hat schon früh mit uns gemalt und Kasperlefiguren gemacht. Da begann vermutlich das Talent, Geschichten zu erzählen. Später als Regieassistentin holte man immer mich, um Kinder zu inszenieren. Mit dem ersten Film «Sag nein» war ich am Kinderfilmfestival Bellinzona eingeladen. Eine Vertreterin von UNICEF New York erzählte mir von den Landminen in Afghanistan. Die Russen warfen Schmetterlinge aus Helikoptern. Zu Tausenden fielen sie über die Dörfer. Die Kinder schnappten mit den Händen danach und verloren ihre Finger. Das war der Beginn meiner jahrelangen Arbeit als Filmemacherin zu Kinderthemen.

SW: Warum hast du zwanzig Jahre in der Welt draussen Kinder gefilmt und bist erst jetzt mit dem Kinofilm und dem Roman in deine Heimat zurückgekehrt?

AS: Es war immer mein Wunsch einen Film zu machen, wo ich meine Wurzeln habe. In der Napfgemeinde Romoos erlebte ich, wie eine ideale Kindheit aussieht. Was ich mir vielen Kindern auf der Welt wünsche. Geld für den Film Die Kinder vom Napf habe ich nie gefunden. In der Schweiz hat der Kinderfilm einen schwierigen Stand. In Deutschland gibt es seit Jahren Kinderfilmkinos, Kinderfilmmagazine,  Kinderfilmfestivals. Im Jahr 2009 habe ich mir gesagt. Jetzt mache ich diesen Film am Napf. Ohne Fördergelder habe ich begonnen. Kaufte mir eine Kamera, liess mir eine Tonstange konstruieren. Die band ich mir an den Rücken. Und los ging’s. Ich habe alles selber gemacht. Nach den ersten Testaufnahmen, war das Schweizer Fernsehen so begeistert, dass sie mir eine Koproduktion anboten. Jetzt wusste ich, die Kosten für den Filmschnitt sind gedeckt.

SW: Wie entstand der Film «Die Kinder vom Napf»?

AS: Ich habe während 365 Tagen, bei jedem Wetter, die Kinder gefilmt. Am Morgen im Unterricht und nachmittags zuhause, wo sie ihre Ämtchen haben. Schon früh treten die Kinder in Berggemeinden in die Stapfen des Bauernberufes. Sie lernen Verantwortung für Tiere, Umwelt und auch ihre jüngeren Geschwister übernehmen. Ich habe 400 Stunden Material gedreht. Der Film wurde 90 Minuten lang. Inzwischen ist der Film ein Riesenerfolg. schon fast 40'000 Zuschauer. An der Berlinale gibt es seit 35 Jahren eine Sektion für Kinderfilme. Da ist der Film im Wettbewerb und sogar als Eröffnungsfilm.

SW: Wie entwickelte sich die Geschichte des Buches?

AS: Das Buch hat nichts mit dem Film zu tun. Ich habe den Roman am Napf angesiedelt, weil diese Landschaft voller Klüfte und Abgründe in den Chrächen ist. Das ist ideal für einen Roman. Es geht auf und ab, ins Licht und in den Schatten. Die Geschichte von Lilly ist universell. Es könnte auf der ganzen Welt passieren. Während all meiner Jahre als Filmemacherin auf der Welt erzählten mir die Kinder ihre Geschichte. Sie sind der Grundstoff von «Dreizehn ist meine Zahl». Ein paar Episoden sind autobiografisch. So zum Beispiel die Handorgel von Lilly. Auch ich spielte schon mit neun Jahren leidenschaftlich Handorgel. Das hat sich bis heute gehalten.

Nachbemerkungen

Die frühen Dokumentarfilme über Kinder sind alle als DVD erhältlich. «Die Kinder vom Napf» läuft gegenwärtig in den Kinos und kommt erst später als DVD heraus. Soeben wurde er von der Berlinale eingeladen, wo er als Eröffnungsfilm gezeigt wird. Auskünfte: www.xenixfilm.ch. Das Buch «Dreizehn ist meine Zahl» ist bei Nagel & Kimche erschienen und hat dafür 2010 den Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung und 2011 eine Anerkennung der Literaturkommission der Stadt Zürich erhalten.