Alternativen zum Homo faber 1

1976 schrieb Erich Fromm in «Haben oder Sein»: «Was bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?»

Bereits 1936 schuf Charles Chaplin in «Modern Times» für den «Homo faber», den Macher-Menschen, die künstlerische Form. Ein Denker und ein Künstler zeigen auf, dass es nach der Zeit der beruflichen Arbeit Alternativen braucht. Nachfolgend werden drei beschrieben und Filme dazu vorgestellt.

Der politische Mensch als eine erste Alternative

Wer sich ein Leben lang für andere Menschen und das Gemeinwohl eingesetzt hat, verliert dieses Engagement auch nicht nach der Pensionierung. Ihm bleibt diese Aufgabe als Auf-Gabe. Einiges kann sich zwar ändern. In der neuen Unabhängigkeit wird der alte «Homo politicus» oft sogar radikaler als der junge. Anteilnehmen an Schicksalen anderer, die benachteiligt, krank, behindert oder arm sind, macht Sinn, weil es wahres Sein nur im Mit-Sein gibt (Thomas von Aquin). Dieses Mit-Sein gibt jenen Würde, die erhalten, und jenen Wert, die geben.

… veranschaulicht am Film «Egoiste»

Weniger die filmische Form als vielmehr die Persönlichkeit von Lotti Latrous macht den Schweizer Dokumentarfilm von Stephan Anspichler sehenswert. In einigen starken Bildern und zahlreichen eindrücklichen Zitaten vorgestellt, beeindruckt die ehrliche, engagierte, nach Wahrheit suchende, gelegentlich zweifelnde Frau.

Einerseits hat sie ihr Leben und ihre Träume gelebt als «Egoistin», wie sie sich selbst nennt, anderseits quält sie, dass sie dafür ihre Familie verlassen hat. Latrous, die 2006 zur «Schweizerin des Jahres» gekürt wurde, in diesem Porträt näher kennen zu lernen, kann zu eigenem Tun ermuntern.

Zu ähnlichen Auseinandersetzungen lädt der Film «Auf der andern Seite» von Fatih Akin, Deutschland/Türkei, ein.

Der lachende Mensch als eine andere Lebensform

Lust, Freude und Lachen zeichnen die Kindheit aus. Doch schon vor dem Berufsleben ist es die Schule, welche dies alles oft zerstört. Glücklich darf sich nennen, wer diese Eigenschaften ein Leben lang bewahrt hat und noch und im Alter davon zehrt. Wir kennen Menschen, in deren Leben Lust, Freude und Lachen die Mitte bilden: Geschichtenerzähler, Unterhalter, Witzbolde, Clowns, Sonderlinge, Freaks, Charmeure, Aussenseiter, Spinner. Der «Homo delectans» freut sich am eigenen Leben und erfreut andere damit. Solchen Menschen gibt auch im Alter diese Rolle einen besonderen Halt. Weil sie Kostbares geben, erhalten sie auch Kostbares zurück: Bestätigung, Dank und Selbstwert.

… illustriert am Film «The Band's Visit»

Eine ägyptische Polizeikapelle wurde zur Einweihung eines arabischen Kulturzentrums nach Israel eingeladen, aus unerfindlichen Gründen am Flughafen jedoch nicht abgeholt. So machten sie sich selber auf den Weg und landeten in einem verschlafenen israelischen Nest am Rande der Würste. Eine verlorene Band in einem verlorenen Land. Der letzte Bus ist abgefahren, nur dank der beherzten Barbesitzerin finden sie Unterschlupf.

Die einfache Geschichte des israelischen Regisseurs Eran Kolirin wird zu einem kleinen Meisterwerk des Humors, der Komik, der Poesie, obwohl dieses von Einsamkeit und dem Versuch, sie zu durchbrechen, handelt. Wie die wunderbare Form den Reiz des Films ausmacht, so ist es auch im Leben, wenn ein alter Mensch aus seinem Leben, seiner Welt erzählt.

Ähnliche Themen sprechen Filme wie «Madrigal» von Fernando Pérez, Kuba, und «Les Méduses» von Etgar Keret und Shira Geffen, Frankreich/Israel, an.

Der religiöse Mensch als eine weitere Alternative

Vergessen werden in der heutigen Konsumgesellschaft sehr oft die Dimensionen des Religiösen, «Religio» verstanden als Bindung an etwas «darüber», vernachlässigt oft auch das Spirituelle als Weg dorthin. Taufe, Hochzeit oder Beerdigung mutieren in der auf das Materielle ausgerichteten Gesellschaft zur Dekoration. Alte fühlen und denken meist anders als die Jungen. Ein «Homo religiosus» behauptet sich oft bewundernswert gut, wenn er von der Arbeit und schliesslich vom Leben Abschied zu nehmen hat.

… aufgezeigt am Film «Cassandra's Dream»

Ian und Terry leben als Teil der Working-Class Londons von der Hand in den Mund, im Notfall unterstützt vom reichen Onkel in Amerika. Nach einer Zeit des Glücks verlieren sie jedoch alles Geld, weshalb sie jenen um Hilfe angehen. Doch der ist nur dazu bereit, wenn sie für ihn den Zeugen eines Prozesses aus dem Weg schaffen.

Der 73-jährige Woody Allen erinnert mit diesem Film an Romane wie «Schuld und Sühne». Auch ihn interessiert vor allem, was im Innern abläuft, wenn Menschen sich entscheiden müssen zwischen Gut und Schlecht. «Was, wenn es einen Gott gibt?», fragt einer der Brüder vor dem Mord, und von da weg ringen und kämpfen sie mit dem Gewissen und verzweifeln schliesslich. Ein Mord ist einfacher auszuführen, als nachher damit zu leben: ein Thema, das meist ausgeklammert, verdrängt, vergessen wird im Welt beherrschenden Streben nach Geld.

Ähnliche Menschenbilder stellen Filme wie «Evening» von Lajos Koltai, USA, und «4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage» von Cristian Mungiu, Rumänien, zur Diskussion.