Alternativen zum Homo faber 2

In seinem «Homo faber» leuchtete Max Frisch die Situation des reinen Macher-Menschen auf eindrückliche Weise aus.

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Der Techniker Walter Faber ist unfähig zum Leben als Partner von Hanna  und Vater von Sabeths. Niemals erreicht er mit den Techniken der Naturwissenschaften ein wirkliches Mitmensch-Sein, erst ein Schicksalsschlag bringt ihn auf den Weg dazu. Diese Lebensform bedarf also der Korrektur, verlangt nach Alternativen, auch im Alter.

Der spielende Mensch – im Film «Kirschblüten» – als Alternative

Der «Homo ludens» (der Spielende) des Philosophen Johan Huizinga war vor Jahrzehnten ein Bestseller, ist jedoch auch heute noch bedenkenswert. «Im Spiel haben wir es mit einer für jedermann ohne weiteres erkennbaren, unbedingt primären Lebenskategorie zu tun, mit einer Ganzheit», so meint er. Zu postulieren wäre danach, gerade im Blick auf die Zeit nach der Pensionierung, ein Lebensentwurf als spielender Mensch. Dieser wird weniger abstürzen, wenn die Erwerbsarbeit wegfällt, weil er auf einem anderen Grund gründet, von einem anderen Wert Selbstwert erhält.

Im Film «Kirschblüten» von Doris Dörrie, einem subtilen und emotionalen «Memento mori», weiss allein die alternde Trudi, dass ihr Mann Rudi todkrank ist. Sie entschliesst sich für ein letztes gemeinsames Unternehmen. Miteinander fahren sie an die Ostsee. Doch dort stirbt sie, nicht er, ganz unerwartet. Das wirft ihn aus der Bahn, er weiss nicht, wie es weitergehen soll. Als er zudem erfährt, dass Trudi aus Liebe zu ihm ihr Leben geopfert hat und ihre Träume nicht leben konnte, sieht er sie mit neuen Augen. Doch jetzt ist nichts mehr zu ändern, es sei denn, er versuche, ihren Traum zu leben. So macht er sich nach Japan auf und versucht Schritt um Schritt der fremden Welt des japanischen Butoh, eines klassischen Tanzes, den sie liebte, zu nähern und erlebt so eine geisterhafte Verbindung mit der Verstorbenen. Mit Hilfe einer jungen Tänzerin beginnt er in Trudis Kleidern – und schliesslich in einer andern Realität mit ihr – Butoh zu tanzen. Er wird empfindsam dem Leben gegenüber, übernimmt spielend eine neue Rolle, kann, «wie die Kirschblüten, noch einmal aufblühen in all dem, was er ist» (Dörrie). Gemäss einem Kerngedanken des Zen-Buddhismus, «die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind, und jedem Ding, jedem Menschen die Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen.» Der Film zeigt uns poetisch stimmig ein Paar, das erst im Tode wirklich zu einander findet.

Der Lebemensch – wie im Film «The Bucket List»

Verständlicherweise bedeutet Sparen für viele der älteren Generation noch heute viel, sehr viel, vielleicht zu viel. Sie hat in der Kriegs- und Nachkriegszeit gelernt, zu verzichten, sich zu bescheiden. Doch heute geht es in unsern Breitengraden den meisten recht gut, weshalb auch ältere Menschen versuchen dürften, ihr Leben zu geniessen, sich etwas zu gönnen, wobei nicht Geld und Besitz, sondern eher eine Haltung des Verweilens, Gebrauchens, Geniessens und Verschenkens gemeint ist.

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Der Zufall will es – im amerikanischen Film «The Bucket List» von Rob Reiner –, dass der Milliardär Edward Cole und der Mechaniker Carter Chambers das Krankenzimmer teilen. Obwohl die beiden in verschiedenen Welten leben, entdecken sie nach und nach Gemeinsamkeiten und werden Verwandte angesichts ihres Schicksals, nach dem beide nur noch kurze Zeit zu leben haben. Carter wurde seinerzeit von seinem Philosophieprofessor aufgefordert, eine «Löffel-Liste» zu erstellen, eine Liste mit den Dingen, die man im Leben noch tun will, bevor man den «Löffel» weglegt. Gemeinsam beschliessen sie deshalb, so lange ihnen noch Zeit bleibt, das Versäumte nachzuholen. Sie brechen zu einer skurrilen, abenteuerlichen Reise auf und werden Freunde, ignorieren die Einwände und Ratschläge ihrer Ärzte und haken ihre Liste ab. Auch wenn die Unternehmungen der beiden etwas sehr amerikanisch anmuten, treffen sie doch im Kern den allgemein menschlichen Lebenshunger, das «Carpe diem» (Pflücke den Tag) der Römer, was auch heute noch Gültigkeit hat.

Sich einmischen – wie «Max Frisch, Citoyen»

Max Frisch, der letzte grosse Intellektuelle, der über die Schweiz hinaus wahrgenommen wurde, ist eine Figur, wie es sie heute nicht mehr gibt. Weshalb der Schweizer Filmemacher Matthias von Gunten vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts dieser Persönlichkeit nachspürt und ihre Bedeutung offen legt. In einer Zeit, in der Politiker sich gelegentlich wie Schmierenkomödianten benehmen, Wirtschaftskapitäne wie Piraten Geld abzocken und Wissenschaftler zu Fachidioten mutieren, braucht es Menschen wie Frisch. Da er heute nicht mehr unter den Lebenden weilt, haben wir uns mit einem Dokumentarfilm zu begnügen, um ihm zu begegnen: einem Mann, der spricht und sich einmischt, wo andere schweigen, einem echten Bürger, einem Citoyen. Im Film kommen neben ihm Henry Kissinger, Christa Wolf, Günter Grass und ausführlich Peter Bichsel und Helmut Schmidt zu Wort.

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«Wir wollen die Schweiz nicht als Museum, als europäischer Kurort, als Altersasyl, als Passbehörde, als Tresor, als Treffpunkt der Krämer und Spitzel, als Idylle; sondern wir wollen eine Schweiz, die sich selber ins Gesicht zu schauen wagt», heisst eine seiner vielen Denkanstösse, «Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen», ein zweiter, heute wie damals brandaktueller Satz. Wenn wir auch nicht das Format von Max Frisch haben, können wir es dennoch wagen, uns einzumischen; denn es gibt noch viel zu tun… Und wir Alten sind, wegen unserer Lebenserfahrung und unserer Unabhängigkeit, dazu am ehesten privilegiert.