Anders wahrnehmen, denken und handeln

Wenn wir das bekannte Paradigma «Wissenschaft schafft Wissen» durch das weniger bekannte «Kunst schafft können» ergänzen, bietet sich Gelegenheit zu neuen Entdeckungen und Erfahrungen, Erkenntnissen und Einsichten. Solche versuchen wir hier mit einem Film, der jetzt im Kino läuft, und einer Ausstellung, die gegenwärtig zu sehen ist, zu erreichen.

«Le grand voyage» – Sich auf den Weg machen

Eine Reise unternehmen bedeutet, einen Ort verlassen, um einen andern zu erreichen; Lernen bedeutet, ein Wissen oder Können, eine Meinung oder ein Bewusstsein aufzugeben, um Neues zu erleben, zu erfahren, zu entdecken und zu erkennen. Der Marokkanische Filmemacher Ismaël Ferroukhi erzählt in «Le grand voyage» von einem Vater, der mit seinem Sohn nach Mekka fährt. Das stille, verinnerlichte Roadmovie zeigt beispielhaft, dass Reisen Lernen, Leben Lernen bedeutet.

Begegnungen suchen…

Zwei extrem verschiedene Personen schickt der Autor in seinem ersten Spielfilm auf die Reise. Einen alten Vater, der in Marokko aufgewachsen und vom islamischen Glauben geprägt ist. Ihn beseelt der Wunsch, einmal im Leben nach Mekka zu kommen. Am liebsten ginge er zu Fuss, doch dazu ist er nicht mehr fähig, wählt deshalb die Autofahrt und hat seinen Sohn zum Fahrer. Der Junge gehorcht, obwohl er weder Zeit noch Lust und für Religion nichts übrig hat. Alles andere als verheissungsvoll scheint die Situation, lässt die beiden jedoch in Red und Gegenrede Schritt um Schritt sich nähern, das Eigene im Andern entdecken.

Traumhafte Landschaften und Städte durchreisen sie in Italien, Slowenien, Kroation, Serbien, Bulgarien, der Türkei, in Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien, während sie sich hitzige Wortgefechte liefern oder viel sagend ausschweigen, am eindrücklichsten, wenn sie nur mit Blicken und Gesten kommunizieren. Auf der Reise lernen sie nicht nur den andern, sondern auch sich selbst besser zu verstehen. Denn nichts regt so intensiv an, über die eigene Person nachzudenken wie das Studium einer andern. Zur zwischenmenschlichen Begegnung kommen hier jene mit fremden Welten.

… und Erfahrungen machen

Die eine wie die andere Begegnung – jene von Mensch zu Mensch und jene von Mensch zum Ding – bedingen intensive Arbeit. Veränderungen sind zu beobachten: von mürrischen Reaktionen am Anfang bis zum verstehenden Lächeln gegen Schluss. Im Verlauf der Reise kommt es auch für uns zu zwei besonderen Erlebnissen. Das erste bei der Ankunft in Mekka in den beeindruckenden Bildern des (erstmals in einem Spielfilm gezeigten) Einzugs der zwei Millionen Pilger in die heilige Stadt. Das zweite beim unerwarteten Tod des Vaters am Ziel seiner Reise und Träume. «Alles Leben ist Begegnung», meint Buber: Begegnung von Ich, Du und Es.

René Magritte – Anders herum denken

«Die berühmte Pfeife. Man hat sie mir zur Genüge vorgehalten. Und trotzdem können Sie sie stopfen, meine Pfeife? Nein, nicht wahr, sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich also unter mein Bild ‚Dies ist eine Pfeife’ geschrieben, so hätte ich gelogen», meint Magritte kurz vor seinem Tod über eines seiner berühmtesten Bilder, das neben neunzig andern in der Gesamtschau mit dem Titel «Der Schlüssel der Träume» in der Fondation Beyeler in Riehen bis Ende November ausgestellt ist.

Der Widerspruch zwischen dem Bild mit der Pfeife und dem Titel «Der Verrat der Bilder» ist typisch. Jedes Werk hat einen Titel, der nicht beschreibt, sondern uns provoziert zu einem «andern» Sehen, Denken und Handeln. Ein Gipskopf im Bild, «Das Genie» als Titel; eine aufgeschichtete Häuser im Bild, «Die Brüste» als Titel; ein Mann, der eine Frau vergewaltigt, im Bild, «Die gigantischen Tage» als Titel usw., usf. Man könnte meinen, die Bilder seien falsch beschriftet. Doch gerade dieses Falsche, Andere, Unkonventionelle ist wohl eine Botschaft seines Oeuvres.

Ver-rückt, nicht bloss Anti

Im Alltag unserer sozialpädagogischen Arbeit stossen wir immer wieder an Grenzen, wo es nicht weiter geht, wo weder Logik noch Psycho-Logik helfen. Antipsychiater wie Laing und Cooper haben dies in den Achtziger-Jahren thematisiert. Magritte bereits fünfzig Jahre früher! Und Peter Bichsel spielt dies poetisch mit den Mitteln der Sprache in der Geschichte «Ein Tisch ist ein Tisch» durch. Wie üblich war die Kunst früher als die Wissenschaft! Sie wurde nur nicht ernst genommen. Inverses Brainstorming, laterales Denken und ähnlich heisst solches heute in der Kreativitätsforschung.

Für uns: hier, heute und morgen

Wenn es stimmt, was das französische Sprichwort sagt, «Mal vue, mal dit», und ich ergänze mit «mal fait», dann ist es wichtig, dass wir uns in diesem anderen Sehen, Sprechen und Handeln üben, dass wir zweifeln am Selbstverständlichen, am gesunden Menschenverstand, der oft alles andere als gesund ist, einmal über Bord zu werfen. Vielleicht lernen wir so, die Probleme dieser Welt, am Beispiel unserer sozialpädagogischen Arbeit, neu zu lösen, einer Welt – und das macht uns René Magritte eindrücklich bewusst –, die alles andere als logisch, vernünftig und sinnvoll ist.