Angst, Glück und Lebenslust

Sich von Filmen etwas sagen lassen

Im Film «About Schmidt» erzählt der Amerikaner Alexander Payne von einem Mann, der pensioniert wird, in ein seelisches Loch fällt und von Angst überfallen wird. «Der Tulpenbaum» der Schweizer Beat Kuert und Simone Kriesemer lässt eine alte Frau ihr Leben, das ihr rundum geglückt ist, erzählen. «Moro no Brasil», der Dokumentarfilm des Finnen Mika Kaurismäki, zeigt am Beispiel der vielfältigen Spielarten brasilianischer Musik eine ungezähmte, ansteckende Lebenslust junger und alter Menschen.

«About Schmidt»

Traurig vor sich hin stierend wartet Warren Schmidt, bis der Zeiger der Bürouhr auf Fünf springt. Dann steht er zum letzten Mal auf und verlässt den leeren Raum: hinter sich die Arbeit, die ihm Halt geboten, die Aufgaben, die ihn gefordert, Kollegen, die mit ihm diskutierten. Jetzt ist er allein, steht vor etwas Unbekanntem, dem Nichts. Angst überfällt ihn, eine umfassende Lebensangst, die ihn einengt, verstummen lässt, depressiv macht. Als auch noch seine Frau Ellen nach 42 Jahren Ehe stirbt, verliert er seinen letzten Halt.

Erst nach einer geraumen Zeit des Trauerns entscheidet er sich für eine Tour mit seinem Wohnmobil. Das Ziel ist Denver, wo er sich mit seiner Tochter Jeannie, die gegen seinen Willen heiratet, aussöhnen möchte, was ihm jedoch misslingt.

Auf dem Weg

Auf der Fahrt durch das weite Land, bei der er neue Erfahrungen macht, beginnt Warren langsam, auch sein Leben neu zu ordnen. Er zieht traurige und komische Bilanzen. Eine brillante Charakterstudie eines einfachen Mannes, der durch den Pensionierungsschock aus der Alltagsbahn geworfen wurde, ist Payne mit diesem Film gelungen. Warren ist darin ein Anti-Held, grossartig dargestellt vom alternden Jack Nicholson.

Dieser machte vor dreissig Jahren schon einmal einen berühmten Trip: im Film «Easy Rider» fuhr er auf einem Motorrad, als Verkörperung der 68-er-Generation, durch den Westen. Damals war es der Aufbruch in ein neues Leben, heute eine Rückkehr, ohne Zukunft, ohne Ziel. Lediglich die versteckten Tränen am Schluss lassen eine leise Hoffnung wach werden, dass es auch für ihn wieder einmal besser werden kann.

«Tulpenbaum»

Der Filmemacher Beat Kuert und die Psychotherapeutin Simone Kriesemer haben einen Dokumentarfilm über die 92-jährige Henriette Hardmeier gedreht, der als Kontrapunkt zum ersten Film verstanden werden kann. Er zeigt, wie der Alltag eines alten Menschen nicht zwangsläufig in Abhängigkeit und Isolation führen muss. Er macht Mut und regt an, über das eigene Altwerden nachzudenken und dies im Sinne einer Lebensunternehmerin anzupacken.

Henriette hat fast ihr ganzes Leben im gleichen Ort am Zürichsee verlebt. Erst vor kurzem ist sie ins Altersheim umgezogen, wo sie jedoch nichts daran zu hindern scheint, weiter ihren vielseitigen Interessen nachzugehen und sich für die Gesellschaft zu interessieren. Aus ihren Statements erfahren wir einiges über das vergangene Jahrhundert, die Jahre des Krieges, des Aufbaus, aber auch ihre persönlichen Sorgen und Nöte von damals. Je länger wir hinschauen und hinhören, desto deutlicher merken wir, dass der Film nicht nur von Henriette erzählt, sondern gleichzeitig von uns, die wir ebenfalls täglich älter werden.

In sich ruhend

Dem Film gelingt es, die Worte, die Glück ausstrahlen, zu begleiten und zu vertiefen durch eine wiederkehrende Musik, eine kluge Montage und wunderbare Seelen-Landschaften. Die rhythmischen Wiederholungen wirken wie Jahrringe eines Baumes, die in Kreisen um den Mittelpunkt wachsen. Vergleicht man «Tulpenbaum» mit «About Schmidt», so erleben wir, wie nah Angst und Freude beisammen sein können.

«Moro no Brasil»

Der Dokumentafilm «Moro no Basil» von Mika Maurismäki, dem Bruder des bekannten Aki Kaurismäki, ist eine abenteuerliche, mitreissende, leidenschaftliche Dokumentation über die vielfältigen Spielarten brasilianischer Musik. Während dieser filmischen Reise begegnen wir Musikern, Sängern und Tänzern der unterschiedlichsten Stilrichtungen. Indianische und afrikanische Töne finden sich neben europäischen und arabischen Rhythmen. Für diese Menschen ist Singen, Spielen und Tanzen nicht bloss Ausdruck momentaner Stimmungen, sondern Fundament ihres Lebens.

Sein, nicht Haben

Für uns werden diese Lust versprühenden Bilder und Töne, trotz des materiellen Elends, in dem sie entstanden, Sinnbildern einer tief empfundenen Lebensbejahung und Lebenslust. Sie lassen erahnen, dass Glück weniger das Ergebnis eines Besitzes, der Daseinsweise des «Habens», als vielmehr des «Seins», der Daseinsform des Tuns, ist. Eines Lebens auf ein Du oder ein Es hin, die Menschen oder die Welt, gegründet auf Vertrauen, Spontaneität, Zärtlichkeit, Liebe.

Der Film zeigt, wie die Kinder in Brasilien mit Musik aufwachsen. Und wenn der 70-jährige Komponist Walter Alfaiate seine Samba «A.M.O.R.» singt, bekommt man Lust, mit dem fröhlichen Alten zu sprechen und in eines seiner Konzerte zu gehen. Lust, etwas «Trance-Artiges», wie der Regisseur meint, wird mit «Moro no Brasil» zum Gegenteil von Angst, die einengt, verschliesst und schliesslich tötet; Lust, die ausweitet, öffnet auf andere Menschen und fremde Welten hin.