Die Schweiz als Film

Die Ausstellung «Grosses Kino. Die Schweiz als Film» im Landesmuseum erweitert unser Selbstverständnis als Schweizer auf informative und unterhaltsame Weise.

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Man nehme eine breite Auswahl von Schweizer Spielfilmen und suche darin Szenen, die etwas über die Denk- und Lebensweisen der Schweizer Gesellschaft erzählen. Soweit die Grundidee der Sommer-Ausstellung «Grosses Kino. Die Schweiz als Film» im Landesmuseum Zürich. Filme sind wie ein historisches Möbel oder Hinterglasbilder Ausdrucksmittel der Kulturgeschichte, sie spiegeln den Zeitgeist. Beim Betrachten der Spielhandlungen erleben und erkennen wir, was «Schweiz», was «schweizerisch» auch bedeuten kann. Bekannte und vergessene Schweizer Filme erwecken Geschichten darüber zum Leben. Nicht Dokumentarfilme, die oft mit Thesen arbeiten, sondern Spielfilme, die Geschichten erzählen, werden gezeigt. Ob Filmfan oder Kinomuffel, die Ausstellung richtet sich an ein breites Publikum ohne Vorwissen über die Filmgeschichte.
Wenn ein Filmkritiker seinen Ausstellungsbericht mit «Die Schweiz ist ein Schnipselsalat» überschreibt, geht er wohl davon aus, dass es sich hier um Filmgeschichte, nicht um Kulturschichte, aufgearbeitet mit dem Medium Spielfilm, handle, wie ich die Ausstellung verstehe.

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Der Film als Museumsgegenstand
Der Hauptteil der Ausstellung ist in einem grossen Raum inszeniert, der zehn Kleinstkinos beherbergt, in welchen über hundert ein- bis drei-minütige Ausschnitte von Filmen aus der Zeit seit den 1920er Jahren bis in die Gegenwart zu sehen sind. Dafür wurden Themen ausgewählt, die das Selbstverständnis der Schweizer umschreiben. Die Ausschnitte sind nicht filmhistorisch, sondern kulturhistorisch oder «objektiviert subjektiv» ausgewählt, wie es der Kurator Walter Keller bei der Eröffnung formulierte. Erstaunlich, wie gross der Erlebnis- und Erkenntnisgewinn dieser Filme über die Schweiz ist! Das Publikum dürfte die Ausstellung mit dem Eindruck verlassen, auf unterhaltsame und inspirierende Weise etwas über die historisch-dynamischen Mentalitäten in der Schweiz im Verlauf der letzten hundert Jahre erfahren zu haben. Selbst Conaisseurs werden dabei Entdeckung machen.
Als Appetizer zwölf der über hundert programmierten Filme: «Höhenfeuer», «Sternenberg», «Die Schweizermacher», «Die letzte Chance», «Matto regiert», «Anne Bäbi Jowäger», «Les petites fugues», «Romeo und Julia auf dem Dorf», «Der Mustergatte», «La salamandre», «Marie-Louise» und «Café Odeon».

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Die untersuchten Themen …
Freiheit und Neutralität: Freiheit bedeutet, zwischen Möglichkeiten wählen und entscheiden können. Diese Idee findet Ausdruck in der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, welche Demokratie gegen innen und bewaffnete Neutralität gegen aussen sichern.
Lebenszeit – Jahreszeit: Rituale des Lebens- und Jahreslaufs sind in Spielfilmen gern gesehen. Sie fördern das Gemeinschaftsgefühl. Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod und Volksfeste sind Anlässe, um das Gemeinwesen zu festigen oder sich von ihm abzugrenzen.
Ihr und wir: Erst in neuer Zeit erkennt die Schweiz die Chance, die ihre Berge, Täler und Seen bieten. Deren industrielle und touristische Nutzung wird mit wachsender Mobilität möglich und erhöht den Wohlstand. Doch bedeuten diese Fremden Glück oder Unglück?
In Not: Abtreibung, Schwarzarbeit, Kindsmissbrauch, Hunger, Diebstahl, Vergewaltigung, Zerrüttung, Einsamkeit, Freitod sind beliebte Elemente des Kinos, sind auch im Schweizer Film Leitmotive, die aufrüttelnde Erzählungen vorantreiben.
Liebe: Sind Filme ein Abbild der Gesellschaften? Wenn ja, spielen Liebesgefühle im Schweizer Spielfilm zwar eine wichtige Rolle. Körperliche Lust und Begierde sind jedoch eher rar. Amors Pfeile schwirren zwar durch die Lüfte, treffen jedoch nur selten.
Generationen: Selten erzählen Filme Geschichten einer intakten Welt. Stoff finden sie in gefährdeten, tragischen, unglücklichen Lebensumständen, bei Spannungen zwischen Eltern, Kindern und Verwandten, in ländlich-traditioneller oder städtisch-moderner Umgebung.
Arbeit – Aufbruch: Klassische Darstellungen industrieller Arbeit sind im Schweizer Spielfilm selten. Szenen bäuerlicher Arbeit auf dem Hof und Einblicke in den Büroalltag sind die Regel, der Finanzplatz, Vieh- und Landwirtschaft scheinen als Filmstoff geeigneter.
Glaube: Christliche Rituale wie Taufe, Vermählung und Beerdigung, Tisch- oder Abendgebete sind in frühen Filmen im Leben der Menschen tief verwurzelt. Beim Bezwingen der Bergwelt zur Nutzung für Wasser und Weide leisten christliche Schutzheilige Beistand.
Herkunft – Mythos: Spielfilme tun sich schwer mit der Komplexität, sie brauchen Helden. Die Figur des Schützen Tell spielt eine wichtige Rolle. Wie er auf Befehl der Obrigkeit seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiesst, wird pathetisch oder ironisch, satirisch dargestellt.
Natur – Kultur: Natur ist die einzige Ressource des Landes. Ihre Bedeutung findet die Entsprechung in bewegenden Inszenierungen. Dem modernen Menschen dient die Natur als Gegenwelt zur Stadt, steht für Gesundheit, Freiheit und Ökologie oder Rückständigkeit.

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… und deren Vertiefung
Im zweiten Raum bietet die Ausstellung die Möglichkeit, eine Auswahl der Filme, die im ersten gezeigt wurden, auf iPads in voller Länge zu betrachten.
Wer die Ausstellung über Mittag besucht, erhält ein spezielles Lunch-Kino-Angebot: Hotdog und Eintritt für Fr. 10.–.
Weitere Auskünfte gibt es unter www.landesmuseum.ch.
Die Ausstellung dauert vom 4. Juli bis 19. Oktober.
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