Die Sozialarbeit der filmenden Brüder Dardenne

Jean-Pierre und Luc Dardenne, die «Sozialarbeiter des Kinos», verbinden Filmkunst und Sozialphilosphie und dürften professionellen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern wertvolle Impulse geben.

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Mit den Filmen «La Promesse» (1996), «Rosetta» (1999), «Le fils» (2002), «L’enfant» (2005) und «Le silence de Lorna» (2008), alle erfolgreich und preisgekrönt.

«La Promesse» – Wenn nur die Arbeit zählt

Wie eine Reportage kommt der Spielfilm, mit Handkameras gefilmt, fast nur von Laien gespielt und ohne Musik daher. Beton und Stahl, kaltes Blau und Rot, triste Stadtquartiere und Autostrassen sind die Welt dieses und ebenso der andern Filme. Roger und sein halbwüchsiger Sohn Igor bilden ein Team, wenn sie in der Garage krampfen, in Bars singen, gegen Bezahlung Flüchtlinge nach Belgien schmuggeln. Bevor einer davon stirbt, verspricht ihm der Junge, für Frau und Kind zu sorgen. Damit aber beginnt für ihn eine Art Menschwerdung. Ansonsten herrscht die neoliberale Norm, nach welcher der Mensch nur so viel wert ist wie seine Arbeit. Dennoch macht der Film, im Graubereich der Legalität situiert, schlummernde Menschlichkeit und das Bedürfnis nach Solidarität und Freundschaft erfahrbar. Ob der Blick der Film-Sozialarbeiter jenem der Professionellen da immer entspricht?

«Rosetta» – Vom Dabei-Sein zum Mit-Sein

Rosetta lebt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter in einer Wohnwagensiedlung. Nichts will sie mehr als eine geregelte Arbeit, in der Fabrik, im Verkauf, egal wo. Atemlos gleich einem gehetzten Tier rennt sie durchs Leben, fällt hin, rappelt sich auf und sieht dabei die Hand nicht, die ihr entgegen gestreckt wird. Sie ist besessen von der Furcht, unterzugehen, von der Schmach, Aussenseiterin zu werden. Hautnah wird sie von einer entfesselten Handkamera verfolgt, deren Nahe auch die Zuschauenden zu ertragen haben.

Gerade heute, wo die Soziale Arbeit gelegentlich Wissenschaft statt Arbeit wird, macht dieser Film erlebbar und bewusst, dass der Kern dieses Berufes wohl weiter Dabei-Sein, Mit-Sein, Mit-Leiden mit Elend, Leid und Not der Menschen bedeutetet. Oder verallgemeinert und existentiell vertieft, es «Sein» immer nur im «Mit-Sein» gibt (Thomas von Aquin).

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«Le fils» – Wenn Geheimnisse das Leben prägen

Nach den eher düsteren Filmen «La Promesse» und «Rosetta» folgt mit «Le fils» die am Schluss optimistische, wenn auch stets bewegende und provozierende Geschichte des Schreinermeisters Olivier, dessen Leben durch das Erscheinen eines neuen Lehrlings aus den Fugen gerät. Die beiden muss eine dunkle Vergangenheit verbinden, die sich jedoch erst nach und nach erhellt. Ein Geheimnis ist es, was die beiden verbindet und trennt. Geheimnisse sind es doch gelegentlich auch, die im Alltag der Sozialen Arbeit Grenzen setzen, welche zu akzeptieren sind. «Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumt», meinte bereits Shakespeare im «Hamlet». Und wer hier nicht schon seine Unzulänglichkeit und Begrenztheit erlebt hat, handelt wohl eher an der Oberfläche.

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«L’enfant» – Weshalb man ein Baby verkaufe kann

Bruno ist zwanzig, Sonja achtzehn, sie leben von ihrer Sozialhilfe und seinen Gaunereien. Soeben hat sie ihren gemeinsamen Sohn Jimmy geboren. Wie kann der Kind gebliebene, sympathische Bruno aber wirklich Vater sein, wenn er weiter sorglos in den Tag hinein lebt und sich durch Betrügereien durchs Leben schlägt? Ein erschütterndes Sozialdrama, angesiedelt in den Geschichten und Beziehungen junger Randständiger und Kleinkrimineller. Doch wenn die beiden am Schluss in der Gefängniskantine schluchzend sich umklammern, wirken sie wohl für die meisten Zuschauenden menschlicher als jene andern, bei denen es gleicherweise nur ums Geld geht: die Grosskriminellen der «freien» Marktwirtschaft, die als Hohepriester des Kapitalismus täglich tausende von Menschen, verschleiert im vernebelnden Netz der Globalisierung, umbringen.

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«Le silence de Lorna» – Der Menschen als Handelsware

Die Albanerin Lorna (siehe Bild) träumt davon, mit ihrem Freund einen Snack zu eröffnen. Dafür gerät sie in einen teuflischen Komplott und muss zuerst belgische Bürgerin werden. Dafür lässt sie sich auf die Machenschaften eines Kumpels ein, der ihre Heirat mit einem Drogensüchtigen arrangiert. Trotz neuem Pass soll sie mit einem russischen Mafioso eine zweite Scheinehe eingehen, weshalb der Junkie weg muss. Schon vom Anfang weg gibt es neben Mord und Todschlag, professionellen Mafiosi und provinziellen Gangstern auffällig viele Geldtransaktionen. Schliesslich sind es die Menschen selbst, die gebraucht, gewechselt, verschoben, gekauft und verkauft werden. In ihrer Opferbereitschaft und Selbsthingabe wird Lorna zur Menschen-Ware. Dies die pessimistische Aussage; doch es gibt auch eine optimistische. Am Schluss spricht Lorna nämlich, obwohl es (für uns) unklar ist, ob sie wirklich schwanger ist, inbrünstig mit ihrem ungeborenen Kind – und dies zu Klaviermusik von Beethoven. Lorna als der «gute Mensch», wie die Sozialarbeiterin, der Sozialarbeiter?

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Die Kinofilme und die DVD von «Le fils» und «L’enfant» sind bei www.xenixfilm.ch, die andern DVD bei www.cede.ch oder www.amazon.de (nur französisch und englisch) erhältlich.