Dokumentarfilme für die Soziale Arbeit

Spielfilme handeln von Lebensgeschichten - die Soziale Arbeit auch, Dokumentarfilme von Lebenswelten - die Soziale Arbeit ebenfalls.

Deshalb kann jede Bewusstseinserweiterung mit Lebensgeschichten und Lebenswelten bei der Rezeption von Filmen auch unsere Arbeit als Sozialarbeiter, als Sozialpädagogin, als Sozialbegleiter verbessern. Denn wir können neue Aspekte und Dimensionen einer Sache kennen lernen oder fremde Lebensgeschichten und Lebenswelten «probehandelnd» durchleben. - Dies sei hier an vier Filmen aus dem aktuellen Kinoprogramm versucht.

«We feed the world» - Wir essen uns zu Tode

Die Weltwirtschaft wäre heute in der Lage, zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Dass trotzdem täglich 100 000 am Hunger sterben, ist keine Frage der Ressourcen, sondern eine Folge der kapitalistischen Weltordnung, die sich in erster Linie an der Profitmaximierung orientiert. Das wissen wir (unter anderem aus dem Film "We feed the world" des Österreichers Erwin Wagenhofer). Er geht darin der simplen, doch essenziellen Frage nach, woher wir eigentlich unsere Nahrung (z. B. Tomaten, Poulets, Rindfleisch) haben, und beschreibt die Mechanismen des internationalen Agrobusiness. Dabei gelingt es ihm, komplexe Zusammenhänge und mörderische Fehlentwicklungen kenntnisreich und anschaulich darzustellen, so dass sich uns, analog zu Neil Postmans «Wir amüsieren uns zu Tode», ein «Wir essen uns zu Tode» aufdrängt.

Die Folgen dieser «Ordnung» sind Hunger, Durst, Krankheit, Armut und Elend, denen wir tagtäglich im Umgang mit Einzelnen und Gruppen in der Sozialen Arbeit begegnen, die uns Fragen stellen.

«White Terror» - Die Rassisten unter uns

Der dritte und letzte Teil von Daniel Schweizers Trilogie über Skinheads, Hass und Rechsextremismus - nach «Skinhead Attitude» und «Skin or Die» - ist wichtig. Denn darin enthüllt der welsche Filmemacher, nach mehrjährigen umfangreichen Recherchen innerhalb der aktiven Gruppen der Bewegung, als bedeutende internationale Verbindung eine Achse Stockholm - Moskau - Dallas von «White Powe» und den «New-Racists»-Parolen. Mit seinen Untersuchungen trägt er dazu bei, der «widerlichen Bestie», wie Brecht sie nannte, ein neues Gesicht zu geben, dieser Bestie, die über sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sich wieder ausbreitet und eine neue Generation von Rassisten heranzieht.

Der Film beginnt in der Schweiz, endet in der Schweiz und zeichnet in den internationalen Szenen interessante Psychogramme rassistischer Persönlichkeiten, wie wir ihnen ansatzweise oder vollumfänglich oft auch bei uns begegnen.

«Exit» - Die Schwierigkeit des endgültigen Entscheids

Wir stossen an die Grenzen unserer Fähigkeiten, wenn es gilt, Klientinnen oder Klienten, die ihr Leben beenden wollen, zu begleiten oder zu beraten. Hier holt uns der Film von Fernand Melgar ab. Er trägt nicht nur den Namen der bei bekannten Sterbehilfeorganisation, er handelt von deren welschem Zweig. Sorgfältig und anschaulich werden zuerst die Arbeit der Begleiterinnen, fast alles Frauen, die Triage am Telefon, die Besuche bei den Todkranken, nachvollziehbar ihre Überlastung, vorgestellt. Sichtbar wird dabei auch die Sonderstellung der Schweiz mit ihren liberalen Gesetzen und den Probleme im Zusammenhang mit der europäischen Gesetzgebung.

Dies alles bleibt im Rahmen einer guten Fernsehreportage. Ihr Gewicht erhält der Dokumentarfilm durch die eindrucksvolle Darstellung der Anteilnahme und vor allem den Bildern eines Freitodes vor laufender Kamera. Spätestens in der Schluss-Sequenz können wir uns nicht mehr hinter Regeln, Rezepten und Theorien verstecken, betrifft es uns: als Fachperson und/oder Privatperson.

«Die grosse Stille» - Kloster als Meditationsraum

Neunzehn Jahre nach der ersten Begegnung des Regisseurs Philip Gröning mit dem Prior des Klosters ist er nun da: der erste Film über die «Grande Chartreuse», das Mutterkloster des n Schweigeordens der Karthäuser. Eine strenge, fast stumme Meditation über das Klosterleben, das ist der Film. Ohne Musik, ohne Interviews, ohne Kommentar. Wir erleben Kloster und leben Kloster, gehen in die Stille und meditieren hier. Nur der Lauf der Zeit, der Wechsel der Jahreszeiten und das sich wiederholende Gebet gliedern den fast dreistündigen Film. Der Autor beschreibt ein Leben, das vom Gebot des Schweigens und der weltlichen Abgeschiedenheit geprägt ist, und zeigt uns Menschen, die ihr Leben ganz Gott widmen.

Gerade weil in der heutigen verakademisierten Lehrplänen solche Erfahrungen vergessen werden, bietet sich mit diesem Film Gelegenheit, solches nachzuholen. In der Praxis stehen wir immer wieder vor solchen Fragen.