Drei eindrückliche Musikfilme

Zwei Dokumentar- und ein Spielfilm stellen Menschen vor, deren Leben die Musik ist. Die Spannung zwischen Privatleben und Berufsleben, zwischen Leben und Kunst trifft uns alle.

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«Appassionata» von Christian Labhart

Alena Cherny, 1967 in der Ukraine geboren, ist Konzertpianistin mit Leib und Seele und geht auf in ihrer Musik. Ihr Spiel verrät Trauer und Wut, aber auch Freude und Liebe. Fernab von ihren Eltern in einem Internat in Kiew gross geworden, emigrierte sie nach der Katastrophe von Tschernobyl, als sie neunzehn war, in die Schweiz. Heute ist sie hier als Künstlerin etabliert und möchte sich einen Herzenswunsch erfüllen: Der Musikschule ihres Heimatdorfes einen Flügel schenken. Zusammen mit dem Instrument geht sie auf die Reise in die Vergangenheit. Diese führt sie an die Orte ihrer Kindheit, zu ihren Eltern, ins damalige Internat und nach Tschernobyl – immer getragen und beflügelt von der Musik, die ihr Elixier bedeutet und Lebenssinn gibt.

«Appassionata» ist die eindrückliche Geschichte einer Emigration und die berührende Geschichte einer Heimkehr, gleichzeitig das Portrait einer starken Frau, Musikerin und Musikpädagogin. Sie vereint in ihrer Person das ganze Spektrum von stillen Tönen bis Paukenschlägen, von Klarinettenklängen bis Posaunenstösse. Der Film zeigt, welche emotionale Kraft Musik auszudrücken vermag, wie sie ein Leben auch unter erschwerten Bedingungen mitgestalten und über Grenzen hinweg Menschen miteinander verbinden kann. Ein einfühlsamer Bericht des Schweizer Dokumentaristen Christian Labhart («Zwischen Himmel und Erde» über die Anthroposophie in der Schweiz, «Zum Abschied Mozartۘ» über eine Oberstufenklasse, die das Requiem von Mozart einstudiert), zum Teil mit Unterstützung durch das Musikkollegium Winterthur, mit Musik von Mozart, Bach, Beethoven, Chopin und ukrainische Volksmusik. «Musik ist die einzige Welt, in der ich ich selbst sein kann. Wütend, traurig, lieb, nett, alles, was ich will. Mit den Worten kann man lügen, mit den Tönen nicht», sagte sie in einem Interview, und weiter: «Ich lebe allein mit drei Flügeln. Andere würden sagen: Sie leben mit drei Katzen.»

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«Argerich» von Stéphanie Argerich

Die Pianisten Martha Argerich und Stephen Kovacevich, zwei Giganten der klassischen Musik, werden aus der Perspektive ihrer Tochter Stéphanie Argerich, die 1975 in Bern geboren wurde, porträtiert. Vor allem ist es aber das Porträt der «Göttin» im Himmel der Kunst und ihrer drei Töchter. Wie gelingt es Martha, ihre künstlerische Karriere, also ihre Selbstverwirklichung, mit der Partnerschaft und der Mutterrolle in Einklang zu bringen? Mit dieser Frage im Hinterkopf geht die junge Filmemacherin in ihrem siebten Dokumentarfilm ans Werk. Entstanden ist ein liebevolles und dennoch kritisches Porträt der grossen Frau und Künstlerin, persönlich, wie es nur die Tochter, kompetent, wie es nur eine musikalisch versierte Filmemacherin realisieren kann.

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Der Dokumentarfilm «Argerich» vermittelt ein aufregendes Eintauchen in das Reich Argerich und in das Herz einer aussergewöhnlichen und äusserst matriarchalischen Familie. «Als Tochter zweier Koryphäen der Musikszene ist man nicht auf Rosen gebettet. Der Weg zur Selbstbehauptung weist ohne Zweifel nochmals mehr Hindernisse auf als sonst üblich. Man wächst mit legendären Vorbildern auf, und diese werden von einer Leidenschaft verzehrt, welche nicht viel Raum für ein Familienleben lässt», meint die Tochter und Regisseurin.

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«A Late Quartet» von Yaron Zilberman

Das Quartett ist ihr Leben: Musik, Liebe, Leidenschaft, Familie und Freundschaft, Gemeinschaft. Der renommierte Cellist eines weltberühmten Streichquartetts erhält eine Diagnose, die nicht nur sein Leben komplett verändert, sondern auch die gemeinsame Zukunft des Quartetts, in dem er spielt. Unterdrückte Emotionen, Egokonflikte und unkontrollierbare Leidenschaften brechen hervor, die eine jahrlange Freundschaft und fruchtbare Zusammenarbeit aus den Fugen zu bringen drohen. Als die Vier das Konzert zu ihrem 25-jährigen Jubiläum, ihrem womöglich letzten gemeinsamen Auftritt, vorbereiten, können nur ihre intime Verbundenheit und die enorme Kraft der Musik helfen, den Auftritt durchzustehen, ihr Lebenswerk zu einem ehrenvollen Ende und einem hoffnungsvollen Neuanfang in neuer Besetzung zu bringen.

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Yaron Zilberman, der amerikanische Regisseur und Filmemacher, hat in das Drehbuch von «A Late Quartet» einen sensationellen Einfall eingebaut. Beim Streichquartett Nr. 14 in cis-moll, Opus 131, verlangt Beethoven, dass alle sieben Sätze «attaca», also ohne Pause zu spielen sind, was die Instrumente zwangsläufig verstimmt, jedes auf eine ganz andere Art und Weise. Was sollen die Musiker nun machen? In der Mitte gegen den Willen des Komponisten stoppen und neu stimmen? Oder ihre Tonlage während des Spielens mühselig korrigieren und so bis zum Ende spielen? Das erweist sich als die perfekte Metapher für die langjährige Beziehung, in der die Musiker miteinander leben und arbeiten. Wenn sie sich, einzeln oder gemeinsam, über einen langen Zeitraum hinweg ändern, entstehen automatisch Probleme und müssen die zwischenmenschlichen Beziehungen ständig neu justiert, auf einander abgestimmt werden.

In musikalischer Hinsicht entführt das grossartige Musikstück auf eine emotionale Achterbahn: die Gruppe und uns. In diesem Punkt verdichtet sich die über dem ganzen Film herrschende psychische Dynamik. Sie trifft uns und wühlt uns auf. In diese innere Bewegung einschwingen können wir uns die ganze Filmlänge, weil exzellente Darsteller die Figuren verkörpern, exzellente Musiker die Melodien spielen. Ich muss gestehen, dass ich streckenweise nicht mehr wusste, ob ich mich in einem Dokumentar- oder in einem Spielfilm befinde, ich war einfach weg.

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Zwischen Privatleben und Künstlerexistenz

Auch grossen Musiker sind Partner, Freunde, Geliebte von andern, sind Vater oder Mutter von Kindern, also eingebunden in Beziehungen, in Gemeinschaften, wo Verantwortung verlangt und geboten wird. Doch ist ein solches Doppelleben überhaupt möglich? Ohne Konflikte nicht! Diese Konflikte anzuschauen und zu hinterfragen, bieten uns die obigen drei Filme: «Appassionata» aus einer zeitlichen und räumlichen Distanz, «Argerich» von ganz nah gesehen, «A Late Quartet» vielleicht am schönsten, weil es um vier Künstler und ihre vielfältigen Beziehungen geht.

Die drei Filme betreffen nicht nur Musiker, Künstler, sondern auch gewöhnlich Sterbliche. Auch wir befinden uns oft in einem solchen Zwiespalt, einer Zerreissprobe, wo wir uns zu entscheiden haben. Filme wie diese drei sensibilisieren und problematisieren uns für ein besseres Leben in solchen Situationen.