Drei Innenansichten aus dem Nahen Osten

Die Spielfilme «Fill the Void», «Wadjda» und «When Pigs Have Wings» sind wunderbare und gehaltvolle Berichte aus dem seelischen Untergrund der Menschen in Nahost.

fill-the-void.jpg

Nur selten laufen fast gleichzeitig in den Kinos drei mehrfach ausgezeichnete Filme aus dem Nahen Osten. Keine Filme, die Kriege zeigen, sondern solche, die den Islam und das Judentum, Israel, Palästina und Saudi Arabien von innen zeigen, so wie die Menschen dort leben. Solche Bilder sind politisch wichtig. Denn der Nahe Osten ist nicht nur ein Ort von Krieg und Terror, sondern ein Ort, wo Menschen ihren Alltag leben, sich freuen und trauern, sich anstrengen und versagen. Beispielhaft gezeigt mit einem muslimischen Mädchen, das hartnäckig aufbegehrt, einer jungen ultraorthodoxen Jüdin, die in einer verzwickten Situation einen Ausweg sucht, und einem Mann in Gaza, der sich mit Witz und Schlauheit durchs Leben mogelt.

«Fill the Void» von Rama Burshtein, Israel

Fröhliche Musik klingt durchs Haus, die Stimmung ist ausgelassen. Die jüdisch-orthodoxe Familie der 18-jährigen Shira begeht das Purimfest. Da werden die Feiernden unvermittelt von einem schweren Schicksalsschlag ereilt. Shiras zehn Jahre ältere Schwester Esther stirbt während der Geburt ihres ersten Kindes. Zurück bleibt ihr Ehemann Yochay mit dem neugeborenen Buben. Nach einiger Zeit plant er, wieder zu heiraten, und zwar eine Frau, die in Belgien wohnt. Rivka, die Mutter von Esther und Shira, ist verzweifelt, möchte ihr Enkelkind nicht verlieren. So macht sie schliesslich einen gewagten Vorschlag: Yochay könnte Esthers jüngere Schwester Shira heiraten, die zwar selbst in einen andern Mann verliebt ist, damit sie in Tel Aviv bleiben.

Regisseurin Rama Burshtein ist die erste ultraorthodoxe Jüdin, die in Israel einen Film fürs Kino gedreht hat. Sie wurde 1967 in New York geboren und studierte Film und Fernsehen in Jerusalem. In dieser Zeit war Rama tief religiös und unterstützte nach ihrem Studium orthodoxe Gemeinden, vor allem deren Frauen, mit Filmen.«Auf das Abenteuer, diesen Film zu drehen, habe ich mich aus einem tief empfundenen Schmerz heraus eingelassen. Ich habe gespürt, dass die ultraorthodoxe jüdische Gemeinde keine „kulturelle Stimme“ hat. Politisch haben wir eine laute Stimme, sogar eine sehr laute, doch im kulturellen und künstlerischen Bereich kann man uns als stumm bezeichnen.»

«„Fill the Void“ öffnet ein Fenster, erzählt eine kleine Geschichte aus einem sehr speziellen und komplexen Universum. Und weil diese Geschichte eine ganz eigene, selbstbewusste Kraft hat, werden Vergleiche zur säkularen Welt ausgespart. Ich glaube, wenn es eine Brücke zwischen der religiösen und der säkularen Welt geben sollte, müsste sie auf vorurteilsfreier Ehrlichkeit und einem gemeinsamen Nenner beruhen, der aus dem Herzen kommt. (…) Im Film sieht man eine spezielle Seite von Tel Aviv, eine weniger bekannte und gleichwohl authentische. Ich wohne selbst dort, gehöre zur ultraorthodoxen Gemeinschaft der Chassidim. Wir führen ein pulsierendes und ausgefülltes Leben. Wir leben in Frieden mit unseren säkularen Nachbarn, mischen uns nicht in deren Leben ein, sie sie nicht in das unsere.»

So nahe an die ultraorthodoxen jüdischen Menschen ging bisher, soweit ich weiss, noch kein Film, weder dokumentarisch noch fiktional. Dieser Film verlangt von uns Neugier, Offenheit und Empathie, das Neue, das Andere unvoreingenommen aufzunehmen.

Trailer

www.filmcoopi.ch

«Wadjda» von Haifaa Al Mansour, Saudi Arabien

Wadjda ist ein 10-jähriges Mädchen, das in einem Vorort von Riad, der Hauptstadt Saudi Arabiens, lebt. Obwohl sie in einer konservativen Welt aufwächst, ist Wadjda unternehmungslustig, zu jedem Spass bereit und geht gerne an die Grenzen dessen, was hier möglich ist. Nach einem Streit mit ihrem Freund Abdullah, einem Jungen aus dem Quartier, weil sie mit den Jungen nicht mitspielen darf, sieht sie ein schönes grünes Fahrrad, das zum Verkauf angeboten wird. Das will sie, um damit Abdullah in einem Rennen zu schlagen. Doch das wird ihre Mutter nicht zulassen, denn Velo fahren ist in ihrer Gesellschaft für Mädchen verboten. Wadjda aber setzt sich darüber hinweg. Doch sie braucht Geld, viel Geld. Wadjda Pläne werden immer wieder durchkreuzt, doch sie gibt nicht auf. Da wird an der Schule ein Wettbewerb mit Zitieren von Koranversen ausgeschrieben, für den ein schönes Preisgeld ausgesetzt wird. Sie meldet sich, und ihre Lehrerinnen beginnen, die Schülerin als frommes und fleissiges Mädchen zu unterstützen.Der Wettbewerb wird nicht leicht sein, vor allem für eine Unruhestifterin wie Wadjda. Doch sie beisst sich durch die für sie fremde Materie, denn es geht schliesslich um ihren grossen Traum …

vadjda.jpg

Haifaa Al Mansour ist die erste weibliche Filmemacherin in Saudi-Arabien und wird heute im Königreich als bedeutende Filmer-Persönlichkeit angesehen. Ihren Bachelor-Abschluss in Literatur machte sie an der American University in Kairo, ihren Master in Regie- und Filmwissenschaft an der Universität von Sydney. Der Erfolg ihrer drei Kurzfilme, sowie die internationale Anerkennung für ihren preisgekrönten Dokumentarfilm «Women Without Shadows» verhalf ihr, in Saudi Arabien eine Kino-Welle zu starten. Innerhalb des Landes wird sie sowohl gelobt als auch geschmäht, doch sie löst breite Diskussionen über Themen wie Tabus, Toleranz, Orthodoxie, Frauen aus. Al Mansour wurde so zu einer Vorkämpferin gegen die Mauer des Schweigens rund um das Leben der saudischen Frauen.

Ich kenne keinen Film, in dem ich, und auch das Publikum um mich herum, mit so viel Schmunzeln und Lächeln so viel Bemerkenswertes und Wissenswertes erfahren habe. Informationen, die wir brauchen.

Trailer

www.praesens.com

«When Pigs Have Wings» von Sylvain Estibal, Gaza

Der Fischer Jafaar hat es nicht leicht: Statt grosser Fische geht ihm bloss Unrat ins Netz und plötzlich sogar ein Schwein, das in der stürmischen letzten Nacht wohl von einem Frachter ins Meer gestürzt ist. Nun hat er ein gewaltiges Problem: Schweine gelten bei den Palästinensern wie auch den Juden als unreine Tiere und sind mehr als unerwünscht. Darin sind sich die jüdische und die palästinensische Bevölkerung ausnahmsweise einig. Der Unglücksrabe Jafaar versucht alles, um das lästige Schwein möglichst schnell loszuwerden und beginnt dabei einen skurrilen, aber nicht ungefährlichen Handel, der seine klägliche Existenz verbessern soll.

when-pigs-have-wings.jpg

«When Pigs Have Wings» ist eine herzerfrischende und kluge Komödie über das Leben im Nahen Osten, speziell in Gaza. Dem französische Journalisten, Schriftsteller und Regisseur Sylvain Estibal (*1967) gelingt hier die schwierige Gratwanderung: zwischen Beschönigen und Dramatisieren der Lebenssituation. Und setzt auf einen befreienden, d. h. Freiheit schaffenden Humor und ein Schwein im Schafspelz. Dabei verschweigt er die für die Palästinenser politisch und menschlich hoffnungslose Situation nicht, belässt sie jedoch im Hintergrund und zeigt im Vordergrund, wie Jafaar – und viele andere Palästinenser – sich durch das Leben schlagen, ähnlich wie einst der «Brave Soldat Schwejk». Der vom Pech verfolgte Fischer Jafaar steht stellvertretend für die eingeschlossenen Menschen im Gazastreifen, die im Spannungsfeld leben zwischen den alltäglichen Sorgen ums Überleben und den Zwängen des israelischen Militärs und dem Diktat der islamischen Fundamentalisten. Mit originellen Einfällen, Witz und Feingefühl für die brisanten Situationen schickt Estibal in seinem Filmdebut Jafaar und sein Schwein auf eine ebenso köstliche wie irrwitzige Odyssee durch den Gazastreifen. Herausgekommen ist erfrischendes Kino, das sich mit Intelligenz und Humor dem Thema nähert und mit einem Funken Hoffnung auf Frieden endet. In der Hauptrolle der grossartige Komödiant Sasson Gabay, der 2007 den Europäischen Filmpreis als bester Darsteller für «The Band’s Visit» erhalten hat.

«Wir haben von Israelis und von Palästinensern gehört, dass Lachen Mangelware ist und ihnen schmerzlich fehlt. Ausserdem ist es die beste Möglichkeit, die Absurdität der Situation zu denunzieren. Dieses Lachen miteinander zu teilen, ist für uns eine Möglichkeit, den Völkern dabei zu helfen, sich ihnen anzunähern.» Drei Gründe des Filmemachers für seinen Film, die ich ergänzen möchte mit der Feststellung, dass mir noch nie stärker bewusst wurde, dass «Witz» von «Wissen» kommt, als in «When Pigs have Wings».

Trailer

www.frenetic.ch

Drei Ansätze, drei Narrative verständlicher zu machen

Die drei Filme sind vollgepackt mit Informationen über das Judentum, den Islam, das Leben in Tel Aviv, Riad und Gaza. Es gibt wohl nur wenige andere Filme, die ähnlich viele wichtige Informationen über die Innenwelten der Menschen in diesen Ländern und Religionen vermitteln wie diese drei total verschiedenen, unterhaltsamen und gleichwohl ernsthaften Spielfilme. Was hier als Motor für die Protagonisten fungiert, ist auch der Motor des Lebens aller Menschen in dieser Region. Ihre Lebensgeschichten rollen Rama Burshtein, Haifaa Al Mansour und Sylvain Estibal meisterhaft auf, ohne dabei lehrhaft oder didaktisch zu werden.

Aus diesem Abrollen der aufgerollten Vergangenheit entsteht das heutige Narrativ: die Befindlichkeit, das Sich-Fühlen, das Selbst-Verständnis. Diese Narrative haben wir fürs Erste zu hören, wahrzunehmen, für wahr zu nehmen. In diesem Sinne sind diese drei Filme ein Muss für alle, die den Menschen im Nahen Osten ein klein wenig Achtung schenken.