Feuer heisst Liebe, die ausbricht, erloschen ist oder schwelt

Drei Kinofilme handeln vom Feuer – gemeint ist die Liebe – wenn es unvermittelt ausbricht, wenn es erloschen ist, wenn es weiter schwelt. «Höhenfeuer» zeigt die Liebe zwischen zwei Geschwistern; «Tout va bien» schildert, wie es ist, wenn die Liebe erloschen ist; «Sous le sable» thematisiert den Zustand, wenn ein Partner verlassen wird, die Liebe dennoch schwelt.

«Höhenfeuer»

Das Meisterwerk des Schweizers Fredi M. Murer erzählt vom «Bub» und seiner Schwester Belli, die zusammen mit Vater und Mutter auf einem entlegenen Hof in den Bergen leben. Der Bub ist taub und geht nicht zur Schule. Belli bringt ihm Rechnen und Schreiben bei. Die Arbeit der Kinder bedeuten für die Eltern das Überleben auf ihrem kargen Stück Land.

Durch die Enge und Abgeschiedenheit werden Bub und Belli von frühester Kindheit an ein unzertrennliches Paar, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden eines Tages ein Tabu bricht. Wenn sie aus dem Traum erwachen, sind sie ein Liebespaar und bleiben es bis zum tragischen Ende.

Ein Feuer, das ausbricht

Das Leben am Rande der Zivilisation läuft nach den Regeln der Natur ab, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Der taubstumme Bub verkörpert darin die Ausgeschlossenheit des Daseins und wird gleichzeitig zum Katalysator für deren Bewusstmachung. Der Stumme handelt; die andern sprechen, bleiben aber sprachlos. Der Bub nimmt alles wie mit einem siebten Sinne wahr.

Der Film durchmisst in einem Kalenderjahr ein ganzes Menschenleben. Dass Bruder und Schwester sich wie geheime Komplicen auf ihrer aussichtslosen Flucht zusammen finden zum Inzest – Wie falsch und moralisierend klingt doch das Wort! – , ist ein Augenblick hell aufflackernden Lebens und Liebens, ist das Höhenfeuer.

«Tout va bien – on s'en va»

Zu Beginn des Films von Claude Mouriéras scheint alles im Lot. Drei Schwestern geniessen die Leichtigkeit des Seins in Lyon. Die älteste, Laure, kümmert sich um den Haushalt und die vom Vater zurückgelassene Tangoschule. Béatrices Leben ist vom wirtschaftlichen Erfolg geprägt. Sie ist reich, grosszügig und wähnt sich unentbehrlich. Claire, das Nesthäkchen, lebt als verkanntes Klaviertalent, geht allen auf die Nerven, und trotzdem hat man sie gern.

Das Leben ist wunderschön, bis ihr alter Vater Louis (Michel Piccoli) nach fünfzehn Jahren Abwesenheit bei ihnen auftaucht und das prekäre Gleichgewicht zerstört. Er kommt wie ein Fremder, ein egoistischer, alter Mann, der kein Zuhause mehr hat, sich vor dem Sterben an seine Töchter erinnert und mit unbelehrbarer Hartnäckigkeit darauf pocht, von ihnen aufgenommen zu werden.

Ein Feuer, das erloschen

Was an Erinnerungen auftaucht, wird in einer beispiellosen Choreographie der hellen und der dunklen Gefühle von drei grossartigen Schauspielerinnen (Miou Miou, Sandrine Kiberlain, Natacha Régnier) gezeigt. «Tout va bien» ist ein Kammerspiel über den Fluch, miteinander leben zu müssen, und der Sehnsucht, nicht allein leben zu wollen. Er zeigt, wie gross die Verwirrung der Gefühle zwischen den Generationen werden kann, wie die drei wieder die kleinen Mädchen von damals werden, sobald der Vater sich wie ein streunender Hund in ihr Leben einschleicht. Es geht nicht um das Vergangene, sondern darum, wie man mit den Erinnerungen daran lebt.

«Sous le sable»

Jahr für Jahr verbringen Jean und Marie, in einem sorgsamen Ritualen von Menschen, die sich schon lange kennen, ihre Sommerferien am Atlantik. Doch dieses Jahr geschieht etwas Unerwartetes, während die fünfzigjährige Frau am Strand schläft, verschwindet ihr sechzigjährige Mann. Ist er ertrunken? Oder geflohen? Marie ist konfrontiert mit dem rätselhaften Verschwinden ihres geliebten Jean.

François Ozon hat sich zu seinem vierten Spielfilm von einem Erlebnis inspiriert, das er als neunjähriger Knabe hatte. Das Bild der Frau, die damals mit den Habseligkeiten ihres Mannes allein weg fuhr, hat ihn zutiefst verfolgt, ihn immer wieder fragen lassen, was wohl aus ihr geworden ist. Aus diesen bohrenden Fragen wurde ein Film, der auch uns Zuschauende in den tiefsten Gründe der Seele berührt.

Ein Feuer, das schwelt

Die 56-jährige englische Schauspielerin Charlotte Rampling spielt psychologisch absolut überzeugend die Hauptrolle der fragenden, suchenden, leidenden, zwischendurch auch geniessenden, verlassenen Frau. Ihr Gesicht, ihr ganzer Körper erzählt eine hoch dramatische, doch vollkommen innere Geschichte. Die Kamera unterstützt sie dabei meisterlich. Der Film zeigt in einer wunderbar poetischen, menschlich glaubwürdigen Art die klassischen Stufen des Abschied Nehmens. Vertiefung erfährt er in der Auslotung der letzten existentiellen Unsicherheit, die daran zweifeln lässt, was man gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnet.

Mir ist kein Film bekannt, der mit ähnlicher Intensität die Geschichte erzählt von einer Beziehung, die sich auszeichnet durch eine reife Ferne in der Intimität und eine zarten Intimität in der Ferne, und die Geschichte einer reifen Frau, die gegen die absolute Bedrohung des Alters angeht und mit ihrer Einsamkeit lebt.