Filme, die das Ganze zu deuten versuchen

Die Erde sehen wir als Erdkreis, den Erdkreis als spezielle Form des Kreises, den Kreis als Symbol der Vollkommenheit, des Ganzen. Grosse Kunst versucht oft, anstelle von Einzelthemen das Ganze des Lebens zu zeigen und zu deuten.

yiyi.jpg

Yi Yi

Drei Filmen im aktuellen Kinoangebot gelingt dies in hohem Mass: «Amélie de Montmartre» deutet die Welt als eine heile, «Songs from the second floor» als eine unheile, «Yi Yi» als ein Sowohl als auch, faszinierend und erschütternd zugleich, eingebettet im Raum der Generationen.

Die heile Welt: «Amélie de Montmartre»

«Amélie de Montmartre» von Jean-Pierre Jeunet begeistert das Publikum in hellen Scharen. Warum? Weil der Film nicht bloss dieses oder jenes Thema abhandelt, sondern mit seinen Thema das Ganze zu zeigen versucht: die ganze Welt darstellt und interpretiert als ein Märchen, das glücklich endet, weil die Protagonistin sich zum Ziel setzt, andere Menschen glücklich zu machen.

Dass ein solcher Film die Menschen begeistert, leuchtet ein. Wer kennt nicht die Sehnsucht nach der heilen Welt, dem Guten, dem «endzeitlichen Happy End»? Es tut uns an Geist, Seele und Körper gut, eine solche positive Gesamtschau der Welt zu erleben. Sie richtet uns auf, lässt uns erfahren, dass der menschliche Gang eigentlich der aufrechte ist.

Die unheile Welt: «Songs from the second floor»

Die Welt können wir aber auch anders sehen: Die Schau der unheilen Welt endet unglücklich. Solches drängt sich einem heute nur allzu leicht auf, nach dem Zuger Massaker und der New-Yorker-Tragödie. Einer, der mit diesen Bildern einen genialen Film geschaffen hat, ist der Schwede Roy Andersson. Es ist «Songs from the second floor».

Er hat diese schwarze Geschichte zwanzig Jahre lang vorbereitet und sie während vier Jahren gedreht: mit 46 kompromisslosen Stilleben einen Albtraum geschaffen, der niemand kalt lässt. Seine Weltschau gleicht jener Kafkas und erinnert an Bunuel. Diesen Film zu sehen, ist eine Herausforderung, die sich jedoch des Erkenntnisge-winns und der Erlebnisbereicherung wegen lohnt. Der Film zeigt auf, dass der Mensch auch ein Geschlagener, ein Geknechteter sein kann, was ebenfalls zur «Condition humaine» gehört.

Das Sowohl als auch: «Yi Yi»

Was der Taiwaner Edward Yang mit seinem vielfach preisgekrönten Film «Yi Yi», uns vorlegt, ist für mich eines der seltenen Meisterwerke der Siebten Kunst. Er zeigt vordergründig das Leben einer Familie im heutigen Taipeh. NJ ist ein Mann Mitte vierzig, verheiratet, Vater zweier Kinder, erfolgreich im Beruf und doch nicht glücklich mit sich und seinem Leben. Am Rande der Hochzeit seines Schwagers trifft er seine Jugendfreundin wieder und macht kurz darauf mit ihr ab, während zu Hause die Schwiegermutter im Koma liegt. Sein achtjähriger Sohn lässt uns ungeahnte Dinge entdecken und stellt ungewohnte, doch entscheidende Fragen. Die älteste Schwes-ter sammelt erste Liebeserfahrungen und lernt, dass sich Glück nicht zwingen lässt.

Soweit die Handlung. Man könnte sie jedoch mit Nebengeschichten ergänzen, die sich wie Ranken um den Plot winden. Doch auch diese machen nicht den eigentlichen Wert des Filmes aus. Es ist die Form, die das Werk zu dem machen, was es ist. Und diese ist eindringlich, genau, einfühlsam, anteilnehmend, in allem Alltäglichen den Sinn des Lebens suchend. Yang behandelt nicht Themen, sondern anhand der Themen das Ganze, das Leben, den Kreis der Menschen, den Erdkreis, die Erde. «Das Thema meines Films ist schlicht und ergreifend das Leben, ein Leben, dessen ganze Bandbreite ich habe zeigen wollen.» Bei diesen «Spiegelungen des Lebens» entsteht ein Bogen von der Geburt zum Tod, ein Lebenskreis von universeller Bedeutung. Er handelt vom Wachsen und Reifen, Älterwerden und Sterben, von Liebe, Trauer, Lust, Trennung, Sehnsucht, Freude, Streit, Freundschaft, Reue, Erfolg, Sehnsucht usw.

Uns Westlern bringt der Film zudem nahe, was unserem Denken seit den Griechen fremd geblieben ist: die Bedeutung des Kollektivs, die Überzeugung, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile. Er zeigt uns das Lebens, das eingebunden ist in den Strom der Generationen.

Grossmutter- und Kinderweisheit

Die Grossmutter nimmt eine wichtige Rolle ein. Mit ihr haben sich die andern auseinander zu setzen, in der Begegnung mit ihr werden sie sich ihrer selbst bewusst, er-kennen sie, wer sie sind. Der Junge Yang-Yang – Der Regisseur heisst Yang! – nimmt neben ihr einen weiteren wichtigen Part ein. Er lernt die Welt und die Men-schen kennen und benützt dafür seinen Fotoapparat. Mit grosser Naivität nimmt er Mücken, Unterwasserschnecken und andere Nichtigkeiten auf, um den Eltern zu be-weisen, dass es sie gibt. Er fotografiert aber auch Menschen, doch stets von hinten, um den Abgebildeten zu zeigen, was sie sonst nicht sehen, dass es immer noch «die andere Seite der Wahrheit», die anderen Seiten der Wahrheiten gibt.