Filme, die Fragen stellen

Gute Filme – und um solche handelt es sch bei den folgenden Titeln sicherlich – stellen mit den Erlebnissen, die sie auslösen, Fragen. Antworten darauf geben sie kaum, diese hat das Publikum selbst zu suchen. Somit gibt es nicht eine Antwort, sondern viele verschiedene, weil jede und jeder die Filme anders sieht. Erst wenn diese Antworten zusammenkommen, ergeben sich daraus auch relevante Aussagen über die Filme.

«Tuyas Hochzeit» – Was ist eine Ehefrau?

Die schöne und standhafte Tuya sorgt in den weiten Steppen der Mongolei für ihren gehbehinderten Ehemann Bater und die beiden gemeinsamen Kinder. So wacker die Schafhirtin auch arbeitet, ewig kann sie die Familie nicht alleine durchbringen. Das Paar beschliesst, sich scheiden zu lassen, damit sie einen anderen Mann heiraten kann, der ihnen die Zukunft sichert. Zahlreich sind die Anwärter, doch keiner möchte sich um den Behinderten kümmern, wie sie es sich wünscht. Schliesslich trifft sie eine Wahl jenseits aller Vernunft. Doch es bleibt ihr die Sehnsucht und der Respekt vor ihrer Familie. Dass die individuelle Geschichte in den gesellschaftlichen Rahmen der Modernisierung gestellt wird, gibt dem Film zusätzliche Welthaftigkeit.

Der Chinese Wand Quan»an stellt in seinem fast dokumentarischen Spielfilm eine Frau in einer höchst schwierigen, kaum lösbaren Entscheidungssituation vor, bei welcher weder die eine noch die andere Lösung die richtige oder die falsche ist. Faszinierend, motivierend und wohl in jede Weltregion und Lebenssituation übertragbar sind die Vitalität, Stärke, Grösse und der Stolz dieser Frau, was bei den Zuschauerinnen und Zuschauern, wenn sie sich in Schwierigkeiten befinden, Kräfte wecken kann, um seine Probleme zu lösen.

«Madonnen» – Was ist eine Mutter?

Die fünffache Mutter Rita lebt fernab jeglicher Rollenklischees und gängiger Moralvorstellungen. Sie zieht mit ihrem Jüngsten durch die Welt und muss wegen Diebstahls für längere Zeit ins Gefängnis. Während sie ihre Strafe absitzt, drängt sie die anderen vier Kinder der Obhut ihrer Mutter Isabella auf. Doch diese betreibt ein Restaurant und nimmt sich nur sehr wenig Zeit für ihre Enkel. So muss Fanny, das älteste der Geschwister, die Verantwortung für die jüngeren allein übernehmen und wird dabei schnell erwachsen.

Maria Speth skizziert in ihrem Spielfilm vorurteilslos und ohne moralischen Zeigefinger, wie eine junge Frau gegen den Strom der Erwartungen schwimmt und dabei immer irgendwie überlebt. Ob das, was sie tut, richtig oder falsch ist, bleibt offen. Die bis zum Schmerz provokativen Szenen fordern auch das Publikum heraus, stellvertretend für Rita probehandelnd in dieser Situation dafür eigene Lösungen zu suchen. Ob diese richtig oder falsch sind, kann ebenfalls nicht eindeutig und abschliessend beantwortet werden. Ob Ritas älteste Tochter irgendwann über ihre Mutter sagen wird: «Für mich war sie nie eine Mutter», bleibt offen.

«La consulation» – Was ist ein Arzt?

In der Praxis des Hausarztes Dr. Luc Perino in Lyon folgt eine Sprechstunde der andern. Die Patienten kommen, um ihre Schmerzen, Freuden und Anliegen zu deponieren, weil man «oft viel mehr den Arzt als dessen Medizin braucht». Im Lauf des Dokumentarfilms wird das Publikum mit einem Hausarzt bekannt gemacht, der sich nicht bloss mit der Notwendigkeit konfrontiert sieht, klinische Fälle zu heilen, sondern mit der Diagnose angsterfüllter Menschen und deren Verunsicherungen, Störungen und Nöten. Dabei entsteht für ein nuanciertes, gelegentlich komisches, doch stets berührendes Bild eines ungewöhnlichen Allgemeinpraktiker, der sich bemüht, für die Patienten «Antworten zu finden und deren Klagen zuzuhören».

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Wie Hélène de Crécy zusammen mit dem Porträtierten den Arztberuf hinterfragt, könnten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter auch ihre Arbeit grundsätzlich zur Diskussion stellen. «Dieser Film scheint mir auch eine Erfahrung und eine Lektion der Menschlichkeit zu sein, die jeder zu erleben eingeladen ist. Er gibt keine Antworten und Lösungen vor, vielmehr schafft er Raum für eine Bewusstwerdung», meint die Filmemacherin.