Filme mit Nachrichten, Kunstwerke zur Unterhaltung

Filme enthalten Informationen und Geschichten aus andern Welten: «Bashkim» von einem Flüchtling aus dem Kosowo, «Escape To Paradise» Asylanten aus der Türkei: Nachrichten, nach denen wir uns richten. Kunstwerke sind Erfindungen, Fiktionen und als das bieten sie Unterhaltung: Unterhalt(ung), Nahrung für Leib und Seele.

«Bashkim» – Dokumentarfilm über einen Kosowo-Flüchtling

Im Zentrum des Films von Vadim Jendreyko, 1965 in Bremen geboren, seit 1969 in die Schweiz ansässig, steht der junge Albaner Bashkim Berisha. Ein Filmteam hat ihn während zwei Jahren begleitet. Zu Beginn war er siebzehn, hatte jedoch schon ein umfangreiches Jugendstrafregister, durch das sich Raufhändel und Körperverletzungen wie ein roter Faden ziehen. Als Schweizermeister im Thaiboxer stand er kurz vor dem Durchbruch. Dann geschah einiges, was ihn erschütterte. In seiner Heimat brach Krieg aus. Zwei Cousins wurden erschossen, das Haus des Vaters wurde zerstört. Eines Tages geriet er in eine Schlägerei, in deren Verlauf er zwei Polizisten niederschlug und flüchtete. Er stellte sich, kam in Untersuchungshaft, nach acht Monate entliess man ihn. Er begann wieder mit Boxen, denn ohne Ausbildung und mit seiner Vergangenheit sieht er keine andere Perspektive.

Von der Sprache der Fäuste

Der Film gibt Einblick in Bashkims Welt und das Leben der Familie Berisha. Der junge Mann ist entwurzelt, nirgends zu Hause, sprachlos, in keiner Sprache «daheim». Er kann das, was er denkt und empfindet, nicht in Worten ausdrücken, bedient sich deshalb der Sprache der Fäuste. Am Schluss wird ihm klar, dass er diese Sprache durch die Sprache der Wörter ersetzen muss. Damit bestätigt er indirekt die Richtigkeit der Praxis, die vielerorts die Schulsozialarbeit zu verfolgen beginnt. Doch müssten neben Kursen, in denen die Umgangssprache gelernt wird, «Sprachkurse» angeboten werden, wo Strategien für neue Konfliktlösungen eingeübt werden könnten. Programme, in denen es darum geht, sich zu konzentrieren, Gefühle zu zeigen, mit Regeln zu streiten, «soziale Kompetenz» zu lernen. (www.frenetic.ch)

«Escape To Paradise» – ein Film über Asyl Suchende in der Schweiz

Sehmuz, seine Frau Delal und ihre drei Kinder sind aus der Türkei in die Schweiz geflüchtet. Vorübergehend leben sie im Asylzentrum, mit Flüchtlingen aus Afrika und Osteuropa, die trotz ihrer Narben und Alpträume dem gemeinsamen Alltag komische Seiten abzugewinnen vermögen. Doch ihre Schicksale klingen für die Behörden nicht echt genug, behauptet sein kurdischer Landsmann Aziz. Er schickt Sehmuz zu einem Schweizer, der ihm eine glaubwürdige, mit falschen Dokumenten belegte Biografie erfindet. Sehmuz überredet Delal, ihren Familienschmuck zu versetzen, und kauft damit einen neuen Lebenslauf, den er mühsam auswendig lernt. Bei der alles entscheidenden Befragung aber kann er sich nicht an das Wetter damals in Izmir erinnern...

«Real Acting» – mit den Betroffenen, statt für sie

Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die mit Betroffenen gemeinsam geschrieben und zu einer Tragikomödie entwickelt wurden. Menschen aus acht verschiedenen Kulturen waren am Werk, einige spielten im Film. Der Schweizer Nino Jacusso arbeitete mit den Elementen eines neuen Realismus. «Real Acting» nennt er den Zugang, bei dem Personen in einer aus ihrem Leben gegriffenen und dramatisierten Story vor der Kamera agieren. Wie in der Sozialen Arbeit gilt dabei: möglichst mit den Betroffenen, statt für sie. (www.filmcoopi.ch)

Anselm Kiefer mit seinen hintergründigen Bilderwelten

«Ich erzähle in meinen Bildern Geschichten, um zu zeigen, was hinter der Geschichte ist. Ich mache eine Loch und gehe hindurch.» Dieser Satz von Anselm Kiefer, einem der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, führt hin zu dem nicht leicht zugänglichen Werk. Er erzählt innere Geschichten, obwohl er gegenständlich malt, erschöpft sich nicht in Farben und Formen, obwohl er sie meisterlich beherrscht. Er träumt Innenräume dieser Welt, setzt Irdisches und Kosmisches zueinander in Beziehung. Wenn wir versuchen, meditierend in die dunklen, meist monumentalen Bilder der Traumwelten einzudringen, beginnt einem der Atem zu stocken. Was Victor Hugo über die Musik schrieb, gilt für diese Malerei: (Sie) «drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.»

Grundbefindlichkeiten

Was ist es, das uns packt: anzieht und zugleich abstösst? Vielleicht sind es die uns allen innewohnenden existenziellen Grundbefindlichkeiten, die der Künstler Gestalt werden lässt. Am Anfang des Lebens vor der Welt stehen und in sie hinein gehen? Eine Erfahrung, wie man sie ähnlich bei einer Geburt machen kann. In der Zeit leben und von ihrem Lauf wie von Sanddünen überdeckt werden? Am Grabe eines geliebten Menschen kann es einem ähnlich ergehen. Unter dem unendlichen Sternenhimmel liegen und in ihn eingehen? Blaise Pascal hat dieses unendlich Grosse und unendlich Kleine beschrieben. Unter einer Sonnenblume liegen und spüren, dass man Teil des Kosmos wird? Wenn wir uns in einer geliebten Landschaft oder Umgebung geborgen fühlen, kann es einem ähnlich ergehen. Das ist ein Versuch, zögernd mit Worten zu erfassen, was geschehen kann, wenn man diesen Bildern begegnet.

Wie tief Kiefer ins kollektive Unterbewusst vorstösst und wie mysteriös es in dieser Welt zu- und hergehen kann, lässt uns sein Bild «Lilith» aus dem Jahre 1997 (!) erahnen. Es zeigt ein bleiernes Flugzeug, das sich bedrohlich einer Stadt mit hohen Wolkenkratzern nähert. Kein Besucher und keine Besucherin geht daran vorbei, ohne zu erschrecken. Das Gemälde wurde Ernst Beyeler wenige Stunden vor der Katastrophe von New York und Washington von einem Händler angeboten. Der Titel verweist auf einen sumerischen weiblichen Dämon aus dem Jahr 2000 vor Christus. Ein Beispiel seiner «Durchbrüche» durch Raum und Zeit.

Was sollen diese Bildern aber für Menschen, der in der Sozialen Arbeit tätig ist? Sicher gibt der Künstler keine Antworten auf konkrete Fragen ihres Alltags. Doch sie können Sinn schaffen, Hinter- und Untergründe zeigen, vor denen und auf denen wir und auch unsere Klienten sich bewegen. Sinnstiftungen braucht die Soziale Arbeit; alle Wissenschaft der Sozialen Arbeit genügt letztlich nicht. Kunstwerke können Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen Wegzehrung bieten, Unterhalt(ung), Nahrung für die Seele, ohne die alle Arbeit leer bleibt. (www.beyeler.com)

Niki de Saint Phalle und ihre Frauen

Gegenwelten zu Kiefer führt uns Niki de Saint Phalle mit ihren Werken aus den Jahren 1952 bis 2001 vor. Sie «dekliniert» und «konjugiert» in unzähligen Zeichnungen, Bildern und Plastiken die «Substantive» und «Verben» für Frau und Frau-Sein durch. Das Oeuvre strahlt Licht, Heiterkeit, Lebensfreude, Lust, Sinnlichkeit, Sexualität, Mütterlichkeit aus. Sie führt uns Mädchen, Weiber, Engel, Huren, Bräute, Megären, Hexen, Sphinxe, Geliebte vor.

Eine Phänomenologie der Frau

Es lohnt sich, in diesem Werk den Versuch einer Phänomenologie der Frau und des Frau-Seins zu machen. Ich denke, dass ihr Werk vor allem Frauen ansprechen wird, indem sie ihre Selbstbilder, ihre Fremdbilder, ihr Selbstverständnis, ihr Denken und Fühlen thematisiert. Doch dürfte sie – analog der Reise in eine «terra incognita» – auch Männern die Augen und den Geist für die Frau öffnen. Viele ihrer eigenen Figuren eignen sich dafür, interessanter noch werden jene Figuren, die sie mit ihrem Lebensgefährten Jean Tinguely zusammen geschaffen hat.