Filme über das Judentum

Drei aktuelle Kinofilme handeln von Menschen, die in der jüdischen Religion und Moral verankert sind und Probleme haben mit der jüdischen «Mitzwod», dem Regelwerk der Tora.

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Nicht selten sind Denken, Fühlen und Handeln in der Religion begründet, was sich bei der Beratung der Klientel in der Sozialen Arbeit auch gelegentlich erschwerend auswirken kann. Drei aktuelle Kinofilme handeln von Menschen, die in der jüdischen Religion und Moral verankert sind und Probleme haben mit der jüdischen «Mitzwod», dem Regelwerk der Tora. Es sind dies: «Eyes Wide Open» des israelischen Regisseur Heim Tabkman, «Cínco dias sin Nora» der Mexikanerin Mariana Chenillo und «A Serious Man» der Amerikaner Joel und Ethan Coen.

«Eyes Wide Open» – Homosexualität gibt es nicht!

Als der junge, attraktive Student Ezri in Aarons Metzgerei tritt, scheint dies nicht mehr als ein glücklicher Zufall. Ezri sucht Arbeit, Aaron braucht einen Arbeiter. Die beiden verstehen sich schnell und ohne Worte. Im Umgang mit dem Jungen erwacht im Familienvater jedoch ein lange unterdrücktes Verlangen, gegen das er sich nur schwer wehren kann: Sie verlieben sich. Unter dem strengen Gewand des Glaubens gerät Aarons Welt ins Wanken, denn Ezri eröffnet ihm eine bisher unbekannte Welt der Freiheit, die den Tiefgläubigen den Boden unter den Füssen verlieren lässt.

Heim Tabkman, der Regisseur des intensiven Dramas, meint: «Das wirkliche Problem ist, dass in unserer Religion Homosexualität nicht eine Sünde ist, denn sie existiert offiziell gar nicht, wie kann man also mit etwas umgehen, von dem geschrieben steht, dass es das gar nicht gibt? Im Talmud steht, die Söhne Israels seien davon gar nicht betroffen. Gott hat dies so eingerichtet. Homosexuell zu sein ist wie eine Krankheit, die man leicht behandeln kann.» Dass ein Teil der 613 Regeln des Talmud Menschen behindern, verletzen und zerstören, wird nach meiner Meinung sichtbar an der Militarisierung des israelischen Lebens und der sechzig-jährigen Besetzung Palästinas sowie psychischen Abnormitäten.

«Cínco días sin Nora» – Das Nullsummenspiel der Rituale

Nora und José waren einmal ein Paar. Nun sind sie ins Alter gekommen und seit zwanzig Jahren geschieden. Sie leben in zwei gegenüberliegenden Wohnungen in einer mexikanischen Stadt. Nora plant ihren Tod und will dabei ihren Ex-Mann noch einmal tüchtig auf Trab bringen. Ihr letzter Wille ist, dass er sich um ihr Begräbnis kümmere, das sich der jüdischen Beerdigungsgebräuche wegen um fünf Tage verzögert und komplizierter als erwartet gestaltet. Zudem findet José ein kompromittierendes Foto, das ihn in Aufregung versetzt, bis er sich in Erinnerung an die Zeit mit der Welt und mit Nora versöhnt.

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Voll Überraschungen und leichthändig erzählt Mariana Chenillo im Film von einem neuen Leben, das entsteht, nachdem ein Leben geendet hat. Wie ein Phönix steigt José aus der Asche des dumpfen Abgestorben-Seins, nachdem er seine tote Ex-Frau gefunden hat. Kompliziert wird die Geschichte durch die Beerdigungsrituale des Talmuds, die dem erklärten Agnostiker José das Leben erschweren. Was in der Komödie belächelt werden kann, erweist sich in der Realität oft als Absurdität, wo man von der Religion doch eigentlich Trost oder Sinn erhofft. Wie im Film können im Leben Rituale und Mythen Ausdruck einer Furcht sein, Traditionen und Mythen zu verlieren, die heute oft instrumentalisiert werden im Staatsterror gegen palästinensische Selbstmordattentate und in der Psychopathologie einzelner Politiker.

«A Serious Man» – Keine Hilfe von den Rabbis

Eigentlich lebt Larry Gopnik ein beschauliches Leben in einer kleinen jüdischen Gemeinde im Mittleren Westen. Er ist ein liebender Ehemann, fürsorglicher Vater und erfolgreicher Professor. Doch irgendwie läuft alles plötzlich nicht mehr so wie gewohnt. Die Gattin verlangt die Scheidung, der Sohn bekommt Schulprobleme, die Tochter beginnt zu stehlen, der psychisch labile Bruder hockt nur noch auf der Couch. Als ob die Familie nicht schon genügend Probleme ertrüge, gerät auch noch seine Karriere ins Trudeln. So beschliesst er, sich Hilfe bei Rabbinern zu holen, doch ohne jeden Erfolg – und das Kartenhaus stützt weiter in sich zusammen.

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Die Kultregisseure Joel und Ethan Coen haben zugeschlagen: persönlicher und verrückter als in früheren Werken. Die beiden Juden nehmen jüdisches Verhalten frech und exzessiv auf den Arm. Die Geschichte bietet Gelegenheit für höchst unterhaltsame, überraschende, amüsante Einfälle dramaturgischer, sprachlicher, visueller und psychologischer Art. Nach dem Sinn des Ganzen fragend schreibt der Kritiker der «New York Times»: Der Film «ist, wie sein biblischer Ursprung, eine destillierte, übertriebene Erzählung der menschlichen Lage», also eine jüdische «Conditio humana», von innen gesehen, in Hassliebe ad absurdum geführt und zur Diskussion gestellt. Mancher Klient, manche Klientin findet sich in dieser Story wieder, was auch für die Sozialarbeiterin, den Sozialarbeiter wichtig ist zu erkennen.