Filme über Werte, Ethik, Moral

Filme, die auf- und anregen, unberührt lassen sie niemanden. Wen wir uns mit ihnen auseinandersetzen, werden sie uns wichtig, sehr wichtig sogar, weil sie uns zwingen, unsern Standort zu definieren, Stellung zu beziehen.

«Damen und Herren ab 65» – Von den Werten des Alters

Der Dokumentarfilm «Damen und Herren ab 65» von Lilo Mangelsdorff wurde von der Deutschen Filmkritik als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Er ist die filmische Neuauflage des fünfundzwanzig Jahre alten Klassikers des modernen Tanztheaters «Kontakthof» von Pina Bausch. Der Film handelt von dreizehn Männern und zwölf Frauen, die das Stück einübten und aufführten.

Niemand der fünfundzwanzig ausgewählten Personen konnte sich genau vorstellen, was auf sie zukam. Und dennoch hatten sie sich für das Experiment entschieden und ins Neuland vorgewagt. Sie erlebten dabei Erfolge und Misserfolge, kamen gelegentlich an ihre Grenzen. Doch angefeuert durch die Leiterin, aufgehoben in der Gruppe und bestätigt durch die allmählich sich einstellenden Erfolge, erlebten sie immer neue Selbstbestätigung. Sie arbeiteten über Jahre mit höchster Konzentration, übten die Koordination ihrer Sinne, Glieder und Bewegungen, wagten aus sich heraus zu treten, ausgelassen zu spielen, Gefühle wie Angst, Ablehnung, Aggression, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Lust, Liebe, Begierde, Freude und Versöhnung zu zeigen.

Spielen lockert und befreit, weil echtes Spiel sich nie dem Zweck unterwirft, sondern zweckfrei auf den Sinn hinsteuert. Durch diese Lockerung lässt es die Menschen Facetten von sich entdecken, die vergessen oder verschüttet waren. Was tief drin in diesen alten Menschen geschieht, zeigt uns die Kamera von Sophie Maintigneux. Der Film macht erlebbar, was im Alltag geschlummert hat und gibt ihm Gestalt. Die Spielenden erfahren sich während der Arbeit als geistig beweglicher als zuvor, weil sie körperlich beweglicher geworden sind. Die Körpersprache, «die Gebärdensprache ist die eigentliche Muttersprache der Menschheit», schreibt der ungarische Filmtheoretiker Béla Balász.

«Les Choristes» – Von der Ethik der Sozialpädagogik

Frankreich 1949. Man kämpft mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Um die Resozialisierung der vielen Waisen, Halbwaisen und traumatisierten Kindern voranzubringen, gründete man Wiedereingliederungszentren und erstellt für jedes Problemkind ein psychologisches Profil. Dies der Hintergrund von «Les Choristes», dem Erstlingswerk von Christophe Barratier.

Der arbeitslose Musiker Clément Mathieu tritt in einem solchen Heim die Stelle als Hilfslehrer an. Keine einfache Aufgabe, wie er schon am ersten Tag feststellt. Nicht nur ist das Internat ein düsterer Ort, sondern auch die Zöglinge benehmen sich ziemlich ausgelassen. Ein durch einen Bubenstreich verletzter Mitarbeiter flüstert Mathieu beim Abschied noch schnell die Namen der schlimmsten Bösewichter zu. Doch mehr Mühe als die Buben, die seine Nerven und Erziehungsmethoden auf die Probe stellen, bereitet ihm die Art des Direktors, der seine Zöglinge mit rabiaten Methoden zur Vernunft zu bringen versucht. So nicht! Das sagt sich Mathieu, doch aufgeben will er auch nicht. Also macht er wo immer möglich Widerstand und stellt sich auf die Seite der Buben. Er beginnt mit ihnen zu singen und verwandelt den Haufen rotznasiger Taugenichtse in wenigen Wochen in einen engelsgleichen Chor.

Ähnlich wie in «Être et avoir», dem französischen Dokumentarfilm über einen Dorfschullehrer, wird hier ein Erzieher porträtiert, dessen Wirken wir zu unserem Tun als Sozialpädagogin oder Sozialbegleiter in Beziehung setzen können. Darum steht für uns auch nicht so sehr die Ästhetik des Films im Vordergrund, als vielmehr folgende Fragen: Wie hätte ich mich in dieser oder jener Situation verhalten? Wo hätte ich warum eventuell anders gehandelt? Der Film provoziert meine Stellungnahme, besser unsere Stellungnahme, doch dafür müssten wir gemeinsam den Film sehen und uns gemeinsam damit aus-ein-ander-setzen.

«Muxmäuschenstill» – Von der Problematik der Moral

Ähnlich persönlich trifft uns in der Sozialpädagogik oder Sozialbegleitung Tätige der Film «Muxmäuschenstill» des deutschen Schauspielers Jan Henrik Stahlberg und des Regisseurs Marcus Mittermeier. Wer von uns hat nicht schon verzweifelt nach Anstand, Sitte, Moral gerufen! Und wer sich nicht schon vehement distanziert von den Moralisten, Sittenwächtern, den Anständigen! Genau in diesem kommunikativen Feld, auf dem wir uns bewegen, bewegt sich auch der Film und der Hauptdarsteller Mux. Seine grosse Mission ist, der Gesellschaft wieder Ideale und Verantwortungsbewusstsein beizubringen. Dazu fängt er im Kleinen an. Rasern auf der Strasse schraubt er als pädagogische Massnahme das Lenkrad ab. Schwarzfahrern redet er solange ins Gewissen, bis diese in sich gehen. Hundebesitzern drückt er auf der Strasse schon mal den Kopf in das Häufchen, das ihr Tierchen hinterlassen hat.

Der Kampf für mehr Moral und Solidarität ist streng, darum engagiert Mux den Assistenten Gerd. Zusammen haben sie Erfolg. Nicht nur, dass sich die meisten überführten Straftäter einsichtig zeigen, sondern auch die Presse interessiert sich bald für ihn und seine Mission. Doch erst als die Kellnerin Kira in sein Leben tritt, begegnet er einer andern Art zu leben, wird es für ihn todernst, zeigt sich die Immoralität seiner Moral und wird er selbst zum Gesetzesbrecher.

Der Film regt auf und an, unberührt lässt er niemanden. Wen wir uns mit ihm auseinander setzen, wird uns der Film wichtig, sehr wichtig sogar, weil er uns zwingt, unsern Standort zu definieren, Stellung zu beziehen.