Filme zum Sensibilisieren und Hinterfragen

Liebe, Sex, Gewalt, Einsamkeit sind Ereignisse, denen man auch in der Sozialen Arbeit begegnet. Gute Filme können helfen, solche Themen in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität auszuloten. «SozialAktuell» stellte in 6/06 zwei Titel unter «Liebe im Film», in 7-8/06 weitere Titel unter «Kommunikationsformen im Film» vor. Hier folgen sechs weitere Hinweise auf aktuelle Filme.

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«Grbavica» - Leben als Mutter und Kind des Hasses

Esma lebt allein erziehend mit der 12-jährigen Tochter Sara im Nachkriegs-Sarajevo. Das Mädchen freundet sich mit Samir an, der wie sie keinen Vater hat. Beide sollen als «Kriegsmartyrer» gestorben sein, heisst es. Doch Sara ist verwundert, dass sie nicht erfahren kann, wer ihr Vater war und wie er starb. Wenn das heikle Thema angesprochen wird, erhält sie ausweichende Antworten. Esma erklärt ihrer Tochter, dass der Leichnam des Vaters nie gefunden wurde. Doch Sara wird das Gefühl nicht los, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmt und stellt weiter Fragen.

Der Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic zeigt auf radikale Weise, wie Frauenschicksale auch sein können: am eigenen Körper erlittener Krieg, leben als Mutter und Kind der Gewalt, der Menschenverachtung.

«Emmas Glück» – eine Paarbeziehung auf den Kopf gestellt

Emma bewirtschaftet einen heruntergekommenen Bauernhof, wo sie einen höchst liebevollen Umgang mit ihren Schweinen pflegt. Der Autohändler Max will, nachdem er weiss, dass er Krebs hat, mit gestohlenem Jaguar und gestohlenem Geld nach Mexiko. Doch alles kommt anders. Emma und Max begegnen sich, und es beginnt eine Geschichte voll Tragikomik. Wie die beiden miteinander umgehen, was ihnen alles passiert, ist etwas vom Erfrischendsten, was das deutsche Kino in den letzten Jahren geboten hat, voll Witz, Biss und tiefer Menschlichkeit, inklusive einem «zärtlichen» Diskurs über Sterbehilfe.

Der Film unter Regie von Sven Taddicken und mit zwei exzellenten Protagonisten ist die Geschichte einer Liebe mit Hindernissen, wo Rollen auf den Kopf gestellt und es drunter und drüber geht. Dabei werden Grenzsituationen menschlichen Verhaltens unerwartet und schräg gezeigt, dass sie zum Verstehen und Nachvollziehen einladen.

«Vers le sud» – Wenn Frauen Zärtlichkeit suchen

Anfangs der achtziger Jahre war Haiti, trotz politischen Wirren, ein beliebtes Ferienziel, ein wahrhaft tropisches Paradies. Vor allem europäische und amerikanische Touristinnen suchten dort die Gesellschaft junger Haitianer, die Charme, Zärtlichkeit und Sex gegen ein paar Dollar tauschten. Die Britin Helen und die Amerikanerin Brenda, zwei Frauen in reifen Jahren, erlebten solches, bis ihr Flirt mit dem schwarzen Legba zur leidenschaftlichen Liebesgeschichte wird, die tragisch endet.

Der Film der Französin Laurent Cantet schildert sensibel und konsequent die Geschichte einer Passion, einem Gemisch zwischen Intimität, Macht und Geld, wie sie von Männern alltäglich, von Frauen nur selten im Kino zur Darstellung kommt. Der Film zeigt in wertfreier Offenheit, was Françoise Sagan mal folgendermassen schrieb: «Wenn ich alt bin, werde ich junge Leute bezahlen, mich zu lieben. Denn die Liebe ist das Süsseste, das Lebendigste und das Sinnvollste vor allen anderen Dingen. Egal wie hoch der Preis dafür ist.»

«Sehnsucht» – Antike Tragödie auf dem Dorf

Ein Mann und eine Frau, beide anfangs Dreissig, leben in einem Dorf, lieben sich seit Kinderzeiten. Markus ist Schlosser und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, Ella arbeitet ein paar Stunden in der Woche als Haushalthilfe. Markus besucht ein Schulungsseminar der Feuerwehr in der Kreisstadt. Abends wird viel getrunken, gelacht und getanzt. Am nächsten Morgen wacht er in der Wohnung der Kellnerin Rose auf und kann sich nur vage erinnern, was geschehen ist. Als er versucht zu verstehen und die Verhältnisse wieder ins Lot zu bringen, nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Der Film der Deutschen Valeska Griesebach mit drei wunderbaren Protagonisten lässt uns Leidenschaft erfahren und nach deren tiefsten Sinn erfragen: reales Leben und gleichzeitig ein klassische Tragödie.

«The House of Sand» – Generationen übergreifende Frauenschicksale

Sind wir nicht schon am Meer oder in der Wüste gesessen und haben erlebt, wie aus Landschaften Geschichten entstanden. So ähnlich dürfte der Film des Brasilianers Andruscha Waddington entstanden sein: eine Betrachtung über die Existentialen des Mensch-Seins, vor allem des Frau-Seins.

Eine Grossmutter, Mutter und Tochter stehen im Mittelpunkt dieses wunderbaren Filmepos, das am Rande der Zivilisation handelt und sich über 59 Jahre erstreckt. Dona Aurea und ihre Mutter Maria gelangen an einen gottverlassenen Ort mitten in einer Sandwüste. Aureas Mann Vasco glaubt, das trostlose Land fruchtbar machen zu können. Als er stirbt, ist Aurea schwanger. Mit ihrer Mutter und der Tochter Maria lebt sie fortan im Haus auf der Düne. Einziger Vertrauter wird Massu, der entlaufene Sklave, von dem sie lernen, mit Tauschhandel zu überleben. Die Hoffnung, die Gegend je verlassen zu können, bleibt unerfüllt. Trost findet sie in den Armen eines Leutnants, während Maria von der Musik und der Stadt träumt.

«The Woman in the Dunes» – Eros und Sisyphos im Sand

Ein Mann aus Tokio treibt sich am Strand fernab der Stadt herum, sucht Käfer und Kleintiere. Er verpasst den letzten Bus und wird zu einem Haus in den Dünen geleitet, wo er die Nacht verbringen kann. Bewohnt wird es von einer Frau, die allein im Sand lebt und gegen die wandernden Dünen ankämpft. Es gibt kein Entkommen, die Stickleiter, die ihn auf die Düne hätte zurückführen können, wurde hoch gezogen. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen diesem Mann und dieser Frau und die Entdeckung der Möglichkeit, Wasser aus dem Sand zu gewinnen, werden für den Mann wichtiger als das Wiedererlangen seiner Freiheit.

Der Mann verkörpert Sisyphos. Das Umfeld erinnert an Kafka. Das Paar lebt «Huit-clos». Der Schwarz-Weiss-Film von Hiroshi Teshigahara aus dem Jahre 1964 ist epochales Kino!