Frau und Mann, Gewalt und Zärtlichkeit – in Filmen und in der Kunst

Drei Einladungen, sich mit der eigenen und der gesellschaftlichen Rolle von Mann und Frau, mit Gewalt und Zärtlichkeit auseinander zu setzen.

Ein Filmemacher sucht nach den Gründen der Gewalt: Gus Van Sant mit «Elephant». Eine Frau findet ein Leben lang Bilder für ihr Frau-Sein: die Malerin Georgia O»Keeffe. Eine andere Frau sucht in ihrem Körper ihr Wesen: die Malerin Maria Lassnig. Eine Cinéastin schildert, wie Frauen heute in Afghanistan unter dem Taliban leben: Samira Makhmalbaf in «At Five in the Afternoon».

«Elephant» – Von der Gewalt junger Männer

Der Titel des Films des Amerikaners Gus Van Sant bezieht sich auf eine buddhistische Parabel, in der blinde Männer die ertasteten Körperteile eines grossen Tieres erraten müssen und jeder überzeugt ist, dieses Wesen erfasst zu haben, indes zu je anderen Resultaten kommt. Genau so unerklärlich und monströs, meint der Autor, ist das Ereignis jenes Massakers in der Columbine Highschool von 1999, das dem Film zu Grunde liegt.

Selbstverständlich drängt sich uns da die Frage nach dem Warum auf. Doch «wir wollen nichts erklären. Sobald Sie eine Erklärung liefern, werden fünf andere Möglichkeiten dadurch negiert», wirft Van Sant ein. Die Antwort finden wir sicher nicht; jedoch Hinweise, der eine diesen, die andere jenen. Teil-Antworten sind zu sammeln, hoffend, damit der Wahrheit etwas näher zu kommen. Ist dies nicht eine bei Männern ungewohnte Art des Fragens und Suchens: assoziativ, offen, sowohl als auch?

Mich beeindruckten in diesem Film vor allem die unendlich kalten, anonymen Gänge. Horror verbirgt sich hinter der Fassade aus Normalität. Zwölf junge Menschen sind zwar stets in Bewegung, doch kaum in Beziehung zu einander, ohne Emotionalität und ohne Ziel. Es fehlt das Mit-Sein, welches Mit-Leid erst möglich macht. «Ohne die bindenden Kräfte der Emotionalität gibt es keine Humanität, kein Gespür für soziale Verantwortung, keinen Schutz vor Chaos und Gewalt», schreibt Horst-Eberhard Richter in «Das Ende der Egomanie». Dem widerspricht zwar ein Schüler kurz vor der Schiesserei mit: «Most important: Have fun!» Eine andere Teil-Antwort, vielleicht?

Georgia O'Keeffe – Von der besonderen Stärke der Frau in einer Männerwelt

Es muss etwas Besonderes daran liegen, dass die Ausstellung der Amerikanerin Georgia O'Keeffe (1887 – 1986) vor allem Frauen anzieht. Sie scheinen sich von ihr sehr angesprochen zu fühlen. Hier gestaltet eine Frau aus ihrem Frau-Sein, ihrer Sinnlichkeit, ihrer Sexualität heraus. Die Welt wird konsequent aus dieser Perspektive gesehen: als Schwebezustand zwischen persönlich und allgemein, kollektiv und individuell, Körperbezug und Vergeistigung.

Das zu erleben, scheint Frauen gut zu tun. In diesen weiblichen Bildern ihre eigene Weiblichkeit zu finden. Wie es auch Männern gut täte, ihre weiblichen Anteile besser zu erkennen und zu leben, was geübt werden kann angesichts dieser Bilder: in einer Art Exerzitien für ein neues Rollenverständnis von Frau und Mann. Im Kunsthaus Zürich bis zum 1. Februar 2004.

«Deine Stärke ist die Zärtlichkeit. Sie macht dich gerecht. Nur bei dir bin ich stark. Nur bei dir kann ich meinen Traum erleben», heisst es in einem Märchen von Rafik Schami. Solcher «Stärke durch Zärtlichkeit» begegnen wir bei O»Keeffe in hohem Masse. Wie im Märchen ein Du erwähnt wird, so lebte auch die Künstlerin in einer intensiven emotionalen Beziehung und intellektuellen Auseinandersetzung mit ihrem Partner Alfred Stieglitz, die demonstriert, wie ein Du nötig ist, um ein Ich zu werden. Eine in der Kunst – und auch in der Sozialen Arbeit – seltene Art des Handelns macht dieses Oeuvre erlebbar.

Maria Lassnig – Von verschiedenen Arten Frau zu sein

Nachdem die Österreicherin Maria Lassnig, die «grande dame» der aktuellen Malerei, den Roswitha-Haftmann-Preis erhalten hat, stellt sie bis zum 29. Februar 2004 ebenfalls im Kunsthaus Zürich 25 Selbstbildnisse aus, die – als Ergänzung zu Georgia O»Keeffe – eine faszinierende Suche nach ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Befindlichkeit darstellt: eine malerische Selbstvergewisserung sozusagen. Malerei gewordene Erinnerungsfetzen vermengen sich zunehmend mit Kürzeln ihres Bewusstseins vom eigenen Körper des von ihr so genannten «Körperbewusstseins».

«Es gibt Künstler, die hinter ihrem Lebenswerk zurücktreten. Maria Lassnig tritt aus ihrem hervor. Sie ist Gesicht und Körper, Abbild und Chiffre in ihrem irritierenden intensiven Werk», schreibt Ursula Bode über die Malerin. In diesem Sinn kann dieses Werk anregen, uns selbst zu befragen, wie vielfältig unser Ich sich zeigt, und kann es anregen, auch bei unseren Klientinnen und Klienten ihr vielschichtiges und vieldeutiges Ich behutsam wahrzunehmen und danach zu handeln.

«At Five in the Afternoon» – Männergewalt gegen Frauenstärke

Mit acht stand die heute dreiundzwanzig-jährige iranische Filmemacherin Samira Makhmalbaf erstmals vor der Kamera. Mit fünfzehn absolvierte sie eine Filmschule und realisierte zwei Kurzfilme. 1997 drehte sie ihren ersten Spielfilm, «La pomme», der ausgezeichnet wurde. 2000 erhielt sie für «Le tableau noir» in Cannes den Spezialpreis der Jury. Dann drehte sie eine Episode für «11/9/01» und mit «At Five in the Afternoon» holte sie in Cannes den Jury-Preis und den Ökumenischen Preis.

Für mich ist «At Five in the Afternoon» der wichtigste Film des Jahres 2003: Makhmalbaf beschert uns damit ein Meisterwerk von grosser Welthaftigkeit. Ein atemberaubend kraftvolles Werk über Exil und Heimat, über Sehnsucht und Verzweiflung, eine wunderschöne und dennoch aufwühlende Geschichte eines Volks in Not und dessen Hoffnung, inmitten der Trümmer zu überleben, ein leidenschaftliches, in Bild, Ton und Montage beeindruckendes Plädoyer für die Rechte der Frau und eine Liebeserklärung an ein verwundetes Land. Insgesamt ein sehr weibliches Werk, dessen weibliche Qualitäten noch heraus zu arbeiten sind.

Der Film erzählt, wie ein frommer, alter Kutscher einen Ort sucht, wo er und seine Familie Unterschlupf finden können, und wie er auf die Rückkehr seines Sohnes aus Pakistan wartet. Seine Tochter träumt, eines Tages Präsidentin von Afghanistan zu werden. Die Familie zieht weiter. Ohne Geld für Medizin wird die Krankheit ihres kleinen Kindes lebensbedrohlich. Aus Pakistan treffen schreckliche Nachrichten ein. In ihrer Verzweiflung verlassen sie die Stadt und suchen für sich und andere eine Zuflucht. «Niemand kann in diesem Inferno überleben», meint die Filmerin, »wenn er nicht auch andere rettet».