Fucking is Communication

Vom englischen Anti-Psychiater R. D. Laing stammt die Provokation «Fucking is communication», die bei Licht betrachtet gar keine ist. Die vorliegenden Hinweise auf sechs Filme des aktuellen Kinoprogramms sind als künstlerische Fussnoten zum intellektuellen Diskurs gemeint.

Die Filmgeschichten betten Sexualität ein in ein umfassendes Kommunikationssystem: Bilder und Töne, Erfahrungen und Erlebnisse, die uns als Privatmenschen, aber auch als Sozialarbeiterin, als Sozialarbeiter vielleicht nützen.

«Nackt»

Doris Dörrie erzählt die Story von drei befreundeten Paaren um die Dreissig, die sich zu einer Party treffen. Emilia und Felix sind seit kurzem getrennt, worunter beide psychisch und finanziell leiden. Charlotte und Dylan sind plötzlich reich, ihre Beziehung wird jedoch immer armseliger. Annette und Boris leben nach wie glücklich und verliebt. Dann beginnen die Paare ein Experiment, das ihre Beziehungen durcheinander schüttelt.

Die Autorin spielt dabei gekonnt auf dem Brett der zwischenmenschlichen Beziehungen. Verschwiegenes und Verdrängtes wird dabei sichtbar und erlebbar. Gerade weil die Interaktionen konstruiert sind, werden diese als «Spiele der Erwachsenen» (Eric Berne) umso einsichtiger.

«L'auberge espagnole»

Leichtfüssig und humorig kommt der Film daher, in dem der Wirtschaftsstudent Xavier vor dem Abschluss des Studiums sein letztes Jahr als Stipendiat in Barcelona verbringt. Dort aber lernt er nicht nur Spanisch, sondern auch das ABC der Liebe. Die entspannt heitere Komödie in mediterraner Atmosphäre entpuppt sich als wundersame «Education sentimentale».

Der Film von Cédric Klapisch erkundigt das, was zwischen Menschen vor dem Eintritt ins Berufsleben ablaufen kann. Er beschreibt das Leben als Ort des Experimentierens, des Auskostens, des Sich-Besinnens. Sex wird nur in Momenten gezeigt, ausführlicher und vielschichtiger dafür das poetische Davor, Dazwischen und Danach.

«Amores possiveis»

Entscheidungen in alltäglichen, unspektakulären Situationen können sich nachhaltig auf das Leben auswirken. Die Fiktion vermag solchen Banalitäten ihren wahren Wert zurückzugeben, indem sie das Zaubermittel der Parallelmontage einsetzt. Diese ermöglicht, was der Mensch im normalen Leben leistet: mehrere Leben zu durchleben. Die Brasilianerin Sandra Werneck hat drei Liebesgeschichten ineinander verwoben. Ihre gemeinsame Ausgangssituation: eine Verabredung von Carlos und Julia in einem Kino. Fünfzehn Jahre später treffen sich die beiden wieder.

Dreimal erzählt die Regisseurin die Geschichte: drei Möglichkeiten, mit dem Leben und der Liebe umzugehen. Sie vergnügt sich im Baukasten des Lebens und Liebens. Und dieser ist vielfältig, differenziert, widersprüchlich, ob zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder bei beidem. Die Situation relativiert vieles, macht vielleicht toleranter, verständiger.

«Halbe Treppe»

Der Ostdeutsche Andreas Dresen geht mit seiner Geschichte «Halbe Treppe» im Stil des poetischen Realismus an das Thema der Beziehungen heran. Zwei Paare in Frankfurt/Oder in der Mitte ihres Lebens, auf halber Treppe, dort wo man verweilt, nachdem das Leben seine Routinen gesucht hat und die Mühen des Existenzaufbaus den ersten Tribut fordern. Dort angekommen, gelingt es nicht allen, sich aufzuraffen und die weiteren Stufen hochzusteigen. In dieser Situation werden bei vier Menschen an einem gemeinsamen Abend die Karten neu verteilt. Bewegung kommt in den festgefahrenen Alltag. Auf einmal zeigt sich, dass auch kleine Wunder möglich sind.

Nur ganz selten sieht man im Kino solch «gewöhnliche» und dennoch liebenswerte Menschen wie hier. Ungeschönte und direkte Bilder entstanden spontan beim Drehen. Sie berühren, weil wir uns in ihnen wiedererkennen.

«Rain»

Dem Erstling der neuseeländischen Regisseurin Christine Jeffs eilt viel Lob voraus. Die Adaption des gleichnamigen Romans taucht tief in die sehnsuchtsvolle Stimmung der siebziger Jahre ein. In einer abgelegenen Ferienbungalow-Siedlung an der Küste Neuseelands sind die Erwachsenen mit den Möglichkeiten einer neuen sexuellen Identität beschäftigt, und die dreizehnjährige Janey beobachtet sie dabei. Die schöne Mutter bangt angesichts der Reize ihrer Tochter um ihre eigene Attraktivität. Mit ihrem gutmütigen Ehemann herrscht sexueller Ruhestand, und sie beginnt mit einem gut aussehenden Fotografen eine Affäre. Janeys sexuelles Erwachen wird zum Auslöser einer Tragödie. Eine kleine, fragile Geschichte, in stimmungsvollen, archetypischen Bildern erzählt.

Was zwischen den Erwachsenen tragisch und komisch, traurig und lustig geschieht, ist von höchstem Reichtum, wie Janey spielt, grenzt an eine Sensation. Diese Zwischentöne, dieser doppelte Boden, diese Widersprüche in den Bildern und Tönen ist hohe Kunst. (www.rainthemovie.com)

«Lantana»

Polizeiinspektor Leon Zat wird in die Aufklärung des mysteriösen Verschwindens einer Frau hineingezogen. Ihn quält ein schlechtes Gewissen, seit er seine Frau Sonja betrügt. Je weiter er im Fall vorankommt, desto tiefere Risse entdeckt er in der Fassade der vermeintlich glücklichen Paare um sich herum. Jede und jeder hat etwas zu verheimlichen, wird verdächtigt, schuldig. «Lantana» ist nicht einfach nur eine rätselhafte Geschichte oder ein Thriller», meint der australische Regisseur Ray Lawrence, «wenn man älter wird, Erfahrungen im Leben und mit Beziehungen gesammelt hat, dann spüren wohl die meisten diesen schleichenden Prozes des Verschwindens. Ich glaube, dass die sexuelle Identität, oder der Verlust der Sexualität, im Kern dieser Feststellung stehen. Alle, die vierzig überschritten haben, kennen diesen Prozess in der einen oder andern Form.»

«Lantana» heisst eine robuste, wild wachsende australische Staude, sie steht als Metapher für die verschlungenen zwischenmenschlichen Beziehungen des Films über die Zerbrechlichkeit, die Schwierigkeit des Liebens und Vertrauens. Die unendlich schwierige Aufgabe, die zwei in Mann und Frau gespaltenen Teile des einen Menschen zusammenzubringen. Dass dies nie gelingt und doch immer versucht wird, stellt vielleicht eines der Geheimnisse der «condition humaine» dar.

Bewusstseinserweiterung

«Alle Kunstwerke und Kunst insgesamt sind Rätsel» schreibt Theodor W. Adorno in seiner «Ästhetischen Theorie». Solche Rätsel geben diese Filme auf und führen uns in die dunkelsten Geheimnisse hinein. «Wer eine Antwort gibt, ohne eine neue Frage zu öffnen, gibt keine Antwort», meint Hans Saner. Beides trifft vollumfänglich für diese Werke zu.

Die Bilder und Töne können die Begriffe und Theorien aufbrechen und uns in einer Art Bewusstseinserweiterung mit Erfahrungen und Erlebnissen bereichern. Was Lawrence mit seinem Film erreichen will, versuchen auch die andern: «Es ist eine schwierige Sache, mit anderen Menschen umzugehen. Wenn es uns gelingt, mit diesem Film den Menschen einen Spiegel vorhalten zu können, dann ist das wundervoll».