Geschichten als Weltgeschichten

Denkanstösse mit Filmen

«Das weisse Band» entlarvt die «schwarze Pädagogik»

Der Film von Michael Haneke handelt vom Lehrer, von Buben und Mädchen, Eltern, einem Gutsherrn und Verwalter, einem Pfarrer und einem Arzt, einem Bauern und einer Hebamme, alle wohnhaft in einem Dorf im Norden Deutschlands kurz vor dem Ersten Weltkrieg. – Es empfiehlt sich, die Geschichte als Abrechnung mit der «schwarzen Pädagogik» zu sehen.

Ein seltsamer Unfall passiert. Später folgen weitere. Die Menschen sind ratlos. Die Ereignisse bekommen den Charakter ritueller Bestrafungen. Was steckt dahinter? – In den Familien herrscht ein rigider Umgangsstil. Die Kinder grüssen ihren Papa mit Handkuss und sagen zu ihm «Herr Vater». Doch Herr Vater ist mehr Herr als Vater, ein unnahbarer Patriarch mit unumstösslichen Vorstellungen von Erziehung. Der Pastor bindet seinen Kindern ein weisses Band um den Arm, als pädagogische Massnahme, welche die Kinder stets an ihre verlorene Unschuld erinnern soll, als Symbol für Schuld und Sünde, als allseits sichtbare Demütigung.

Die Filme des Österreichers handeln von Schuld und Gewalt. Hier sind die Kinder Opfer ihrer Väter und werden selbst Täter: Ein Vogel wird gekreuzigt, ein Pferd grausam zu Fall gebracht, ein behindertes Kind verletzt. Dass Geschlagene weiter schlagen, hat Alice Miller längst überzeugend dargelegt. Im Gegensatz zu früheren Filmen setzt «Das weisse Band. Eine deutsche Kindergeschichte» nicht auf Schock, sondern auf eine prinzipielle Beunruhigung.

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«Das weisse Band» entlarvt die «schwarze Pädagogik»

Der Film von Michael Haneke handelt vom Lehrer, von Buben und Mädchen, Eltern, einem Gutsherrn und Verwalter, einem Pfarrer und einem Arzt, einem Bauern und einer Hebamme, alle wohnhaft in einem Dorf im Norden Deutschlands kurz vor dem Ersten Weltkrieg. – Es empfiehlt sich, die Geschichte als Abrechnung mit der «schwarzen Pädagogik» zu sehen.

Ein seltsamer Unfall passiert. Später folgen weitere. Die Menschen sind ratlos. Die Ereignisse bekommen den Charakter ritueller Bestrafungen. Was steckt dahinter? – In den Familien herrscht ein rigider Umgangsstil. Die Kinder grüssen ihren Papa mit Handkuss und sagen zu ihm «Herr Vater». Doch Herr Vater ist mehr Herr als Vater, ein unnahbarer Patriarch mit unumstösslichen Vorstellungen von Erziehung. Der Pastor bindet seinen Kindern ein weisses Band um den Arm, als pädagogische Massnahme, welche die Kinder stets an ihre verlorene Unschuld erinnern soll, als Symbol für Schuld und Sünde, als allseits sichtbare Demütigung.

Die Filme des Österreichers handeln von Schuld und Gewalt. Hier sind die Kinder Opfer ihrer Väter und werden selbst Täter: Ein Vogel wird gekreuzigt, ein Pferd grausam zu Fall gebracht, ein behindertes Kind verletzt. Dass Geschlagene weiter schlagen, hat Alice Miller längst überzeugend dargelegt. Im Gegensatz zu früheren Filmen setzt «Das weisse Band. Eine deutsche Kindergeschichte» nicht auf Schock, sondern auf eine prinzipielle Beunruhigung.

Mit Erschütterung klagt der Film die «Schwarze Pädagogik» an, die nach Katharina Rutschky abzielt auf Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs, Bildung einer grundsätzlichen Triebabwehr, Abhärtung für das spätere Leben, Instrumentalisierung von Körperteilen und Sinnen zugunsten gesellschaftlich definierter Funktionen, Rationalisierung von Sadismus und Abwehr der Gefühle aller an der Erziehung Beteiligten. Wie weit diese Psychoanalyse eines Dorfes auf die beiden Weltkriege verweist, bleibt als Frage bedrängend im Raume stehen.

«The Dust of Time» verbindet Zeiten und Räume

Eingebunden in die grosse Weltgeschichte kommt die Geschichte des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos’ daher, die in verschiedenen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt.

Der amerikanische Regisseur A griechischer Abstammung kehrt ins Filmstudio zurück, um seinen Dreh fortzusetzen. Dieser handelt von der Liebe seiner Mutter zu zwei Männern, die sie ihr Leben lang liebte und von denen sie ebenso geliebt wurde. Die Liebenden verlieren sich, suchen sich auf ihren Reisen durch Zeit und Raum, entlang den bedeutenden Ereignissen in Sibirien, Nordkasachstan, Italien, Deutschland und Amerika, und finden sich wieder. Der historische Horizont umspannt die Zeit des Zusammenbruchs der Ideologien: Stalins Tod, Watergate-Skandal, Vietnamkrieg, Berliner Mauerfall, aber auch des noch nicht eingelösten Traums einer besseren Welt im 21. Jahrhundert.

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Mit seinen eigenwilligen, mythischen, philosophischen Filmen prägt er seit Jahrzehnten das europäische Filmschaffen. «The Dust of Time» ist hochkarätig besetzt mit Schauspielern Willem Dafoe, Bruno Ganz, Michel Piccoli, Irène Jacob und Christiane Paul und wird unterstützt durch Musik und Kamera, die die Geschichte vertieft lesen lassen.

«In meiner Schulzeit waren Homer und die alten tragischen Dichter ein Teil des Lehrplans. Die antiken Mythen vereinnahmten uns, und wir vereinnahmten sie. Wir lebten in einem Land voller Erinnerungen, voll uralter Steine und zerbrochener Statuen. Die zeitgenössische griechische Kunst lebt von der Koexistenz des Alten und des Neuen», meint er und erklärt damit, dass auch sein Film keine private Liebesgeschichte, sonder eine griechische Tragödie ist. Umdeutung des Privaten ins Politische und Allgemeine. Eine Umdeutung, wie sie gelegentlich auch in der Sozialen Arbeit Sinn macht.