Hans Stürm – Filmen als Soziale Arbeit

Am 30. Juni 2002 ist der Filmemacher Hans Stürm sechzigjährig gestorben. Er gilt als einer der profilierten Exponenten des Schweizer Dokumentarfilms.

Man kann Stürm auch als einen der wichtigsten «filmenden Sozialarbeiter» bezeichnen. Sozialarbeit befasst sich bekanntlich mit Menschen, die Probleme haben und nur beschränkt oder gar nicht in der Lage sind, diese zu lösen. Das aber hat Stürm auf vorbildliche Weise mit seinen Filmen versucht.

Nach den ersten Versuchen als Kameramann, die er in einem Film über das Zisterzienserkloster Hautrive gemacht hatte, war es «Metro», mit dem er sich filmend in die Befindlichkeit der Menschen, diesmal von Paris, vertiefte. Für den Film «Zur Wohnungsfrage» recherchierte er bei den Obdachlosen im Ruhrgebiet und begegnete dort grossem menschlichem Elend, das er intellektuell zu analysieren begann. In «Ein Streik ist keine Sonntagsschule» und «Lieber Herr Doktor» ging er weiter. Er mischte sich ein. Er versuchte jenen zu helfen, die sich für das Streikrecht oder den Schwangerschaftsabbruch engagierten.

«Es ist kalt in Brandenburg»

1981 schuf er, zusammen mit Niklaus Meienberg und Villi Hermann, ein grosses Geschichtsfresko: seine Auseinandersetzung mit dem Faschismus und dessen Terrorherrschaft. Der Film blickt ins Gestern, untersucht das Heute und mahnt vor dem Morgen. Diese Reise durch „Deutschland im Herbst“ berührt noch heute, ist Reflexion und Selbstreflexion zugleich. Stürm stellte an die andern und vor allem sich selbst höchste Ansprüche: in der Gestaltung, der Intellektualität, der Ethik.

«Gossliwil»

Mit seiner Partnerin Beatrice Michel schuf er zwischen 1982 und 1985 den fünfteiligen Film «Gossliwil». Dieser Filmessay über das Bauern gehört zum Besten, was der Schweizer Film hervorgebracht hat. Er ist nicht bloss Abbild, sondern Neuschöpfung, bietet eine neue Schau. Die Japaner kennen für „sehen“ die zwei Wörter „ken“ und „kan“. Das erste meint den Blick nach aussen, das zweite die Sicht nach innen. Stürm und Michel verwendeten beides, gehen wie Ethnologen und gleichzeitig wie Philosophen vor. Zwei Begründungen, denke ich, auch jeder guten Sozialen Arbeit.

«Sertschawan»

Mit «Sertschawan» sucht das Filmerpaar 1992 nach dem Leben in einer vom Tod gezeichneten Landschaft. Das Bild des toten Vaters mit dem toten Kind in den Strassen von Halabja war Motivation für diesen grossen Film, mit dem beide in mancher Hinsicht an ihre Grenzen stiessen. Wenn Stürm darüber erzählte, erschienen die extremen Anforderungen, die sie an ihre Arbeit stellten, als selbstverständlich. Bedingungsloses Engagement für Aufklärung und Hilfe für Unterdrückte, Verfolgte, Ausgewiesene haben sein Arbeiten und Leben geprägt, trieben ihn in den Hungerstreik.

«Kaddisch»

«Auschwitz ist Teil unserer Zivilisation», meinte Hans Stürm, während 1997 «Kaddisch» entstand. Darin dokumentiert er zusammen mit Beatrice Michel fragmentarisch eine individuelle Geschichte. Der Film geht von der Trauerklage für einen Verstorbenen aus, zieht weitere Kreise zu Menschen, die mit dem Toten Erfahrungen und Lebenszeit geteilt haben. Er legt die Geschichte als eine menschliche Landschaft an. Mit diesem Werk begibt sich das Paar formal in Neuland, es verschmilzt Dokumentation mit Spielfilm.

Notwendige Filme

Für Stürm gab es kein «l’art pour l’art». Sein Tun als Mensch und Filmer war immer notwendig, Not wendend. Mit einer enormen Empathie hat er das Elend erlebt, mit einer rigiden Analyse begriffen und dann versucht, etwas zu bewirken: über Veränderungen des Bewusstseins das Sein verbessert. - Was macht eine Sozialarbeiterin, ein Sozialarbeiter anderes?

Mehr Licht!

Als Hans und ich 1968 bei den Dreharbeiten zu «Metro» in einem dunklen Bistro an der Faubourg Poissonnière in Paris sassen und zwei Citron préssé tranken, sinnierte er, wie man mit besseren Kameras und empfindlicherem Filmmaterial mehr Licht erhält und besser an die Menschen heran kommen könne. Erst heute merke ich, dass dieser Wunsch an die Technik aus seiner tiefen Sehnsucht kam: mehr und besser zu sehen, zu erkennen, um mehr und besser handeln zu können – und es fällt mir ein, wie Goethe auf dem Sterbebett nach «mehr Licht» verlangte.

Mehr über Hans Stürm findet sich im Internet auf www.realisateurs.ch.