Happy End? Unhappy End? Das ist die Frage

Grosse Kunst erzählt Geschichten, die mehr sind als «Faits divers» oder die «Case stories», mit denen sich die Soziale Arbeit im «Case Management» auseinandersetzt.

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Diese Geschichten beschreiben das Ganze des Lebens und versuchen es zu deuten. Den Ausschlag gibt dabei oft der Schluss eines Werkes: sein Happy Ende oder sein Unhappy End. – Hier drei Filme aus dem aktuellen Kinoangebot.

«Wonderful Town» – Ist es Zufall oder Notwendigkeit?

Ist das die Wirklichkeit, was wir als solche wahrnehmen? Oder ist alles Schein, Täuschung, «Zufall oder Notwendigkeit» (Jaques Monod)? Der Film «Wonderful Town» des jungen Thailänder Aditya Assarat lässt zweifeln an der Möglichkeit des Erkennens. Er erzählt von einem jungen Architekten, der im Städtchen Takua Pa, wo 2005 der Tsunami 8000 Menschenleben ausgelöscht hat, Aufbauarbeit leistet. Als Gastarbeiter nimmt er ein Zimmer in einem kleinen Hotel vor Ort. Dort lernt er ein Mädchen kennen, das ihn mit ihrem geheimnisvollen sanften Lächeln anzieht. Und für sie beginnt eine wunderbare, zärtliche Liebesgeschichte, die jedoch nicht allen passt.

Was als Hymnus auf Zärtlichkeit, Liebe und Menschlichkeit wächst und auf ein Happy End hin transzendiert, endet immanent jedoch abrupt und brutal in einem Unhappy End. Die das Leben feiernde Geschichte endet tödlich. Immanent betrachtet: radikal ehrlich, da alles Leben ein Leben zum Tod ist. Weil im Film jedoch das Glück fast die ganze Länge, das Unglück nur eine kurze Sequenz dauert, bleibt ein Happy End als Gegenwelt über dem ganzen Werk.

«Tokyo Sonata» – Was die Finanzkrise anrichten kann?

Im Gegensatz dazu endet der Film des Japaners Kiyoshi Kurosawa, obwohl er über fast zwei Stunden schildert, wie der Verlust der Arbeit eine vierköpfige Familie ins Chaos stürzt, mit einem Happy End. Ein ganz gewöhnlicher Familienvater wird Opfer der zusammenkrachenden Wirtschaft, welche die familiäre Kommunikation implodieren lässt. Ein Sohn verlässt die Familie, will zur US-Armee in den Irak. Der Vater wird aggressiv und verstummt. Wie eine moderne Pietà leidet und tröstet die Mutter. Und der jüngere Sohn mogelt sich gegen Vaters Verbot zum Musikstudium durch und hat Erfolg. Sein Prüfungsstück erleben wir, zusammen mit der Familie und den Experten, in seiner vollen Länge: als Zeichen des Überlebens, eines Happy Ends.

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Im Gegensatz zum tragisch endenden thailändischen Film, endet der japanische mit einem Happy Ende, obwohl er immanent ein Inferno menschlicher Trauer, Elends und Schmerzes durchleiden lässt. Auch dieser Film endet mit einem grossen Sowohl als auch.

«Gomorra» – Wie die Gewalt weltweit so enden könnte?

Kaum auszuhalten ist die Brutalität, die der italienische Film von Matteo Garrone zeigt. Zwischenmenschliche Kommunikation gibt es nicht mehr, nur Intrigen, Lügen, Verrat, Mord und Totschlag. Der Regisseur zeigt die Situation der Mafia in Neapel und Caserta wie ein dokumentarischer Spielfilm, basierend auf dem Bestseller von Roberto Saviano, der heute unter Personenschutz steht. Hier regieren Macht, Geld und Blut, gibt es kein normales Zusammenleben, herrscht «Endspiel»-Stimmung.

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Soweit haben wir es gebracht: in einem Land, das grosse Humanisten und Künstler hervorgebracht, das heute, vom Volk applaudiert, ein krimineller Psychopath regiert, in einem Land, wo sich der CEO der katholischen Weltkirche mit Zölibats- und Sexproblem verlustiert. Der Horror wird nicht kleiner, wenn Ähnliches auch aus Russland, Ex-Jugoslawien, Darfur, Somalia, Palästina zu vermelden ist. Die Trauer, welche dieser ohne jede Hoffnung endende Films zurücklässt, hat niemand genauer beschrieben als August Strindberg im Satz: «Es ist schade um den Menschen.»