Im Herbst des Lebens

Ein Spielfilm und ein Dokumentarfilm dazu

Von Aufbruch spricht man gegenwärtig beim Schweizer Film, und einer der Hits ist der Spielfilm «Die Herbstzeitlosen» von Bettina Oberli, die Geschichte von vier aufmüpfigen alten Frauen: eine unterhaltsame und gehaltvolle Komödie für Alt und Jung. Ein zweiter ist der Dokumentarfilm «Gerhard Meier – Das Wolkenschattenboot» von Friedrich Kappeler, ein Porträt des bedeutenden Schweizer Dichters: empfehlenswert nicht bloss für Literaturkenner, sondern für alle, die gute Sprache schätzen und sich von einem wunderbaren alten Paar verzaubern lassen wollen.

… erblühen «Die Herbstzeitlosen»

Seit ihr Mann gestorben ist, hat Martha die Lebensfreude verloren. Im Emmentaler Dorf Trub macht man sich Sorgen. Ihre Freundinnen Lisi, Hanni und Frieda wollen sie aufmuntern und schlagen ihr vor, sich einen alten Traum zu erfüllen. Dass die Idee bei Martha solchen Anklang findet, hätten sie jedoch nie gedacht. Die 80-jährige Schneiderin eröffnet kurzerhand eine Lingerie-Boutique. Doch als das Dorf davon erfährt, ist es vorbei mit der Ruhe.

Marthas Sohn, der Pfarrer der Gemeine, hält ihr eine Strafpredigt. In ihrem Alter solle sie etwas Sinnvolles machen, keine Reizwäsche verkaufen. Doch die neue Lebenslust ist bereits auf Marthas Freundinnen übergesprungen. Hanni lässt sich von ihrem Sohn dem Sektionspräsidenten der konservativen Land- und Leutepartei, nicht länger herumschubsen, Friede entwickelt neue Aktivitäten im Altersheim und auch Lisi blüht auf. Als das kantonale Chorfest mit vielen Besuchern im Dorf näher rückt, ist eines klar: Die sündige Boutique muss weg!

… und verbreiten vier Frauen Lebenslust

Bettina Oberli ist mit ihrem zweiten Langspielfilm, mit Stephanie Glaser in der ersten Hauptrolle ihres langen Schauspielerinnenlebens, ein kleines Meisterwerk gelungen: Ein Film, der einfach ist und gleichzeitig reich an Zwischentönen und Anspielungen. Weshalb man auch bei einem Wiedersehen immer wieder Neues entdeckt: etwa die frischen Töne von Luk Zimmermann & der Stubenmusig Rechsteiner, die poetischen Landschaftsbilder des Kameramanns Stéphane Kuthy, die überraschend treffenden Dialog der vier Freundinnen.

Doch was den Film vor allem auszeichnet, ist seine berührende Menschlichkeit; da alle tragenden Rollen von Frauen gespielt werden: die berührende Weiblichkeit; da die Protagonistinnen vor allem Alte sind: die Lebensweisheit und der Witz alternder Frauen. Wir nehmen teil an einem witzigen Frauenbefreiungskampf, der die Männerwelt auf den Kopf stellt, sie «z'under und z'obsi» kehrt, wie Oberli meint. Frauen schaffen in einer von Borniertheit und Verlogenheit beherrschten Ordnung der Männerwelt die erlösende Unordnung, das kreative Chaos, aus dem erst Freude, Glück, Befriedigung und Lebenslust aufleben können.

… läuft «Das Wolkenschattenboot» aus

1995 hat Friedrich Kappeler einen ersten Dokumentarfilm über den Schweizer Schriftstellers Gerhard Meier geschaffen: «Die Ballade vom Schreiben», eine Einführung in das Werk des 1917 in Niederbipp geborenen und noch heute dort lebenden Autors. Zwei Jahre danach starb Meiers Ehefrau Dorli, die in seinem Leben eine zentrale Rolle gespielt hatte. Im Frühling 2005 veröffentlichte der inzwischen 88-Jährige mit «Ob die Granatbäume blühen» nochmals einen bewegen Text.

«Das Wolkenschattenboot», der neue Film von Kappeler, erweitert den ersten um Beiträge aus seinem letzten Werk und Gesprächen mit und über Dorli. Nun haben wir vor uns einen umfasssenden Film über das Leben und das Werk des Dichters und gleichzeitig eine tief berührende Liebesgeschichte zweier alter Menschen, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann.

Wie Gerhard Meier, «der Kosmopolit aus der Provinz», spricht und schreibt, ist asketisch und sinnlich zugleich. Behutsam wählt er die Bilder und die Worte, doch stehen sie am Schluss wie selbstverständlich da. Sie kommen aus dem Schweigen und führen dorthin zurück.

… und beglückt uns mit der Welthaftigkeit der Provinz

Wunderbar erzählt die Liebesgeschichte, die Kappeler uns präsentiert, gleich in mehrfacher Sicht: als Liebe zu einer Frau, zum Leben überhaupt, zur Kleinräumigkeit und zum Schreiben. Doch sie handelt nicht nur davon; «sie wird gleichsam von der Liebe wie auf Flügeln getragen», meinte ein Kritiker. Auch wenn Kappeler uns hier den vielleicht bedeutendsten Schweizer Dichter unserer Zeit porträtiert, sind die Bilder und Töne immer einfach und verständlich, sie kommen deshalb auch allen an. Es zeigt sich, dass wahre Grösse letztlich immer einfach ist.

Meiers Texte arbeiten «insgeheim», schreibt Werner Weber, um gleich zu fragen: «Woran?» Auch wir fragen uns, worüber Meier in seinen Büchern eigentlich schreibt – und worüber er im Film spricht? Es ist dies, so vermute ich, die grosse, die ganze Welt, verdichtet in seiner Provinz, «Niederbipp als Drehscheibe der Welt». Was er dort sieht, hört, erlebt, ersinnt und erträumt, strahlt in wunderbarer Schönheit und verbirgt sich dennoch im geheimnisvollen Dunkel. Nicht das Aussergewöhnliche, das Gewöhnliche war ihm stets wichtig, weil es, so meint er, «eine Grösse und ein Pathos hat, die mich zeitlebens erschüttert hat.»