In Filmen Werte erfahren

«Die seelische Grundlage einer neuen Gesellschaft» untertitelte Erich Fromm seinen Klassiker «Haben oder Sein». Und spätestens seit Banker mit ihren Werten die Welt in eine Krise gestürzt haben, sehnen sich viele Menschen nach anderen seelischen Grundlagen, nach neuen oder alten Werten, die sich in der Religion, der Philosophie und der Kunst, so auch in drei aktuellen Filmen manifestieren.

«Last Chance Harvey» – Neue Wege wagen

Dem New Yorker Musiker Harvey, der seinen Unterhalt mit Werbe-Jingles verdient, droht die Kündigung, wenn er mit dem nächsten durchfällt. Er ist resigniert. So auch die Londonerin Kate, die Meinungsumfrage macht und sich von ihrer dominanten Mutter telefonisch kontrollieren und terrorisieren lässt. Kälte erlebt Harvey von Seiten seiner Familie, als er erfährt, dass seine Tochter sich lieber vom Stiefvater zum Traualtar führen lässt. Er beschliesst, sofort nach Amerika zurück zu fliegen, um wenigstens seinen Job zu retten. Nachdem er seinen Flug verpasst hat, begegnet er an der Bar Kate. Sie plaudern miteinander, lernen sich kennen und freunden sich langsam an. Gemeinsam verbringen sie die Zeit, flanierend und ihre verdrängten Sehnsüchte besprechend. Damit beginnt für beide ein zweiter Frühling. Sie sind für Neues offen, wagen Nähe, glauben, dass es für die Liebe nie zu spät ist.

Der unterhaltsame und besinnliche Spielfilm des Amerikaners Joel Hopkins lässt uns dabei sein, zusehen und zuhören, wenn zwei ältere Menschen eine solche Chance nutzen, ein neues Leben wagen, wenn eine neue Liebe zu keimen beginnt.

«2 jours à tuer» – Ehrlich vor sich und andern

Antoine Méliot, 42 Jahre alt, kann mit sich und seinem Leben zufrieden sein. Eine schöne Frau, zwei bezaubernde Kinder, verlässliche Freunde, ein erfülltes Berufsleben, ein hübsches Haus in einem Pariser Vorort und genügend Geld hat er. Eines Tages jedoch zerstört er alles: sein Glück, seine Familie, seine Freunde, seine Karriere. Keiner versteht, warum. Ist es die die Midlife-Crisis? Ein Anfall von Wahnsinn? Oder etwas ganz anderes?

Der höchst eindrückliche Spielfilm des Franzosen Jean Becker ist voller Überraschungen, mit einem unvorhersehbaren Schluss (weshalb er hier nicht verraten sei). Während des ersten Teiles der Geschichte denkt man, es gehe darum, ehrlich zu sein, zu seinen Gefühlen zu stehen und aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Werte, die sich im Zusammenleben immer wieder als heilsam erweisen. Doch am Schluss kommt etwas anderes hinzu. Sich und den andern gegenüber ehrlich sein, ja, doch nicht nur, wenn man sich stark fühlt, sondern auch wenn man Hilfe braucht und verzweifelt. Von andern Menschen Hilfe erbitten, Mitleid annehmen, kann helfen und Mit-Sein, Gemeinschaft schaffen.

«Still walking» – Das Leben leben und lieben

Der mehrfach preisgekrönte Spielfilm des Japaners Hirokazu Kore-eda erzählt eine Familiengeschichte mit erwachsenen Kindern, die sich an einem einzigen Sommertag abspielt. Die alternden Eltern haben Jahrzehnte lang in ihrem Zuhause gelebt, wohin Sohn und Tochter mit ihren eigenen Familien zu einem speziellen Familientreffen kommen. Sie treffen zusammen, um dem verstorbenen Sohn und Bruder zu gedenken, der bei einem tragischen Unfall ums Lebe gekommen ist. Obwohl alles noch wie früher ist, das gemütliche Haus und das von der Mutter zubereitete Festmahl, haben sich alle im Laufe der Zeit leise und subtil verändert. Die Familie ist durch Liebe verbunden wie durch Ressentiments getrennt. Geschickt zwischen leisem Humor und wehmütigem Kummer balancierend, porträtiert der Regisseur, wie bemühend und wertvoll zugleich das Leben in einer Familie sein kann.

«Still walking» ist für mich der schönste Film seit Jahren. Weil er mit höchstem formalen Können das alltägliche Leben sensibel und differenziert schildert: so wie es ist. Dem Publikum bleibt nur das Staunen angesichts des Lebens! Der Film erzählt keine Geschichte, die eine Botschaft transportiert; er selbst ist die Botschaft. Wir leben während zwei Stunden das Leben der neun Personen. Dieses Mit-Sein im Film wird zu unserem eigentliche Sein. Und wenn wir aus dem Kino heraus treten, sind wir sensibilisiert für unser Leben, von einem geheimnisvollen Glücksgefühl erfüllt, mit Lust am Leben: Carpe diem! Pflücke den Tag! Lebe das Leben!

Eine frappierende Verwandtschaft ist auszumachen zwischen dem japanischen Film und dem eben erschienenen Roman des Schweizers Peter Stamm «Sieben Jahre». Über ihn schreibt Anuschka Roshani im «Magazin», was exakt auf Kore-eda zutrifft: Er hat sich «zu einem Spezialisten fürs Allgemeine entwickelt. Für das, was zwischen Menschen geschieht, weil es das ist, was sie verbindet». Er berichtet «vom Normalen, das aus dem Tritt gerät.» Für ihn trifft zu, dass «sich Wahrnehmung und die Formulierung, die man für das Wahrgenommene findet, decken.»

Alle Filme laufen im Kino und sind als DVD erhältlich bei www.ascot-elite.ch resp. www.JMH.ch resp. www.trigon-film.org.