Innenansichten eines andern China

Gegenwärtig überschwemmen uns Bilder aus China: über Olympia, Tibet und das Erdbeben. Das ist ein Teil; doch daneben ist noch Anderes zu zeigen: den Alltag und das Private. Solches sehen wir beispielsweise in neueren chinesischen Filmen, wie sie uns www.trigon-film.org zugänglich macht. Von den vorgeschlagenen fünf Werken ist «Night Train» noch im Kino, die andern sind als Reprise oder auf DVD resp. VHS zu sehen.

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«Night Train» – ein wenig Licht im Dunkel der Einsamkeit

Die 30-jährige Wu arbeitet am Gericht der Provinz Shaanxi, wo sie als Henkerin zum Tode verurteilte Frauen hinrichten muss. Trotz der makabren Arbeit fährt sie jedes Wochenende mit dem Nachtzug in die Stadt zum Programm einer Partnervermittlungsagentur. Ihre Liebesabenteuer sind mittelprächtig, bis sie Li trifft, von dem sie anfangs nicht weiss, dass er der Ehemann jener Frau war, die sie als letzte hingerichtet hat.

Zwei Menschen am Rande der Gesellschaft, im Kampf gegen die Einsamkeit, in einer Welt aus Stein und Beton, aus Grau und Schwarz, schwankend zwischen Reue und Vergebung, Vertrauen und Angst. Der Regisseur Yin Diao lässt in die Abgründe der chinesischen Gesellschaft blicken und bietet eine schonungslose Innenansicht, bei welcher sich nur leise gegen Schluss etwas wie Hoffnung meldet: «Die Stimmung von Depression ist mein stilistisches Mittel, um das Beste im Menschen zu betonen. Eine Frau mit einer grauen Seele, eine Gewalttäterin von Staates wegen, findet ihre Würde wieder, und in der Dunkelheit wird es heller.»

«A Beautiful New World» – die grosse Illusion

Bao Gen kommt aus dem Norden in die boomende Wirtschaftsmetropole Schanghai. An einem Wettbewerb hat er das grosse Los gezogen und eine Zweizimmer-Wohnung in der Stadt  seiner Träume gewonnen. Doch vor Ort stellt er fest, dass das Haus erst in eineinhalb Jahren fertig wird. «Hauptpreis gewonnen, Seelenfrieden verloren», meint seine Tante, die ihm vorübergehend Unterschlupf gewährt. Der Regisseur Shi Run Jij zeigt und deutet die Stadt, die Welt, das Leben als einzige grosse Illusion.

Die schlichte Ballade erzählt mit unverbrauchten Bildern vom Alltag im heutige China, welches erschüttert wird durch die Konfrontation zwischen Materialismus und traditionellen Werten,  Kapitalismus und menschlichem Begehren. Arbeiten heisst jetzt plötzlich, reich werden und Besitz anhäufen, was  Menschen leicht die Orientierung verlieren lässt.

«Beijing Bicycle» – dem Gewissen verpflichtet

Seit einem Jahrzehnt ist Beijing, getrieben durch die wild gewordene Marktwirtschaft, einem irren Wandel ausgesetzt. Diese Situation nimmt Wang Xiaoshuai zum Anlass für seinen Film, der an De Sicas «Ladri di biciclette» erinnert und in einer ähnlichen Umbruchszeit handelt. Die Fabel trifft den Kern der Krise, symbolisiert im Fahrrad, das erarbeitet, gestohlen, gesucht, zurück erobert wird, schliesslich eine Odyssee durch die ganze Stadt auslöst und dabei die Fragen nach dem Mein und Dein durchdekliniert.

Die kleinen Häuser mit den eingeschossigen Wohnungen, die engen Gassen, in denen sich das Leben abspielt, prägen noch immer den Grossteil der Innenstadt, während sich um die Ecke moderne Glas- und Betonfassaden als Konsumtempel erheben. Der Film zeichnet, verinnerlicht und emotional zugleich, aus vielen Perspektiven ein Bild Chinas, dessen Wirtschaft einen Wandel vollzieht, dem die Politik nicht zu folgen vermag.

«I Love Beijing» – Stadt und Menschen durchs Kaleidoskop gesehen

Wir kennen Paris, Rom, Moskau, vielleicht auch nur aus dem Kino wie New York aus Scorseses «Taxi Driver». Weniger bekannt ist Chinas Hauptstadt. Im Film von Ying Ning spielt Beijing die eine und der Taxifahrer Dezi die andere Hauptrolle. Menschen und Orte tauchen auf und verschwinden, berühren und bewegen uns.

Dokumentarisch exakt schildert er die Stadt und ihre Menschen: zwischen Tag  und Nacht, bei Regen und Sonne, innen und aussen, bei Lärm und Ruhe, gewaltsam und zärtlich, mit Jungen und Alten, als Tragik und Komik. Kaleidoskopisch erleben wir diese Welt als «crazy and beautiful», bis uns Dezi am Schluss mit grossen fragenden Augen anblickt: Quo vadis, Beijing?

«I Love You» – Lieben und Streiten in Schanghai

Yi und Ju lernen sich kennen, als letztere im Begriff ist, Yis besten Freund zu heiraten. Nach dem Unfalltod des Verlobten treffen sie wieder aufeinander, verlieben sich und heiraten. Dann kehrt im jungen Eheleben der Alltag ein, pendelnd zwischen Freiheitsdrang und Besitzansprüchen. Und der Traum der grossen Liebe erlöscht.

Der Filmemacher Zhang Yuan besticht mit einer schonungslosen Schilderung des Unterbewussten der durch Armut, Kommerz und Einsamkeit gezeichneten Kapitale, in der die beiden Yuppie einander suchen und immer wieder verlieren.