Kino für Menschen! – ein halbes Dutzend Filme

In der Juni-Nummer von «SozialAktuell» wurde unter dem Titel «Kino für Menschen! – zwei Dutzend Anmerkungen» darüber nachgedacht, wie Filme helfen können, uns im Leben zurechtzufinden – und als Sozialarbeiter, als Sozialpädagogin oder Sozialbegleiterin auch andere dies erleben zu lassen.

Im Sinne, wie Kant es in der «Kritik der reinen Vernunft», vorschlägt, wenn er schreibt, «dass es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, nämlich Sinnlichkeit und Versand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.» Mit dem Ansatz, der die Erfahrung, das Erleben, die Sinne und Sinnlichkeit meint, möge man die folgenden Filme betrachten.

Kommunikation

Eine Frau und ein Mann trafen sich zufällig in Wien, verbrachten die Nacht miteinander und trennten sich (im Film «Before Sunrise»). Jetzt kreuzen sich ihre Wege erneut, in Paris, wo sie alles unternehmen herauszufinden, ob sie für einander bestimmt sind. Diesmal bleiben ihnen nur wenige Stunden. Soweit die Vorgeschichte und die Geschichte des Films «Before Sunset» von Richard Linklater.

Fünfundachtzig Minuten – genau so lange wie der Film dauert – sprechen die beiden miteinander, versuchen sie, sich mit Worten zu finden und verlieren sich immer wieder, versuchen sie, sich einander zu nähern und entfernen sich wieder. Die «Sinnlichkeit» der Worte macht, dass uns alles «Gegenstand», unser Gegenstand wird.

In eine andere Welt entführt uns «Cachorro» von Luis Miguel Albaladejo gleich in der Eingangsszene, in der zwei Männer sich leidenschaftlich lieben. Pedro geniesst sein Leben in Madrid, lustvoll und tabulos. Das ungebundene Leben ändert sich, als seine Schwester ihm ihr Söhnchen bringt, weil sie auf einen Indien-Trip geht, bei dem sie schliesslich mit Drogen erwischt wird. Für sie bedeutet das jahrelangen Knast, für Pedro, dass er mit dem elfjährigen Neffen sein Leben neu einrichten muss.

Verantwortung, Vater-Sein und Erziehung sind die Themen, die der Film unterhaltsam durchspielt: im Homosexuellen-Milieu, wo keine Adonisse verkehren, sondern gewöhnliche, bärtige, rundliche, nicht mehr ganz junge Männer. Eingebettet in ein allgemein menschliche Beziehungsnetz stellt der Film die aktuelle Frage nach den schwulen Vätern.

Geschichte(n)

Filme erzählen Geschichten; wenn sie grössere Gruppe umfassen, die Geschichte. So macht es Pedro Almodóvar in seinem wohl persönlichsten Film «La mala educatión». Er setzt sich mit seiner eigenen Kindheit und Jugend, aber auch dem Leben in der Zeit des Franco-Regimes auseinander.

In einer die Zeitebenen ständig wechselnden Form des Films im Film schält er Schicht um Schicht der Vergangenheit auf, in der, heute vergessen, verdrängt und doch gegenwärtig, frühe Erfahrungen psychischen und sexuellen Missbrauchs durch Geistliche gemacht wurden. Dies «ist autobiografisch gefärbt, aber keine Autobiographie», meint der Autor und lädt uns ein, darin selbst Autobiografisches, wenn auch keine Autobiographie zu suchen.

Vollauf Geschichte werden die Geschichten in «Eleni» von Theo Angelopoulos. Dieser erste Teil einer geplanten Trilogie, einer poetischen Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts, beginnt kurz nach der russischen Revolution in Odessa und endet im New York der Gegenwart. Je mehr man die Historie kennt, desto mehr Zusatz-Informationen und Zusatz-Gefühle liefert uns der Film.

Doch auch jenen, die wenig von dieses Geschichte wissen, öffnen die faszinierenden Tableaus eine erschütternde Weltgeschichte, die sich immer und immer wiederholt: unsere eigentliche Condition humaine. Es ist die Innenwelt einer Aussenwelt, die Aussenwelt der Innenwelt, an der uns der grosse alte Mann des europäischen Kinos teilnehmen lässt.

Gewalt

«Monster» von Patty Jenkins hat vor allem der grossartigen Schauspielerleistung von Charlize Theron von sich reden gemacht. Mit fettigen Haaren, billigen Jeans und ohne Geld schleppt sich Aileen durchs Leben. Eine feste Bleibe hat die junge Frau nicht. Maximal dreissig Dollar verdient sie, wenn sie zu einem Freier ins Auto steigt. Es ist eine trostlose Existenz, von der sie weiss, dass sie da nie mehr rauskommt. Irgendwann tötet sie einen Kunden aus Notwehr, er hat sie brutal vergewaltigt, mit Benzin übergossen und wollte sie anzünden. Nach weiteren Morden geht sie in die Kriminalgeschichte ein als erste amerikanische Serienmörderin.

Eine wahre Geschichte wird erzählt. Die Regisseurin zeigt Bilder und Töne, die Protagonistin spielt Szenen und verkörpert ein Lebens, was uns erlebbar macht, was in einem Menschen vor sich geht, bis er solche Verbrechen begeht.

Von der Gewalt in der Ehe erzählt der Film «Te doy mis ojos» von Iciar Bollain. In einer Winternacht flieht Pilar von zu Hause. Ausser ein paar wenigen Dingen nimmt sie lediglich ihren Sohn Juan mit. Ihr Ehemann Antonio weiss, dass sie bei ihrer Schwester Zuflucht gefunden hat, und versucht, sie zurück zu holen. Obwohl sich die beiden lieben, steht die Beziehung unter keinem guten Stern, ist alles andere als einfach. Da ist viel Arbeit notwendig und Antonio sucht professionelle Hilfe, um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen, denn ihr grösster Wunsch ist ein gemeinsames Zukunft mit Pilar und Juan.

Eine filmische Ursachenforschung unternimmt die Regisseurin: Recherchen, denen wir folgen können, die durch ihre «Sinnlichkeit» uns zum «Gegenstand» werden, uns zum Gegenstand machen, bis wir am Schluss zwar nicht die Wahrheit gefunden haben, sondern weiter nach ihr suchen.