Kino für Menschen!

Zwei Dutzend Anmerkungen

Seit längerer Zeit erscheinen in der Rubrik «Medien» von «SozialAktuell» Besprechungen von Kinofilmen. Oberflächlich gesehen haben diese wenig zu tun mit den Themen der Hefte und mit der konkreten Tätigkeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Genauer betrachtet bilden sie jedoch im Sinne von Kontrapunkten interessante Kommentare zu Aspekten der Sozialen Arbeit, liefern Anregungen für den Berufsalltag und stellen Fragen dazu. – Nachfolgend bringt der Autor einige grundsätzliche Anmerkungen, die hinter seinen Filmbesprechungen stehen.

Filme als Ansprachen...

  1. Filme sind eine «terra incognita», ein unbekanntes Land, das bereist werden kann, in dem neue und interessante Erfahrungen über uns und die Welt zu machen sind. Ähnlich wie von einem Seismografen, der aufzeigt, wo Erdbeben stattfinden, bekommen wir von Filmen Auskünfte über «Menschenbeben und Weltenbeben»: Aussenansichten und Innenschauen des Standes der Dinge und der Befindlichkeit der Menschen.
  2. «Kinder brauchen Märchen», forderte Bruno Bettelheim. Menschen brauchen Märchen, sollte es eigentlich heissen. Das wussten die Völker schon immer. Sie haben Erzählungen zugehört: Märchen und Sagen, den heiligen Schriften, den Dichtern gelauscht, die Malerei betrachtet, Musik und Lieder gehört. «Der Zweck der Kunst ist, die Angst zu besiegen», meint Louise Bourgeois. Und Franz von Assisi lobte seinen Schöpfer mit dem «Sonnengesang». – Zusammenfassend kann man sagen: Unterhaltung bildet den «Unterhalt», von dem die Seelen sich ernähren. Und heute unterhalten wir uns wohl vor allem mit Filmen.
  3. Filme können wohl als Erfüllung einer Ur-Sehnsucht der Menschen die Gesetze von Raum und Zeit aufheben, neue Welten aus dem Nichts kreieren, in welchen auch andere Regeln herrschen, jene des Spiels, der Phantasie, der Schönheit. Sie lassen uns dem Alltag entfliehen, beglücken, berauschen, verzaubern uns. Sie schaffen ein anderes In-der-Welt-Sein.
  4. Doch das «Cinéma du réel», wie man das Kino auch nennen darf, das nach dem Wesen der Dinge und Menschen sucht, kann auch zu einem «Cinéma de doute» (Jean Perret) werden und mit fundamentalem Zweifeln nach dem Dahinter fragen. «Dubito, ergo sum», dieser Descarte variierende Satz, der sich bei der Informationsvermittlung schon längst als nützlicher medienpädagogischer Ansatz erwiesen hat, kann auch in der Fiktion dem Spielfilm gegenüber als Grundhaltung dienen, neue Dimensionen der Welterfahrung zu erfahren.
  5. Filme können aber auch das paradiesische Gemeinschaftsgefühl auslösen, das sich als Liebe, Erlösung, Geborgenheit, Zweisamkeit, Sexualität, Gerechtigkeit, Unschuld, Sühne, Barmherzigkeit, Verzeihung usw. erweist. Etwas naiv tun wir diese Eigenschaften oft als «heile Welt» ab. Doch ist damit doch zutiefst die Ganzheit, die Fülle, die Vollendung, die Absolutheit – oder sehen wir es in einem grösseren Zusammenhang, das Omega von Theilhard de Chardin gemeint.
  6. In dem meist von Zweck und Rationalität gesteuerten Wesen Mensch kann diese Ganzheit und Vollendung aber auch Orientierung, Ordnung heissen: ein geistiges Koordinatensystem mit Ordinaten und Abszissen, das die Welt «im Innersten zusammenhält» (Johann Wolfgang von Goethe). Auch dieser «ordo» kann Glück und Befriedigung bringen, eine andere zwar als jene der Schönheit oder des Zweifels.
  7. Film ist wie Religion und wie Kultur allgemein in einem umfassenden Sinne ritualisiert. Rituale, also Abläufe, die Regeln folgen, und Zeichen, die für etwas stehen, brauchen wir notwendig. Sie geben den Einzelnen und der Gesellschaft Halt und Bestand. Solche Riten zeigen sich im Kinobesuch, im Fernsehkonsum, sehen wir in der Architektur der Lichtspieltheater und im Design des Fernsehgerätes, in der Liturgie der Kirchen und in der Dramaturgie des Films.
  8. Die Filmbilder stehen für etwas, das sich dahinter verbirgt, das sie selbst übersteigt, das Aussagen über das Ganze macht, das Bedeutung vermittelt und somit Sinn stiftet. Filme geben ihre Antworten stets in Symbolen, in Sinnbildern auf die grossen Fragen des Lebens und der Zeit, ob diese «richtig» oder «falsch», sind, bleibt unwichtig, ist objektiv auch kaum auszumachen. Filme sind klare oder verzerrte, sind intakte oder beschädigte Spiegel der gezeigten Gesellschaft und Individuen. – Auch Filme können nicht nicht-kommunizieren (Paul Watzlawick).
  9. In diesem Sinn geben Filme Antworten auf ausgesprochene oder unausgesprochene Fragen des Individuums und der Gesellschaft: dunkle, mehrdeutige, geheimnisvolle, weil sie aus dem Reich der Bilder stammen. Hell wären sie, wenn sie dem Logos, der Philosophie, entstammen würden. – Ob man diesen Prozess nicht letztlich zurückführen kann auf das «Höhlengleichnis» Platons? «Ich träume, also bin ich», möchte ich diese Variante, nochmals Descarte variierend, benennen.
  10. Seit Walter Benjamin gibt es die Diskussion über die Reproduzierbarkeit der Bilder. Diese betrifft auch die Sinnbilder, welche heute Film, Fernsehen und die Neuen Medien verbreiten. Denn auch hier gibt es keine Originale, sondern nur mehr den Markt der reproduzierten und millionenfach multiplizierten immer gleichen Bilder und Töne. Im Kino bekommt David Riesman mit seiner Deutung unserer Gesellschaft als «aussengesteuerte» – im Gegensatz zur «innengesteuerten» oder «autoritätsgesteuerten» – vollumfänglich recht.
  11. «Die Religion der Zukunft wird Kino sein», meint Georg Sessler und schockiert wohl die eine und den andern. Doch betrachtet man die konkrete Wirklichkeit in den Kirchen und in den Kinos unvoreingenommen, muss man dem deutschen Filmwissenschaftler wohl Recht geben und gleich auch noch seiner nachgeschobenen Frage, «Ist Gott also ins Kino umgezogen?», zustimmen. – Gemeint ist hier selbstverständlich eine «Religion ohne Gott», folglich auch ein Kino ohne Gott.
  12. Und dennoch kann man, in Ergänzung zum Vorangehenden, nicht im Widerspruch dazu, in Filmen auch immer wieder ausdrückliche religiöse Erfahrungen machen. Spontan seien als Regisseure angeführt Fellini, Bunuel, Bergman, Pasolini, Tarkowskij, Kieslowski, Angelopoulos und andere, die immer wieder mit tiefen religiösen Inhalten Diskurse auslösen, die modernen Menschen mehr «religio», Verbindung mit dem Umgreifendem, vermitteln als die meisten Predigten von der Kanzel.

... und wie wir darauf antworten können

  1. Uns mit Filmen auseinandersetzen können wir in zweifacher Weise: im inter-personalen Dialog, im Gespräch mit andern Menschen, gleich ob die andern den Film gesehen haben oder nicht, und im intra-personalen Dialog, im Gespräch mit uns selbst, indem der eine Teil meiner Person mit einem andern Teil derselben im Innern spricht. – Diese «Dialoge» können auch andere Formen als das Gespräch, zum Beispiel das Zeichnen, das Schreiben oder das Spielen, nutzen.
  2. In Tat und Wahrheit gilt auch beim Filmgespräch (frei nach Sören Kierkegaard): «Wenn Fritz über Franz spricht, spricht Fritz mehr über Fritz als über Franz.» Wenn man über Film spricht, kann man sozusagen unter eine «Tarnkappe» schlüpfen und vordergründig über den Film sprechen, hintergründig sich jedoch sprechend mit seinen eigenen Problemen auseinandersetzen. – Vieles, was geschieht, geschieht im Öffentlichen und Privaten auf der «Hinterbühne» (Joshua Meyrowitz): im Film wie im Leben.
  3. Beim Film-Sehen respektive Film-Verarbeiten laufen Prozesse ab, von denen man kaum etwas merkt: Veränderungen können sich im Stillen und Geheimen anbahnen. Wie im körperlichen ist auch im psychischen Bereich des Filmkonsums so etwas wie «Selbstheilung» oder zumindest Veränderung möglich. «Hört mir bitte zu, ich möchte euch etwas sagen, was ich selbst noch nicht verstehe», ein Satz eines Freundes bei einem Filmgespräch, kann einen solchen inneren Prozess andeuten. – Ein Film kann mir helfen, zu mir selbst zu kommen.
  4. Filme-Rezipieren ist ein Akt des «Probehandelns». Ein Spiel- oder Dokumentarfilm kann uns Aufgaben stellen, Auf-Gaben anbieten, indem er uns Geschichten erzählt, die von uns das Gestalten von neuen Lebensentwürfen abverlangt. Das heisst, wir können in der Imagination fremde Rollen spielen: in einem fremden Setting reagieren und agieren. Dabei geht es um das Durchleben von Hoffen, Fürchten, Sehnen, Wünschen, Vertrauen, Warten, Handeln usw.
  5. Ohne auf diese Inhalte zu sehen, heisst es oft einfach, Spannung und Entspannung erleben, sich hineinbegeben und wieder aussteigen. Mit seiner Erlebnisfähigkeit fremde Leben leben. Es kann aber auch darum gehen, einfach die Intensität des Erlebens hoch zu schrauben, dabei immer neue Kicks zu erleben und gelegentlich bis ans Limit zu gehen, wie andere beim Bergsteigen oder bei andern Sportarten.
  6. Was im Kino geschieht, ist zwischen der Realität des Alltags und der Irrealität des Traumes angesiedelt. Es kann unsere Chance sein, in dieses Zwischenreich einzutauchen, sich dort in seinen Träumen wahrzunehmen. Die Unbewusstheit der Träume, neben der Bewusstheit des Tages, als Teil der eigenen Person anzunehmen. Ich bin nicht nur mein Bewusste, sondern auch mein Unbewusstsein, wie Freud meint.
  7. Sensibilisieren und Problematisieren für das Andere, das Fremde – gerade heute hoch aktuelle gesellschaftliche Postulate – sind Möglichkeiten, die wir im Film mehr oder weniger realisieren können. Dabei werden andere, fremde Welten erfahrbar, die zu thematisieren für uns und die andern wichtig sein dürften. Oft werden dahinter auch eigene geheimste, «andere» Wünsche und verborgenste, «fremde» Phantasien sichtbar, hörbar, erfahrbar.
  8. Ein persönliches Anliegen ist mir, zu versuchen, das allseits bekannte Paradigma «Wissenschaft schafft Wissen» mit dem neuen, nämlich «Kunst schafft Können», zu ergänzen. Denn offensichtlich kann Kunst dies, Fähigkeiten fördern und Können verbreiten, die zum Leben wichtig sind. Denn nicht Lebens-Wissenschaftler braucht die Welt, sondern Lebens-Künstler. Und ein solcher wird man nicht durch Wissen, sondern durch Erfahrung – wie sie auch Filme immer wieder zu vermitteln im Stande sind.
  9. Beim Filme-Sehen versucht nicht bloss der Diskurs des Intellekts, sondern auch der Diskurs der Erfahrung die Fragen des Lebens zu beantworten, die Probleme der Welt zu lösen. Im Neuland des Films haben die Möglichkeit, Neues zu phantasieren. Vereinfacht kann man den Prozess der Film-Rezeption auch so beschreiben, dass etwa die Hälfte der Botschaft eines Films auf das Konto des Regisseurs, der Regisseurin zu buchen ist, die andere Hälfte ergänzen wir als Zuschauerinnen und Zuschauer.
  10. Dieses Handeln und Agieren im Film ist nicht wertfrei, wenn es auch Tabus bricht und Normen verletzt. «In dreams begin responsibilities», meint Ernst Hartmann, In diesen Traum-Spielen oder eben Kino-Spielen gibt es, jenseits der historisch und gesellschaftlich akzeptieren Regeln, archaische und anarchische Formen: Umgangsformen, Verantwortlichkeiten: adäquate Antworten auf konkrete im Film erfahrene Wirklichkeiten.
  11. Traumarbeit geschieht durch Verdichtung des früher Erlebten, Gesehenen und Gehörten, durch Verschiebungen des Bewussten ins Unbewusste und durch Einsatz von Symbolen, meint Hartmut Ragusa. Ebenso kann es in der Film-Arbeit ablaufen. Es bedeutet, reicher und reifer werden. Es bedeutet Bewusstseinserweiterung. «Ich habe schon tausend Leben gelebt!», möchte ich oft ausrufen, nachdem ich tausend Filme durchlebt habe.
  12. «Wo Es war, soll Ich werden», verlangt Freud. Das kann auch beim Film-Sehen realisiert werden. Wo Film war, kann Ich werden. Ein neues, erweitertes, verändertes, vernetztes, variiertes Ich. Es geht dabei um etwas wie einen Assimilationsprozess, wie wir ihn aus der Botanik kennen, bei welchem Artfremdes in Arteigenes eingebaut wird und so Wachsen geschieht.

Ein paar (persönlich aus dem aktuellen Kinoprogramm ausgewählte) Filme, zu denen die obigen Anmerkungen einladen und an denen sie verifiziert werden können: «Lost in Translation» von Sofia Copola, «Halleluja! Der Herr ist verrückt» von Alfredo Knuchel, «Monsieur Ibrahim et les fleurs du coran» von François Dupeyron, «Vodka Lemon» von Hiner Saleem, «Something»s Gotta Give» mit Jack Nicholson und Diana Keaton, «Monster» mit Charlize Theron, «In the Cut» mit Meg Ryan, «Schultze get's the blues» von Michael Schorr, «Gori Vatra» von Pjer Zalica, «Kitchen Stories» von Bent Hamer, «Thirteen» von Catherine Hardwicke, «Le temps du loup» von Michael Haneke, «The Return» von Andrey Svyagintsev und «Eleni» von Theo Angelopoulos, «Sternenberg» von Christoph Schaub und «Deep Blue» von Andy Byatt und Alastair Fothergill.