Kunst für Lebenskunst

«Wissenschaft schafft Wissen», heisst das allseits praktizierte Paradigma; «Kunst schafft Können» soll dieses ergänzen. – In der Sozialen Arbeit braucht es bekanntlich Wissen und Können. – Und im Privaten sind Lebenskünstler, nicht Lebens-wissenschaftler gefragt.

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«Caos Calmo»

Auf dieser Seite stelle ich künftig Filme – oder auch mal andere Kunstwerke – vor, die Leuten, welche in der Sozialen Arbeit tätig sind, Lebenskunst vermitteln. Dieses Können, das Empathie fördert und Bewusstsein erweitert, ist als menschliche Qualität neben der beruflichen not-wendig.

Daten und Fakten der Wissenschaften erfüllen Zwecke; Geschichten und Bilder der Kunst machen Sinn. Sie sind Abbilder und gleichzeitig Vorbilder, ja Sinnbilder der Wirklichkeit.

«Caos Calmo» – eine andere Sozialarbeit für eine andere Welt

Ein einziger Sommertag verändert im Film des Italieners Antonello Grimaldi (als Regisseur) und Nanni Moretti (in der Hauptrolle) alles. Pietros Frau stirbt unerwartet, was ihn aus dem Gleis wirft und zu einer Auszeit zwingt, bei der es zu einem «stillen Chaos» kommt. Er beschliesst, künftig ausschliesslich für seine Tochter da zu sein. Statt zur Arbeit zu gehen, verbringt der erfolgreiche Manager die Tage im Park vor ihrer Primarschule. Ob er sich damit lächerlich macht, ist ihm egal. Seine Freunde sind anfangs stutzig, schliesslich fasziniert. Arbeiskollegen, Chefs und Familienmitglieder tauchen auf und schütten ihm ihr Herz aus. Seine Ruhe irritiert, hilft ihnen aber wie selbstverständlich.

Wie ein Sokrates der neoliberalen Leistungsgesellschaft sieht und erlebt Pietro jetzt die Welt. Für seine Art zu leben und seine Form der Sozialen Arbeit, die Probleme seiner Mitmenschen mit Anteilnahme und Einfühlsamkeit zu lösen versucht, braucht er weder Professionelle, noch Administration, noch Verwaltung. – Wie weit sich eine Gesellschaft von ihrer Mitte entfernt hat, zeigt sich, wenn einer vorangeht und zum Kern des Lebens, auch der Sozialen Arbeit zurückfindet.

«Pas douce» – vor dem Leben fliehen, um das Leben zu finden

Die 24-jährige Krankenschwester (grossartig verkörpert von Isild Le Besco) und Sportschützin Fréd hört, einsam durch ein abgelegenenes Waldstück flanierend und ihren Suizid planend, wie zwei Jugendliche sich streiten. Reflexartig schiesst sie in deren Richtung und verletzt einen. Von Panik und Schuld getrieben flieht sie, will sich stellen, zaudert, kehrt an ihre Arbeit zurück, wohin inzwischen der Verwundete eingeliefert worden ist. Der rebellische, revoltierende 14-jährige Marco wird ihr Patient, sie muss sich um ihn kümmern. Mehr und mehr wird dem Jungen das Unvorstellbare bewusst: Jene, die ihn pflegt, ist jene, die ihn angeschossen hat. Nur sehr langsam kommen sie sich näher.

Der zweite Film der in Portugal lebenden Schweizerin Jeanne Waltz erzählt von zwei Menschen, fragilen Monstern, die sich durch ihr Leben kämpfen, das ihnen hart zusetzt. Eine Prüfung, ihre ungewollte Begegnung, zwingt beide zur Konfrontation. Sie ermöglicht ihnen, voranzuschreiten und sich selbst, dem Gegenüber und dem Leben näher zu kommen. Was in dem Mädchen, das sich nach Liebe sehnt, doch erniedrigt und zurückgestossen wird, was in dem Jungen, der nie Freundschaft erfahren hat, jetzt gewaltsam danach schreit, vor sich geht, erlebt das Publikum nicht in Refexionen, sondern in Bildern, die unter die Haut gehen. – Diese wirken weiter, indem sie Sinn stiften für andere Menschen in ähnlichen Situationen.

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«Paranoid Park» – Die Einsamkeit des unschuldig Schuldigen

Der 16-jährige Skater Alex (eindrücklich dargestellt von Gabe Nevins) wird magisch angezogen vom Paranoid Park, vielleicht der geheimnisvoll drohenden Erwachsenenwelt. Schlafwandlerisch streunt er in diese Welt hinein. Mit einem Älteren geht er zum Bahnsurfen, einer neuen Herausforderung, wo sie mit einem Schutzmann in einen Streit geraten. Als sie sich gegen sein Eingreifen wehren, fällt dieser auf ein Gleis und wird vom  herannahenden Zug zweigeteilt.

Gus van Sant («The Elefant») spürt hier dem Verlust der kindlich-jugendlichen Unschuld, der Angst vor der Enttarnung nach dem Unfall und der daraus erwachsenden Einsamkeit eines jungen Menschen nach. Dieser trägt seine Schuld wie unter Narkose durch den Alltag, versucht sie erfolglos bei einem langen Duschen herunter zu spülen, schleppt sein Schicksal durch die endlos langen Korridore der High School, nachdem er zuvor auf seinem Board wie schwerelos durch die Welt gesurft ist. Dem Regisseur gelingt eine erschütternde Innenansicht eines einsamen, unschuldig schuldigen jungen Menschen. – Eine Situation, die es nicht nur in der Adeleszenz, sondern in jedem Alter und in vielen Formen gibt.

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