Medien-Impulse für die Soziale Arbeit

Zu vielen Themen der Sozialpädagogik können Medien, also Filme, Videos, Fotos, Bilder, Fernseh- oder Radiosendungen, Theater, Ausstellungen und Bücher, Anregungen bieten, Herausforderungen liefern, Impulse geben. –

Diesmal wird ein Film vorgeschlagen für die Kinderarbeit, ein anderer für die Sozialbegleitung und ein Buch, das unsere Arbeit und unser Leben ausleuchtet und dazu fundamentale Fragen stellt.

Für die Kinderarbeit: «Die Geschichte vom weinenden Kamel»

Im weiten Süden der Mongolei, in der unwirklichen Landschaft der Wüste Gobi, kommt ein kleines weisses Kamel zur Welt. Die Mutter, geschwächt und verstört von der schmerzvollen Geburt, verstösst es. Ohne ihre Milch aber ist das Kalb, das sich der Mutter immer wieder verzweifelt nähert, dem Tod geweiht. In ihrer Not erinnern sich die Nomaden an ein uraltes Ritual: Ein Musiker aus der fernen Stadt soll mit den magisch-himmlischen Klängen seiner Geige, begleitet vom Gesang der Familie, das Muttertier zum Weinen bringen und so ihr Herz erweichen. Das Wunder geschieht: Die Kamelmutter kommt in eine Art Trancezustand, bricht in Tränen aus, ihr Junges darf säugen und ist gerettet.

Eigentlich möchte ich diese Geschichte allen Kindern widmen: als Wohltat, zum Atemholen, als Heilung, zur Erbauung und zum Stille-Werden. Am besten nützen diese Gelegenheit, den Kindern ein echtes Geschenk zu machen, sicherlich die Eltern. Doch auch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen können diese anspruchsvolle, wenn sie glückt, hoch befriedigende Aufgabe übernehmen: mit diesem wunderbaren Film der Mongolin Byambasuren Davaa und des Italieners Luigi Falorni: einem Film über Lebenssinn und über Lebenskunst.

Für die Sozialbegleitung: «Son frère»

Thomas, seit längerem an einer Blutkrankheit leidend, hat einen Rückfall erlitten. Unter diesen Umständen entscheidet er sich, den Kontakt zu Luc, seinem Bruder, den er lange nicht mehr gesehen und mit dessen Homosexualität er Probleme hat, wieder aufzunehmen. Während seine Krankheit unabwendbar voranschreitet, überwinden die beiden Brüder ihre Entfremdung, kommen sich näher, werden sich ihrer Liebe füreinander bewusst. Gemeinsam stehen sie das Martyrium der Krankheit durch, bis der Todkranke den Kampf aufgibt. Dann unternehmen sie gemeinsam noch eine letzte Reise ins Haus der Familie am Meer.

Das ist xein Film über Körper, über die Degradierung eines Körpers, die Transformation von Gesichtern, ein Film über Stillex, meint der französische Regisseur Patrice Chéreau über sein Werk. Das Meer im Film steht für das Leben wie für den Tod, in einer zärtlichen Umarmung nimmt es Thomas zu sich. Der Film zeigt den Gefühlskampf des Sterbens in all seinen Facetten: den Schock, die Wut, die Resignation, die Aggression. "Son frère" ist ein Film über das Begleiten eines Menschen in Not, also über Sozialbegleitung.

Für die Weiterbildung: «Lass dir nichts einreden!»

Werner Fritschi, der Autor des Buches «Lass dir nichts einreden!», hat Sozialarbeit studiert und ist kein Sozialarbeiter der landläufigen Art. Er hat Psychologie studiert und ist kein Psychologe im berufsständischen Sinn. Er hat Soziologie studiert und ist kein Soziologe von akademischem Format. Doch er ist alles in einem und in einer Weise, wie ich es noch nie erlebt habe.

Er hat ein Leben lang wie ein Rutengänger gesucht, wo andere aufgegeben haben zu suchen, hat wie ein Seismograph aufgezeigt, was wirklich geschieht, wenn die Mehrheit dies nicht sieht oder sehen will. Für mich das Wichtigste, er ist als Privatperson und mit den Gruppen, mit denen er arbeitet, stets ein Suchender. Sein neuestes Buch, das 86 Kolumnen umfasst, legt Zeugnis dieses Suchens ab: intellektuell, aber auch emotional und handelnd. Wie der "homo viator" von Marcel Gabriel, wie der «l'homme qui marche» von Alberto Giacometti. Er ist, so schätze ich ihn ein, selbst ein Künstler. Doch es braucht heute, so meine Überzeugung, dass unser Leben gelingt und die Welt besser wird, noch viele solche Lebens-Künstler; Lebens-Wissenschaftler haben wir schon genug.

Ich möchte diesen gut lesbaren Werk allen empfehlen, die sich professionell mit Sozialpädagogik befassen. Denn ich denke, jede und jeder wird beim einen oder andern Text sich wiederfinden, ernst genommen und im Weiterschreiten einige Schritte begleitet fühlen. – Also: Werner Fritschi: Lass dir nichts einreden! Analysen und Optionen zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. Gelebte Ethik für die Zukunft Verlag Generatio, Luzern 2002, 288 Seiten, ISBN 3-9520060-6-8, Fr. 42.–.