Menschen am Rand – ins Zentrum gerückt

Gegenwärtig laufen u.a. zwei Filme in den Kinos, die nicht dem Mainstream folgen und trotzdem vielen gefallen werden und allen etwas zu sagen haben.

Formal durch ihre verinnerlichte Erzählweise, inhaltlich ihren offenen Blick auf Menschen, die üblicherweise nicht auf der Leinwand erscheinen. Menschen am Rande, ins Zentrum gerückt! Der belgische Film «Pauline et Paulette» von Lieven Debrauwer schildert das Zusammenleben von vier älteren Schwestern, von denen eine geistig krank ist. Der norwegische Film «Elling» von Petter Naess lässt miterleben, wie zwei geistig leicht verwirrte Menschen sich durchs Leben schlagen.

«Pauline et Paulette»

«Pauline, aufstehen, es ist acht Uhr», ruft Martha. Diese robbt sich aus den Decken, giesst die Blumen, soll aber zuerst das Morgenessen nehmen, geht wieder begiessen und muss mit einem Zettel in der Metzgerei ein Schnitzel holen. Liebevoll, doch konsequent geht Martha mit ihrer geistig zurückgebliebenen oder dementen Schwester um. So funktioniert die kranke Frau, funktioniert das Zusammenleben der beiden. Sie brauchen einen Rahmen, der Halt gibt, und dennoch Luft zum Atmen lässt.

Sie ist 66 Jahre alt, kann weder schreiben noch lesen. Unter der Obhut ihrer älteren Schwester lebt sie ein angenehmes Leben in einer kleinen Stadt Flanderns. Unerwartet stirbt Martha und alles wird ungewiss. Denn sie hat ein ganz spezielles Testament verfasst, wie die zwei anderen Schwestern mit Erstaunen erfahren. Sie vermacht Haus und Geld derjenigen, die verspricht, sich um Pauline zu kümmern. Cécile, die in Brüssel mit einem Mann lebt, und Paulette, die in der Umgebung allein einen Laden führt, stehen vor der schwierigen Entscheidung, wie sie mit den Launen ihres «kleinen Mädchens» umgehen können und wollen.

Alle brauchen einander

In einer Welt von rosaroten Stoffen und himmelblauen Walzerseligkeit lebt Paulette als die lokale Operettendiva, «ein Gewitter von Frau, Farbe und Frisur» (Daniele Muscionico). Sie ist das Liebesobjekt Paulines, die jetzt ein neues Zuhause sucht. Wie die beiden ungleichen Leben schliesslich ein Ganzes werden, erzählt der unsentimental zärtliche Film, der mit minimalem Aufwand und maximalem Stilgefühl eine Liebeserklärung an alle Überlebenskünstlerinnen und -künstler macht.

«Paulette ist meine Schwester», so stellt sich Pauline vor. So ist sie jemand. Als kranker Mensch definiert sie sich durch einen gesunden. Eine überzeugende Illustration liefert dieser Film für das Mit-Sein, das Seins durch eine andere Person, das Lebens aus dem Geliebt-Werden. «Amor ergo sum» (Ich werde geliebt, also bin ich) umschreibt dies Thomas von Aquin. – Das Menschenbild des Films steht diametral gegenüber z.B. jenem von Franz Kafka: des Nicht-Leben-Dürfens, des Nicht-Sein-Könnens, weil es kein Du gibt, das antwortet, das liebt.

Die Schlussszene allein schon stellt ein poetisches Werk dar. («Poiesis» heisst ja nichts anderes als «Schöpfung».) Paulette zeigt Pauline auf einer Bank an der See sitzend das Album, das sie in der Therapie mit einem andern Kranken zusammengestellt hat. Die liebevoll eingeklebten bunten Papiere und Bilder und die mit Begeisterung hineingelegten Briefmarken gefallen und erfreuen, bis der Wind die Marken in alle Richtungen verbläst. Doch Pauline hat damit Freude geschenkt und dafür Freude erhalten. Freude lässt neues Leben entstehen. Und etwas von dieser «joie de vivre» liegt auf den Gesichtern der Menschen, wenn sie den Kinosaal verlassen.

JMH Distribution

«Elling»

Da gibt es die einen, für die ist eine Expedition zum Südpol etwas fast Alltägliches, und die andern, für die schon der Gang durchs Restaurant eine grosses Unternehmen bedeutet. Elling und Kjell Bjarne sind die Helden dieser liebenswert-skurrilen Geschichte über das grosse Abenteuer «Normalität».

Als Zimmergenossen haben sie sich in der Anstalt kennen und allmählich schätzen gelernt. Der eine, das Muttersöhnchen, wie er sich selbst nennt, der andere, der nur zwei Ziele mit Konsequenz verfolgt, Essen und endlich Sex mit einer Frau. In der Anstalt sind solche schwer aufzutreiben. Deshalb verkürzt Elling ihm die Wartezeit mit höchst phantasievollen, wüsten und orgiastischen Geschichten aus seiner eigenen «reichen Erfahrung». Nach zwei Jahren werden die beiden ins sogenannte «reale» Leben, nach Oslo, entlassen, wo sie eine Wohnung und einen Sozialarbeiter bekommen. Nun haben sie sich des in sie gesetzten Vertrauens als würdig erweisen. Gar nicht so einfach, wenn schon das Telefonieren, Einkaufen und überhaupt das Verlassen der Wohnung unüberwindliche Hindernisse darstellt. Am Weihnachtsabend liegt eine Frau im Treppenhaus: für Kjell Bjarne die Chance seines Lebens. Elling entdeckt nach einer Dichterlesung seine Berufung zum Poeten. Mit einem Mal ist das «reale» Leben kein Hindernis mehr, sondern ein gewaltiges Abenteuer.

Alle sind wir behindert

«Elling» leuchtet die Zonen des Lebens aus, von denen wir im Alltag die Augen gerne verschliessen: den schmalen Bereich zwischen Normal und Abnormal. Er macht bewusst, wie zufällig die Eigenschaften sind, die als normal oder abnormal bezeichnet werden, zeigt auf, wie die Übergänge fliessend sind, und macht spürbar, dass auch wir – jede und jeder von uns – solche Abnormitäten, Behinderungen, Begrenztheiten haben.

Der Film macht Mut, indem er zeigt, wie man damit überleben, wie man damit leben kann – am besten miteinander. «Ich bin in aller Mund», meint Elling, nachdem es ihm gelungen ist, die Beispiele seines Dichtens in die Sauerkrautpakete eines Warenhauses zu schmuggeln und so ein Publikum zu erreichen. Kjell Bjarne kommt endlich in seiner verrückten Liebenacht, auf seinen Höhepunkt, nachdem er von Elling für das ganze Unternehmen eine frische Unterhose ausgeliehen hat.