Menschenbeben in Kinofilmen

Erdbeben kennen und fürchten wir. Seebeben war ein Fremdwort, bis es zur erschütternden Tatsache wurde.

Doch es gibt auch, viel alltäglicher, Menschenbeben, die sich bei Einzelnen, Paaren, Gruppen ereignen, wenn äussere Ereignisse das innere Gleichgewicht erschüttern. Und wie bei den Naturereignissen müssen wir auch damit umgehen lernen. – Im Film können wir, beim Prozess der künstlerischen Nachschöpfung, uns damit auseinandersetzen. Und das aktuelle Kinoprogramm bietet eine Vielzahl interessanter Beispiele, von denen ich hier zwanzig ausgewählt habe.

Seismografen verstehen

Um die Dimension eines Erdbebens wahrzunehmen, gibt es Seismografen. Ein ähnliches Instrument braucht es für Menschenbeben. Das Film-Sehen verlangt Auseinandersetzung. Als erstes sollten wir möglichst unvoreingenommen wahrnehmen, d.h. für wahr nehmen, was die Bilder und Töne zeigen. Dann sind diese auf ihren Symbolwert zu befragen und zu deuten. Und schliesslich haben wir die Filmgeschichte mit unserem Leben in Beziehung zu setzen. Gelingt dies, bieten Filme, wie auch andere Kunstwerke, Chancen, uns für fremde Schicksale zu öffnen und damit auseinander zu setzen. Zur persönlichen und beruflichen Bereicherung: viele Leben leben!

Zwanzig Einladungen

  1. Vier Handharmonikamusiker zeigen im Dokumentarfilm «Accordion Tribe» beeindruckend, wie Menschen miteinander kommunizieren können oder sollten.
  2. Zwei blinde Mädchen und ein sehender Junge geben in «Die Blindgänger» Einblick in ihre fremden Welten. Eine Geschichte zum Einüben ins Anders-Sein.
  3. «Le Cerf-Volant» erzählt von einer Liebesbeziehung über die Landesgrenze Israel – Jordanien hinweg und wie dies die Menschen verändert.
  4. Zwei Männer, zwei Frau, zwei Paare erleben in «Closer» ein Durcheinander ihrer Beziehungen die Unbeständigkeiten von Sex und Liebe.
  5. Was in einem jungen Menschen abläuft, wenn er nicht so ist wie die andern und wie man sein sollte, erleben wir mit viel Humor in «Comme une image».
  6. Wie und warum Menschen zu Revoluzzern werden und wohin das führt, spielt der Film «Die fetten Jahre sind vorbei» vielschichtig und geistreich durch.
  7. Als Folge der Wirtschaftskrise wird ein Mann arbeitslos. Wie schwierig es für ihn und seine Familie ist, damit umzugehen, zeigt «Im Nordwind».
  8. «In Your Hands» erschüttert mit Bildern, in denen Hoffnung dem Misstrauen unterliegt, Glaube die Vernunft beherrscht, Schmerz grösser wird als Liebe.
  9. Was in Menschen vorgeht, wenn sie (subjektiv) tief gläubig beten, macht der Dokumentarfilm «Jesus, du weisst» schockierend bewusst.
  10. Der Dokumentarfilm «Klingenhof» berichtet über einen Innenhof im Zürcher Kreis 5 und lässt erleben, wie verschiedenste Menschen gut miteinander leben können.
  11. «Machuca» erzählt den Sturz Allendes durch Pinochet von unten, nämlich aus der Sicht von zwei Jugendlichen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten.
  12. «Paul s'en va» dürfte nach der Ankündigung des Regisseurs Alain Tanner sein letzter Film sein. Paul, Schauspiellehrer und Vertreter der 68er, verschwindet eines Tages, nicht ohne seinen Studierenden eine Reihe von Texten zur Lektüre und Aufgabe zu hinterlassen. Diese sollen die Reflexion über die Aktualität im Allgemeinen und die Politik im Besonderen anregen. Tanner besetzte die Hauptrollen mit 17 Schauspielschülerinnen und -schülern, deren Namen alle mit M (mémoire) beginnen. Aus dem Zusammenwirken seines eigenen Talents als politischer Denker und Künstler mit jenem der jungen Menschen entstand eine Film, der viele Interpretationen zulässt. Die eine: Er handelt von einem alten Mann, Alain Tanner, der abgeklärt oder resigniert zugleich, Abschied nimmt vom Film und vom (medien)politischen Diskurs in unserem Land.
  13. Wie in einem Haus Besatzer, israelisches Militär, und Besetzte, eine palästinensische Familie, leben, führt uns der Film «Private» eindringlich vor Augen.
  14. In «Ricordare Anna» versucht ein Vater, den Aids-Tod seiner Tochter und zweier Enkel aufzuarbeiten und lernt bei diesem Erinnern das Verzeihen.
  15. 250 Kinder und Jugendliche aus 25 Nationen, die meisten ohne jede Erfahrung mit klassischer Musik, proben in Berlin eine Choreografie für «Le Sacre du Printemps». Der mitreissende und gleichzeitig zärtliche Dokumentarfilm «Rhythm is it!» von Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch handelt vom Vertrauen zu sich und andern, über die alle Grenzen sprengende Kraft der Musik und des Tanzes, über Selbstentdeckungen, die junge Menschen machen, wenn sie ernst genommen und gefordert werden. Im Vordergrund steht der Prozess, in dem sie Musik in Tanz umsetzen, im Hintergrund, wie sie dabei als Menschen reifen. Ebenso ist der Film ein überzeugendes Plädoyer für Kunst und Kunsterziehung: Kunst nicht als Luxus, der die Umwelt verschönert, sondern als Notwendigkeit, welche Sinn schafft; Erziehung nicht als Sammlung von Rezepten, sondern als Geburtshilfe zum wahren Mensch-Sein.
  16. Der Dokumentarfilm «Touch the Sound» über eine weltberühmte, fast gehörlose Perkussionistin lässt eintauchen in die Welt der Töne und deren Resonanz bei uns.
  17. «Tout un hiver sans feu» handelt von der existentiellen Verzweiflung eines Ehepaares, dessen fünfjährige Tochter bei einem Brand ums Leben gekommen ist.
  18. Wie eine Frau in guter Absicht dennoch zur Verbrecherin wird, zeigt «Vera Drake» am Beispiel einer Engelmacherin in den Fünfzigerjahren in England.
  19. Welche Dimensionen Fremd- und Verlassen-Sein annehmen kann, durchleben wir eindringlich in der Tragikomödie «25 degrés en hiver».
  20. Was im Innersten zwischen Menschen alles ablaufen kann, erleben wir eindrücklich, sensibel und humorvoll im Film «Whisky» aus Uruguay.

Welchen Mehrwert haben Filme für die Soziale Arbeit?

Sie können uns Menschen mit Fleisch und Blut und deren Schicksale näher bringen, besser als es Theorien vermögen. Sie bilden so zumindest als Ausgleich zu der (in meinen Augen) übertriebenen Verwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit. Die Bilder und Töne fremder Menschen können bei uns emotionale Barrieren öffnen, damit wir den Menschen im realen Leben besser begegnen.

Was uns im Privaten wie im Beruf oft vom Akzeptieren des Andern, Fremden abhält, ist «Harmoniesüchtigkeit», wie Hans Magnus Enzensberger es formuliert. «Uns mit den Tatsachen konfrontieren», sollen wir, meint er; und die Erfahrung der Begegnungen ernst nehmen, möchte ich ergänzen. Auch Hans Saner warnt vor einem «zu leichtfertigen Verstehen und Akzeptieren, vor zu schneller Toleranz». Wir sollen uns, so postuliert er, auf «Differenzverträglichkeit» einlassen, als erstes die vorhandenen Unterschiede sehen, sie bezeichnen und danach handeln. Was wir dazu brauchen, sei der Wille, zusammen leben zu wollen: «Konvivialität». Und gerade dies können wir im Film immer und immer wieder üben.