Mit Filmen die soziale Wirklichkeit erforschen

Wir sind uns gewohnt, die soziale Wirklichkeit und die Menschen darin, die zusammen das Feld der Sozialen Arbeit ausmachen, mit der Wissenschaft zu erforschen.

Über dieses Feld könnten wir zusätzliche Auskünfte erhalten, wenn wir die Kunst befragen: auf die «Bretter, die die Welt bedeuten» steigen, uns in die Romane der Weltliteratur vertiefen, die Filme des Weltkinos ernst nehmen. Sehen, hören und lesen müsste man bloss, was auf diesen Bühnen gespielt wird, was in diesen Romanen geschieht, was uns die Traumgebilden der Siebten Kunst vorführen.

Das Gespräch, den Diskurs über die Wissenschaft lernen wir im Elternhaus, in der Schule oder in den Medien. Zu wenig gelehrt und gelernt wird jedoch die «Lektüre» der Kunst, das «Lesen» der Bilder und Töne aus der Welt der Belletristik, die Geschichten und Träume, auch jene der sozialen Wirklichkeit. Deshalb hier einige Anregungen. Dasselbe Ziel verfolgen die gelegentlichen Kinohinweise dieses Heftes.

Möglichkeiten, Chancen

In der Ausbildung zum Sozialarbeiter, zur Sozialpädagogin, zur Sozialbegleiterin könnte man in verschiedenen Fächern, bei vielen Themen, für viele Projekte Kinofilme im Unterricht einbauen.

Mit Spielfilmen kann man ein Thema anspielen, die Studierenden in einen neuen Stoff hineinführen und dabei die Lerngruppe auf einen ähnlichen emotionalen und intellektuellen Stand bringen.

Filme vermögen in uns Persönliches zu wecken und aus dem Unbewussten ins Bewusstsein zu heben. Sie können ermutigen, uns zu «outen». Wenn die Lehrenden diese subjektiven Anteile nutzen, erweitet sich den Fächer des Diskurses.

Filme können aber auch ungewohnte Lösungen, neue Wege, vielleicht die Auswege aus einer Sackgasse erahnen lassen. Sie vermögen uns in der eigenen Meinung zu bestätigen oder zu verunsichern.

Methodische Fussnoten

Gemeint sind hier nicht Lehrfilme, die Inhalte didaktisch aufbereiten, sondern Spielfilme von Künstlern, die nicht belehren wollen, sondern ihre Geschichten erzählen, sich in ihren Welten vertiefen.

Oft entdeckt man per Zufall, dass im Kino ein Film zu einem Thema läuft, das man eben behandelt. Dann ist Improvisation gefragt: vor dem Film Einstimmung und Einbettung, nachher Gespräch und Auswertung.

In Videotheken oder im Internet kann man systematisch nach Filmen (auf VHS oder DVD) zu allen Themen suchen. Die Bibliotheken der Hochschulen haben heute auch diese Medien einzubeziehen (wie es beispielsweise die HSA Luzern versucht).

Filme zu zeigen brauche zuviel Zeit, wird oft eingewandt. Wenn man jedoch vom wirklichen Lern-Effekt ausgeht, stimmt das kaum. Der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt richtig eingesetzt erzielt meist eine sehr nachhaltige Wirkung.

Es lohnt sich also, den künstlerischen Spielfilm als Bereicherung des methodischen Instrumentariums zu nutzen, als Erweiterung, Vertiefung, Auslöser und Motivator in der Bildungsarbeit einzusetzen.

«Kira» von Ole Christian Madsen

Im soeben angelaufenen neuen schwedischen Dogma-Film kehrt Kira nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie nach Hause zurück: zu ihrem Mann, ihren Kindern, dem stilvoll eingerichteten Haus, zurück in das sorglose Leben einer gut situierten Familie, aber auch in die neuen und alten Beziehungen: willkommen und deplatziert zugleich.

Die Auslegeordnung dieses Lebens und die Analyse der Beziehungen kann für die Erarbeitung von Theorien, aber auch zur Lösung konkreter Fälle Entdeckungen, Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse vermitteln, die uns ganzheitlicher treffen als blosse Theorien. Dass sie zusätzlich Lust auslösen, sollte für die Bildungsarbeit nicht verboten sein.