Mit Filmen sein Altersbild und die Altersarbeit bereichern

Dreizehn grundsätzliche Anmerkungen

Wie wir unser eigenes Altersbild und damit auch unsere Altersarbeit bereichern können, dazu sollen die nachfolgenden dreizehn grundsätzlichen, praktischen wie theoretischen, Anmerkungen beitragen. Sie wollen zum Weiterdenken und zur vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema «Alter und Film» anregen, auch wenn oder gerade weil sie gelegentlich der wissenschaftlichen «Political Correctness» etwas zuwiderlaufen.

Wissenschaft schafft Wissen

In der Volksschule und in den folgenden Bildungseinrichtungen ist das Paradigma«Wissenschaft schafft Wissen» allgegenwärtig und selbstverständlich. Stehen wir beruflich oder privat vor einem Problem, suchen wir im Allgemeinen sofort Hilfe in der Wissenschaft, beschaffen uns Bücher, Fachartikel, suchen im Internet, lange bevor wir selbst nur eine Minute nachgedacht, uns mit dem Problem persönlich auseinandergesetzt oder andere um Hilfe angefragt haben.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir als Kunstgeschichtsstudenten sofort nach der Bekanntgabe neuer Seminarthemen aus dem Vorlesungssaal rannten, um uns mit der nötigen Literatur einzudecken. Wir glaubten, so denke ich heute, der Literatur und der Wissenschaft mehr als dem eigenen Denken und Fühlen oder den Erfahrungen und Einsichten anderer. Nur selten oder erst spät merkten wir, dass das, was wir auf diesem Weg erhalten hatten, zwar Antworten, aber nicht unbedingt unsere Antworten waren, dass wir in diesem Prozess leicht unsere Rolle als Subjekt des Fragens aufgegeben hatten und zum Objekt der Wissenschaft wurden, dass wir unsere Person von den Fragen abkoppelten.

Kunst schafft Können

Die mehr als zehntausend Filme, die ich insgesamt in meinem Leben gesehen habe, liessen mich immer wieder fremde Lebensgeschichten und unbekannte Welten, auch die «terra incognita» des Alters erleben. Beim Surfen durch das Seniorweb und beim Durchblättern des Booklets ist dieses Erlebnis ansatzweise für jedermann nachvollziehbar. Diese Erfahrungen haben mich bewogen, neben das Paradigma «Wissenschaft schafft Wissen», das ich selbstverständlich nicht leugne, ein anderes zu stellen, das nicht in der Wissenschaft, sondern in der Kunst begründet ist, nämlich: «Kunst schafft Können».

Erlauben Sie mir einen kritischen und provokativen Exkurs: Nachdem ich über Jahrzehnte an Sozialen Schulen Kurse gegeben habe, stelle ich heute fest, dass die Hochschulen für Sozialarbeit, etwas zugespitzt formuliert, nicht mehr Sozialarbeiter ausbilden, sondern Sozialwissenschaftler, die viel wissen, aber wenig können. Beim Lehrerberuf scheint es mir nicht viel anders. An den Pädagogischen Hochschulen erwirbt man oft ein Maximum an Wissen und ein Minimum an Können. Ich denke, dass in den meisten Bereichen des Lebens heute genügend Wissen, doch zu wenig Können vorhanden ist. Vor einiger Zeit sagte mir eine junge Lehrerin, deren Schulpfleger ich einmal war, nachdem sie sich zur Schulischen Heilpädagogin hat ausbilden lassen, sie sei frustriert, denn sie kenne jetzt zwar viele Theorien, komme in der Praxis, im Handeln, eben beim Können, damit nicht weiter. Jetzt arbeitet sie wieder als gewöhnliche Primarlehrerin und ist glücklich dabei.

Lebenskünstler

Zurück zum Film: Ich bin überzeugt, dass nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler befragt werden können und sollen, um die Welt und den Menschen, also auch das Alter, zu erklären. Begründen möchte ich dies mit der Beobachtung, dass man bei Künstlern immer wieder feststellen kann, welch grossen Erfahrungsschatz sie über den Menschen und welchen Erlebnisreichtum über das Leben sie haben, die uns mehr bringen können als nur Wissen, nämlich mehr Können.

Für die Altersarbeit ist das, was Künstler in Fülle besitzen, nämlich Erfahrungen über junge wie alte Menschen, ihr Leben, ihre Umwelt, ihre Freuden und Leiden, wertvoll. Es könnte zur Lebenshilfe und zur Hilfe im Beruf werden. Im Volksmund spricht man ja bekanntlich auch nicht von Lebenswissenschaftlern, sondern von Lebenskünstlern. Etwas Lebenskunst im Sinne auch der Kunst, glücklich zu altern, können wir aus den Werken der Kunst, beispielsweise auch aus Filmen erfahren. Ob wir vielleicht doch dem Wissen der Wissenschaft zu viel und dem Können der Kunst zu wenig trauen? Ich frage bloss. Und das im Blick auf unzählige Filme über das Alter, die mir für mein Leben Wesentliches gegeben haben.

Das Leid mit den Zahlen

Wissenschaftliche Aussagen bestehen grösstenteils aus statistischen Mehrheitsaussagen: So ist das Alter, so verhält sich der junge Alte, so lebt der Mensch im vierten Alter usw. Dabei basieren diese Aussagen doch meist auf nichts anderem als den Meinungen von beispielsweise 80, 70 oder auch nur 55 % der Befragten. Was sind dann die anderen 20, 30 oder 45 %? Sind das keine Alten, keine jungen Alten, keine Menschen im vierten Alter? Ist eine statistische Minderheitsaussage, wie sie künstlerische Filme bieten, eine «quantité négligeable? Sind nur Mehrheitsaussagen relevant? Fragen wir uns das immer wieder, wenn wir vor einem alten Menschen in seiner Einmaligkeit stehen. Ja, Filme erzählen immer von Einzelmenschen, nicht von statistischen Mehrheiten.

Wissenschaft versus Erfahrung

Der nachfolgende zweite Exkurs besagt, dass die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Erfahrung nicht nur ein Thema bei der Rezeption von Filmen z. B. über das Alter ist, sondern allgemein und grundsätzlich. Der Kriminologe Martin Killias schreibt (im Magazin des Tages-Anzeigers, Nummer 39/2010): «In der heutigen Gesellschaft ist die Überzeugung weit verbreitet, dass Wissenschaftler – also «Experten» – unsere Probleme besser verstehen als gewöhnliche Sterbliche. Gewiss erleichtert Fachwissen, Tendenzen besser zu überblicken und allenfalls auch zu erklären. Gefährlich wird es hingegen, wenn die Ablehnung der Laiensicht gerade zu einem Merkmal der Wissenschaftlichkeit emporgehoben und jeder Versuch, die Wahrnehmung der «unaufgeklärten» Menschen ernst zu nehme, als populistisch verdammt wird.» Auch wir «unaufgeklärte» Menschen können aus Filmerlebnissen viel Neues und Wertvolles über das Alter erfahren, wenn wir nur wollen.

Ohne diese Wissenschaft verteufeln zu wollen, plädiere ich (erstens) für einen vermehrten Einbezug von Künstlern in die Altersarbeit. Sie zeigen uns oft wie Seismografen, was wir oft nicht sehen, hören oder merken. Und (zweitens) plädiere ich für einen vermehrten Einbezug der Laien, der Amateure, was wörtlich ja nichts anderes heisst, als der Liebhaber, mit ihren persönlichen, einmaligen Lebensgeschichten, in die Altersarbeit.

Andere Perspektiven

Künstler besitzen eine Menge Wissen, das auch wir brauchen. Ihr «Arbeitsmaterial» besteht ja vornehmlich aus Erfahrungen und Erlebnissen und den Texten, Bildern und Tönen davon. Vielleicht liegt hier ein Grund für das Befreiende, Wohltuende, das gute Filme auslösen können. Künstler schauen anders, sie stehen an einem anderen Ort, benutzen andere Perspektiven, weil sie unabhängiger und freier sind als die Professionellen, auch die Professionellen der Altersarbeit. Künstler ermöglichen uns, anders wahrzunehmen, «avec un certain regard». Um ebenfalls von dieser anderen Sichtweise profitieren zu können, hat beispielsweise alt Bundeskanzler Helmut Schmidt den Schriftsteller Max Frisch als Begleiter 1975 auf seine Chinareise mitgenommen. Schmidt hat davon erzählt, Frisch darüber geschrieben.

Medien wirken

Eine Grundaussage der Medienkommunikation heisst: Medien wirken! Filme machen etwas mit dem Publikum, auch mit den Alten. Generell ist dies unbestritten, im konkreten Fall jedoch oft angezweifelt, weil diese Wirkungen oft mehrdeutig oder unklar sind. Man weiss, dass Medien wirken, doch nur ansatzweise und punktuell, wie sie wirken. Die Folgen der Wirkungen der Medienkommunikation umschreibt, ganz unwissenschaftlich, doch treffend, ein französisches Diktum in Kürzestform: «Mal vu, mal dit.» (falsch geschaut, falsch gesprochen), was ich ergänzen möchte mit: «Mal fait» (falsch gehandelt). Die Bedeutung und Nachhaltigkeit der Rezeption von Medien, also auch von Filmen über das Alter, wird damit offensichtlich.

Worte und Ant-Worten

Die Botschaften, die wir aus der Kunst erhalten, haben immer etwas mit uns zu tun. Denn in der Ästhetik – «Aísthesis» heisst nichts anderes als «Wahrnehmung» – sind wir immer als Subjekte involviert. Der Künstler spricht das «Wort», wir entgegnen ihm mit unseren «Ant-Worten». Damit beginnt der Dialog, aus dem im Idealfall, wie Martin Buber schrieb, Bildung entstehen kann. Bei der Rezeption von Kunst sind wir also nicht bloss Empfänger und Konsumenten, sondern immer auch Sender und Produzenten.

Vereinfacht gesagt: Die eine Hälfte des Films macht der Regisseur oder die Regisseurin, die andere mache ich: mit meinen Erfahrungen, meinem Wissen, meiner ganzen Persönlichkeit. Ich «assimiliere» die Bilder und Töne, wie die Pflanze artfremde Stoffe in arteigene verwandelt. So werden Filme Teil von mir. Der deutsche Hirnforscher Ernst Poppel schreibt dazu: «Das Bild wird im Gehirn nach meiner Identität umkodiert und erzeugt so eine konsistente Lebensgeschichte» (Tages-Anzeiger, 25.11.2010). Es geht also darum, das, was ich wahrnehme als wahr zu nehmen, und es in mein Bewusstsein und meine Persönlichkeit einzubauen.

Mehrdeutige Aussagen

Die Bilder und Töne von Filmen sensibilisieren uns beispielsweise für das, was Alter und Altern ist oder sein kann: für seine Vielfalt und seine Widersprüche, seine Mehrdeutigkeit und Offenheit. Es scheint mir wichtig, dass wir solche Antworten suchen und finden: auch bei Filmen. Wir erweitern im Film-Sehen den Singular der alltäglichen und der wissenschaftlichen Antworten zum Plural der menschlichen Erfahrungen. Filmbilder widersprechen der Eindeutigkeit mit ihrer in den Kunstwerken innewohnenden Mehrdeutigkeit. Sie führen bei den wesentlichen Dingen des Lebens, und das Alter zählt wohl dazu, hinein in das grundsätzliche Sowohl-als-auch. Sie verwischen die Schärfe der trivialen und oberflächlichen Fakten zur Unschärfe des Vielleicht, des Möglichen, des Mehrdeutigen. Der Physiker Werner Heisenberg scheint mit seiner Theorie der Unschärfe dem näher zu kommen als viele Humanwissenschaften.

Probehandeln

Bilder und Töne im Film evozieren Bilder und Töne, die bei uns gespeichert sind als Erinnerungen, Vermutungen, Hoffnungen und Befürchtungen und transportieren sie ins Hier und Jetzt. Das Lächeln und Sinnieren während und die Kommentare und Äusserungen nach dem Sehen eines Films sind Ausdruck dafür, dass die «Worte» der Filmschaffenden angekommen sind und bei mir «Ant-Worten» ausgelöst haben.

Nachdem wir einen Film gesehen haben, sind wir «erfahrener», im Sinne von Günther Anders, der Erfahrung gleichsetzt mit «durch eine reale Landschaft fahren». Im Kino können wir «probehandelnd» etwas er-fahren, mit-machen, mit-leben. In der Identifikation mit Filmfiguren, in der Empathie mit ihnen können wir reicher werden. Persönlich habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte, dank dem Kino, schon viele Leben gelebt. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.

Abbilder

Eine weitere Grundsatzfrage ist noch zu klären: Welches sind eigentlich die Funktionen der Medien in der Gesellschaft? Als Erstes meine ich, die Medien haben die Wirklichkeit abzubilden. Beim Dokumentarfilm scheint das einleuchtend, beim Spielfilm vielleicht weniger. Und doch bilden auch Spielfilme das ab, was Filmemacher als ihre Wirklichkeit erfahren. Dass diese Abbilder nie objektiv sind, sondern subjektiv, nicht die ganze Wahrheit, sondern nur Teilwahrheiten zeigen, dürfte bekannt sein. Franz Zöchbauer, der Pionier der Medienpädagogik im deutschen Sprachraum, hat es vor Jahrzehnten so formuliert: «Nichts ist so subjektiv wie das Objektiv der Kamera.»

Die Abbilder dieser Teilwahrheiten können unklar oder verzerrt sein, beabsichtigt oder unbeabsichtigt manipuliert, also mit den Händen bearbeitet. Doch was machen wir mit diesen Teilwahrheiten? Vielleicht hilft uns der Satz eines Sufimeisters aus dem 13. Jahrhundert weiter: «Die Wahrheit ist ein Spiegel, der vom Himmel gefallen ist, er ist in tausend Stücke zersplittert, jeder besitzt einen kleinen Splitter und glaubt, die ganze Wahrheit zu besitzen» (Dschaelal ed-din Rumi).

Vorbilder

Komplizierter und folgenschwerer ist die Tatsache, dass der Prozess des Abbildens immer gleichzeitig einen Prozess des Vorbildens auslöst. Die Abbilder werden zu Vorbildern, und diese Vorbilder sind dann die Nachrichten, nach denen wir uns richten. In der Verzahnung dieses Abbild-/Vorbildprozesses verstecken sich zugegebenermassen einige Probleme.Ich mache einen dritten Exkurs über das Thema «Medienwirkungen am Beispiel Gewalt», weil dieses Thema intensiv beforscht wurde und deshalb exemplarisch verwendet werden kann. Ein Journalist bildet in einem Dokumentarfilm kriegerische Gewalt, eine Künstlerin in einem Spielfilm seelische Gewalt ab, weil sie die Wirklichkeit so sehen. Solche Abbilder können entweder ängstigen (nach der Inhibitions-Theorie) oder abstumpfen (nach der Habitualisierungs-Theorie) oder gelernt werden (nach der Stimulations-Theorie). Wir sehen, es gibt nicht eine einzige Wirkung, sondern verschiedene. Welche im konkreten Fall zutrifft, ist schwierig vorauszusagen. Die gleiche Vielfalt gilt analog auch für andere Wirkungen. So entstehen Klischees und Vorurteile beim Sehen, Gewohnheiten und Regeln beim Sprechen und Begründungen und Ideologien beim Handeln.

Sinnbilder

Das Abbild, das gleichzeitig Vorbild ist, kann im Idealfall zum Sinnbild werden, d. h. zu einem Bild, das Sinn stiftet: für eine Zeit, ein Land, eine Gesellschaft, für einen einzelnen Menschen, wenn es allgemein menschlich, welthaft, universell ist, nicht bloss an der Oberfläche des Einzelfalles hängen bleibt. Das sind dann die Highlights jedes Medienkonsums.

Ich denke dabei im Bereich des Alters an einen Roman wie «Der alte Mann und das Meer» von Hemingway, ein Theaterstück wie «Der Tod eines Handlungsreisenden» von Arthur Miller, eine Erzählung wie «Die unwürdige Greisin» von Bert Brecht und an Filme wie «Angst essen Seele auf» von Rainer Werner Fassbinder, «Der letzte Mann» von Murnau, «Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner» von Kurt Gloor, «Die Mutter» von Pudowkin, «Il bacio di Tosca» von Daniel Schmid, «Les herbes folles» von Alain Resnais, «Les plages d’Agnès» von Agnès Varda, «Les petites fugues» von Yersin und am liebsten an «Limelight» von Charles Chaplin und «Sarabande», der letzte Film von Ingmar Bergman, der in der Schweiz nie im Kino gezeigt wurde, in der Bibliothek als DVD jedoch erhältlich ist.