Nun sag, wie hast du's mit der Religion?

Zwei aktuelle Kinofilme geben auf die Frage Gretchens an Faust ihre (positive resp. negative) Antwort.

Religion ist in der Sozialen Arbeit oft kein Thema. Erst bei konkreten Fragen wie Immigration oder Integration und Zusammenprall der Ideologien entdeckt man, dass Religion viel mit der Sozialen Arbeit zu tun hat und sich eine Auseinandersetzung damit empfiehlt.

«Namesake» – Mira Nair gibt aus Indien ihre humane Antwort

Ein bengalisches Ehepaar verlässt kurz nach der Hochzeit Kalkutta, um in New York zu leben. Als sie für ihren neugeborenen Sohn einen Namen finden müssen, entscheidet sich der Vater spontan für «Gogol», den Namen seines Lieblingsautors. Er soll ein Bindeglied zwischen einer geheimen Vergangenheit und der Zukunft bilden. Doch Gogols Leben gestaltet sich nicht einfach. Er lebt das Leben amerikanischer Teenager mit seinen Sitten und Gebräuchen und wird zu Hause mit bengalischen Traditionen und Werten konfrontiert. Mit der Beziehung zu einer jungen Amerikanerin bricht er endgültig mit der Familientradition. Doch als sein Vater stirbt, entscheidet er sich für seine bengalische Identität und trennt sich von seiner Freundin. Die Trauer bringt ihm die Familie und die Heimat näher. Kurz darauf heiratet er eine Inderin. Doch schon bald erkennt er, dass gemeinsame Wurzeln allein als Basis für eine Liebesbeziehung nicht reichen. Und seine Mutter entscheidet sich, ein halbes Jahr in Indien mit ihrer Familie, ein halbes Jahr in Amerika bei den Kindern zu leben. So schafft sie ihren Brückenschlag zwischen den beiden Kulturen.

Identität, Integration und Religion – drei Polo der Lebensgestaltung

Identität (Wer bin ich?), Integration (Wohin gehe ich?) und Religion (Wozu das alles?) sind drei Fragenkomplexe, die sich in einer globalisierten Gesellschaft vermehrt stellen. Der Film «Namesake» (Namensvetter) der Inderin Mira Nair zeigt dies in sinnlich und sinnbildlichen Szenen und Einstellungen (etwa mit der Howrat-Brücke in Kalkutta und die Queens-Brücke in New York). Wissen allein genügt nicht; erst Erlebnisse lassen brauchbare Antworten entstehen.

Identifikation und Integration sind in dieser Region mit Religion verbunden: mit dem Buddhismus, der wesentlich als Sinnlichkeit und Symbol, letztlich als ästhetisches Phänomen daher kommt. Anders als das Juden- und Christentum und der Islam, die vor allem Moral- und mit Jahwe, Jesus und Muhammed Macht-Religionen sind. Die ästhetische Religion Bengalens scheint offener und darum auch freundlicher, unverbindlicher und darum auch Anteil nehmender zu sein.

«Takva» – Özer Kiziltan, ein Atheist, der Fragen stellt

Muharrem führt ein bescheidenes und frommes Angestelltendasein in einem traditionellen Viertel Istanbuls. Er hält sich strickt an die islamischen Gebote, betet viel und übt sich in sexueller Enthaltsamkeit. Dank dieser Hingabe betraut ihn der Führer eines mächtigen Sufi-Ordens, der für den mystische Weg des Islam steht, mit einer verantwortungsvollen Aufgabe. Er soll die Miete der ordenseigenen Liegenschaften eintreiben. Solche Ordenshäuser gibt es in Istanbul 2»500, in der ganzen Türkei etwa 25»000. Muharrem wird neu eingekleidet, mit Handy und Computer ausgestattet und findet sich sodann in einer Welt wieder, der er bislang erfolgreich aus dem Weg gegangen ist. Er wird Zeuge von Heuchelei, Alkoholmissbrauch, Betrug und kommerziellem Sex. Zur eigenen Bestürzung wird er selbst tyrannisch und stolz, beteiligt sich ungewollt an einer Betrügerei und wird Tag und Nacht von den Bildern einer verführerischen Frau in seinem zölibatären Lebensstil auf die Probe gestellt. Die Jahrzehnte lang gelebte Balance zwischen andächtiger Existenz und weltlicher Verlockung gerät zusehends ins Schwanken. Die Angst vor der Strafe Gottes wird zur Bedrohung für sein Leben.

Erfolgreich bei den Religiösen wie den Religionskritischen

Kann man als gläubiger Muslim in der kapitalistischen Welt von heute nach denselben religiösen Werten leben wie vor tausend Jahren? Der Film «Takva» (Gottesfurcht) des Atheisten Özer Kiziltan beantwortet diese universelle Frage mit einer Geschichte, die unter die Haut geht. Die zum Teil authentischen Aufnahmen von Sufi-Ritualen entwickeln eine faszinierende und hypnotisierende Wirkung und begeisterten in der Türkei sowohl religiöse wie religionskritische Kreise so sehr, dass der Film an den Kinokassen sogar dem neuen James-Bond-Film den Rang ablief.

In nicht-muslimischen Kreisen dürfte der Film wohl eher als Religionskritik denn als Dokument inbrünstiger Religiosität verstanden werden. Gezeigt wird nämlich eine Religion ohne Frauen und gegen Frauen, eine Religion der Männer, die Macht ausüben und ihren Verstand verlieren. Die Ablehnung von Individualismus, Humanismus und Rationalität, wie es die Geschichte sichtbar macht, führt zum (psychischen oder religiösen) Wahnsinn. – Mühelos kann diese Aussage über den Islam auch auf orthodoxe Juden und fundamentalistische Christen übertragen werden. Der Film zeigt, mit welcher Geilheit im Islam die sexuell Frustrierten zu Vergewaltigern werden. Wie das im Judentum aussieht, illustrieren die Gewalt- und Sexskandale der letzten Zeit in Israel. Wie im Katholizismus sexuelle «Kaputtheit» durch Zwangszölibat und Papstverdikten entsteht, zeigen die Pädophilen-Prozesse und deren Dunkelziffern.