On the Road – Auf den Weg

Wie die Philosophie und Religion, so kann auch das Kino Antworten geben auf die Fragen des Lebens, auch der Sozialen Arbeit: in Form von Geschichten und Erlebnissen.

Dazu werden hier fünf Filme des aktuellen Kinoangebots vorgestellt: «Saint Ralph» von Michael McGowan, «Koktebel» der Russen Boris Chlebnikow und Alexej Popogrebskij, «Bombon – El perro» des Argentiniers Carlos Sorin, «Le grand voyage» von Ismael Ferroukhi, «Paradise Now» des israelisch-palästinensischen Regisseurs Hany Abu-Assad und «Don’t Come Knocking» von Wim Wenders.

«Saint Ralph»

Der kleine kanadische Independentfilm erzählt schnörkellos und ehrlich eine Internatsgeschichte aus den fünfziger Jahren. Der vierzehnjährige Ralph kämpft darin permanent gegen das streng katholische Milieu an, in dem er aufwächst. Die neueste seiner oft etwas komischen Aktionen ist die ernsthafte Vorbereitung auf den Bostoner Marathon. Ein Sieg, so glaubt er inbrünstig, wäre genau das Wunder, das es braucht, um seine Mutter, die im Koma liegt, ins Leben zurückzuholen.

Wie der Junge sein Ziel anstrebt, all seine Kräfte dafür einsetzt, fasziniert und regt zum Nachdenken über den Sinn eines solchen Tuns. «Der Weg ist das Ziel», sagt man oft etwas leichtsinnig. Was der Satz in seiner Tiefe jedoch meinen kann, macht dieser Film bewusst und erfahrbar. Unwillkürlich denkt man an das «Prinzip Hoffnung» von Ernst Bloch, das uns auch in der Sozialen Arbeit oft als Letztes bleibt.

«Koktebel»

Ein verwitweter und arbeitsloser Ingenieur aus Moskau geht mit seinem elfjährigen Sohn auf den Weg, tausend Kilometer durch die unendlichen Weiten Russlands. Sie wollen die Tante des Jungen aufsuchen, die in Koktebel auf der Krim lebt. Die Erzählungen seines Vaters von stundenlang gleitenden Albatrossen bringen den Jungen ins Staunen, wecken seine Sehnsucht. Die Reise bleibt voller Abenteuer und Hindernissen und droht gar zu enden, als sich der Vater unterwegs in eine Frau verliebt. Der Sohn macht sich allein auf den Weg, um die Albatrosse gleiten zu sehen, doch am Ziel erlebt er die grosse Enttäuschung.

Die Geschichte eines Vaters und eines Sohnes, die miteinander auf den Weg gehen, von denen jedoch nur der jüngere ans Ziel kommt. Der Mensch als Gehender, als «homo viator» (Marcel Gabriel), in poetischen, vieldeutigen, geheimnisvollen Bildern und Szenen, die wir auch aus sozialen Situationen kennen.

«Bombon – El perro»

Als arbeitslos bleibt dem 52-jährigen Juan ohne spezielle Bildung wenig Hoffnung. Doch er geht auf den unwegsamen Weg durch die Landschaften Patagoniens und macht dabei seine Begegnungen. Etwa mit einer jungen Frau, der er bei einer Panne hilft und von der er eine reinrassige argentinische Dogge erhält. Wenn der riesige Hund ihn auch einschüchtert, beginnt zwischen den beiden die ausserordentliche Beziehung zwischen einem Menschen und einem Hund.

Ein Mann «kommt auf den Hund» und entdeckt dabei in sich selbst immer neue Dimensionen und Facetten. Nicht mit Worten, sondern mit Gesten, Mimik und in Szenen erleben und begreifen wir diesen Weg ins Unbekannte, Geheimnisvolle des Lebens: Alltag sicherlich auch der Sozialpädagogin, des Sozialbegleiters.

«Don’t Come Knocking»

Sam Shepard (Drehbuch und Hauptdarsteller) und Wim Wenders (Regie) erzählen die Geschichte und zeigen Seelenlandschaften eines abgehalfterten Hollywoodschauspielers, der nach den üblichen Abstürzen und kleinen Katastrophen des Lebens aussteigt. Diesmal geht die Reise nicht nach vorne, sondern in die Vergangenheit. Er realisiert, dass ihm im Lauf seiner Karriere das Leben abhanden gekommen ist. Als er zudem erfährt, dass er einen erwachsenen Sohn haben soll, macht er sich auf die Suche nach ihm, trifft ihn und gleich auch noch seine Ex-Geliebte.

Sein Leben und das Leben von Klienten rückwärts anschauen, kann Lust und Freude bereiten, aber auch Trauer und Wut auslösen. Und doch ist es etwas vom Wesentlichsten, sich seiner Existenz zu vergewissern und zu verstehen. «Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden», meint Bijan Adl-Amini.

«Le grand voyage»

Zur Pilgerreise von Aix-en-Provence nach Mekka wird ein areligiöser Sohn von seinem religiösen Vater genötigt. Nach bitteren Kämpfen während der Fahrt in ihrem Peugeot nähern sie sich Zentimeter um Zentimeter. Der Weg, den die beiden aufeinander zugehen, nachdem sie das «Huit Clos» (Jean-Paul Sartre) im Auto durchlebt haben, wird zum Symbol der Versöhnung, des Lebens mit dem Vater, der Familie, der Menschenfamilie.

Auf ihrer Reise erfahren sie die Andersartigkeit und Fremdheit von Menschen, Kulturen, Religionen, bis sie das Eigene im Andern, das Andere im Eigenen entdecken. Der Film lässt uns auch immer wieder existentielle Grenzen erleben: jene zum Tod und jene zur Religion. Doch gerade dazu braucht es diese Reise, die Zeit, die Langsamkeit, das Auf-dem-Weg-Sein. Genau so wie wir dies oft nötig haben in unserer Arbeit.

«Paradise Now»

Einen besondern Weg machen Khaled und Said, zwei junge Palästinenser, gute Freunde seit ihrer Kindheit. Doch ihr Alltag ist geprägt von der Intifada und der fehlenden Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben. Jetzt sind sie zu einem Selbstmordkommando in Tel Aviv bestimmt. Nach einer letzten Nacht im Kreise ihrer nichts ahnenden Familie bringt man sie an die israelische Grenze. Doch dann verläuft die Operation nicht wie geplant. Die beiden jungen Männer verlieren sich aus den Augen. Voneinander getrennt und ganz auf sich gestellt, müssen sie ihrem Schicksal entgegentreten und für ihre Überzeugung gerade stehen.

Der Film, diese Reise ins (Unter-)Bewusste von zwei Selbstmordattentätern verdichtet sich: Auf dem Weg sein kann auch heissen, einen Entscheidung treffen, sich von Orten und Menschen verabschieden, wenn es kein Zurück gibt.