Pubertäts- und Elternporträts

Die beiden Schweizer Filme «Little Girl Blue» und «November» handeln von zwei Mädchen in der Pubertät und machen schmerzhaft bewusst, wie schwierig dieser Lebensabschnitt sein kann.

Solche Bilder können für jede Lehrkraft erhellend sein. In beiden Filmen geht es gleichzeitig um die Eltern, die Mitschuld tragen am Leid, das Jugendliche oft zu ertragen haben. Solche Bilder können für Eltern beunruhigend und erhellend sein.

«Little Girl Blue»

Sandra ist neu in die Vorortssiedlung eingezogen und noch schüchtern. In Mike finde sie einen Vertrauten. Dass sie sich in ihn verliebt, macht alles nur schwieriger. Als sich die beiden vorsichtig näher kommen, entdecken sie, dass seine Mutter sich heimlich mit einem fremden Mann, nämlich ihrem Vater, trifft. Mike ist entsetzt, Sandra gerät in Panik, aus Angst, Mike zu verlieren, verstrickt sie sich immer tiefer in Widersprüche.

Anna Luif, die bereits mit dem Kurzfilm «Summertime» als sensible Kennerin der jugendlichen Psyche aufgefallen ist, bleibt beim gleichen Alterssegment, zeigt diesmal jedoch auch dessen dunkle Seiten und, indem sie den Blickwinkel ausweitet, die Brüchigkeit der Erwachsenenwelt und deren Auswirkung auf die Kinder. Die Regelverstösse von Sandras Vater und Mikes Mutter bringen sie in ein Dilemma. Der Film erzählt seine Geschichte, vor allem am Anfang, verlangsamt wie in Zeitlupe: für Menschen, die er betrifft oder die verstehen möchten, genau richtig zum Nachfühlen und Nachdenken.

«November»

Yvonne ist elf und hat einen Traum: Los Angeles. Doch bei den Eltern fehlt das Geld und Träumen ist ihnen schon längst vergangen. Der Vater steht beruflich im Abseits, die Mutter verbietet sich Fernweh. Das Mädchen zieht sich aus dieser perspektivenlosen Welt zurück und verbringt die Freizeit mit Iceman, dem Aussenseiter in ihrer Nachbarschaft, dessen «Welt arschkalt, aber wunderschön» ist. Da gewinnt die Mutter unerwartet 2,8 Millionen im Lotto. Das Geld bringt indes kein Glück, sondern deckt die Spannungen und Brüche der Familie schonungslos auf.

Auch hier steht ein pubertierendes Mädchen im Mittelpunkt, dessen Leben jedoch gleichzeitig die Probleme der Familie reflektiert, die seit Jahren unter den Teppich gekehrt wurden. Der Millionengewinn wird zum Katalysator des ungelebten (Familien-)lebens einer Durchschnittsfamilie. Luki Frieden legt mit seinem Erstling eine feine, wenn auch sehr befrachtete Geschichte vor, die erlebbar macht, was in jungen Menschen geschehen kann, wenn es November wird und Schnee fällt – und was Eltern damit zu tun haben könnten.

Und die Eltern

Sandra und Yvonne werden von ihren gleichaltrigen Freundinnen und Kameraden, tiefer jedoch von ihren Eltern enttäuscht. Diese sind schuld daran, dass die zwei Mädchen es so schwer haben. – Erleben wir es in der Schule nicht oft, dass es einem weh tut, was die Kinder und Jugendlichen durch ihre Eltern doch alles zu ertragen haben?

Gerade in der Zeichnung der Schuld der Eltern erscheint mir der Film besonders eindrücklich und aufrüttelnd, jedoch nie verurteilend, eher schon mitleidend. Er zwingt uns Eltern zur Besinnung, zur Gewissenserforschung. Und Trost können wir den Jungen nur spenden, wenn wir offen sind und den Jungen helfen, realistisch ihren Lebensweg zu finden: zwischen Resignation und Illusion, im ursprünglichen Sinn des Wortes in Ent-täuschung.