Rollenwechsel – mit Filmen

Wechsel von Blickwinkeln, Positionen und Rollen ist gefragt. Um dies zu erleben und zu üben, eignen sich auch vier aktuelle Kinofilme. Sie schaffen Verständnis und erweitern das Bewusstsein: zum Mit-Denken, Mit-Leiden, Mit-Freuen und Mit-Sein, indem die Bilder wahr genommen werden.

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«Wüstenblume» – genital verstümmelt

Die schöne Somalierin Waris Dirie wird in der Modewelt als Top-Model gefeiert. Doch hinter der glamourösen Fassade verbirgt sich ein trauriges Schicksal: in der Wüste geboren, kämpft sie ums Überleben, flieht vor der Zwangsheirat, kommt als Dienstmädchen nach London, taucht unter, als ihr die Rückschaffung droht. Doch ein frühes Ereignis holt sie wie der Schatten der Vergangenheit ein. In einem Interview erzählt sie von der Frauenbeschneidung, deren Opfer sie selbst als Kind geworden ist, was Mitgefühl und Protest auslöst. Sie beschliesst, ihr Leben dem Kampf gegen dieses Verbrechen zu widmen, dem heute noch täglich 6000 Mädchen zum Opfer fallen. Mit dem Film leuchtet Sherry Hormann den scheusslichen Abgrund aus Patriarchat, Tradition und Aberglauben aus – derweil auch bei uns afrikanische Kindern darüber noch schweigen.

«Country Teacher» – Freundschaft für Liebe

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Der junge Gymnasiallehrer Petr kehrt Prag den Rücken, um auf dem Land an einer Volksschule zu arbeiten. Im idyllischen Dorf lernt er die junge Witwe Maria, die mit ihrem 18-jährigen Sohn Lada den Bauernhof bewirtschaftet. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft, indem sie einander akzeptieren mit ihren Zweifeln, Hoffnungen und Sehnsüchten. Während Maria sich mehr erhofft, reagiert Petr zurückhaltend, denn er ist schwul, vergeht sich an ihrem Sohn. Bohdan Sláma erzählt mit viel Einführungsvermögen die bewegende Geschichte von zwei verletzten Menschen, die ihre sexuelle Identität und menschliche Geborgenheit suchen, doch die Erfüllung nicht ganz finden. – Situationen werden beschrieben, wie sie auch bei unseren Beratungen variiert anzutreffen sind.

«Gigante» – einsam beobachtend

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Jara, 35, ein harmloser, grosser Kerl, Sicherheitsangestellter in einem Supermarkt, überwacht die Überwachungskameras, während sein Leben ereignislos dahin plätschert, bis eines Tages Julia ins Blickfeld kommt. Zunächst verbringt er Stunde vor den Monitoren und schaut ihr zu, während sie putzt, bald folgt er ihr am Feierabend. Sein Leben entwickelt sich zu einer Abfolge von Ritualen um Julia. Als ihr gekündigt wird, steht er vor der Frage: Kann ich von der Obsession lassen, vom irrealen ins reale Leben umsteigen? Der argentinische Regisseur Adrián Bíniez gibt diesem Beobachten eine allgemein menschliche Dimension. Charmant und realistisch ist seine Studie existentieller Einsamkeit – wie sie sich oft auch bei unsern Klienten hinter den Depressionen verbirgt.

«The Sound of Insects» – sterbend leben

 

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Im tiefen Winter findet ein Jäger in einem abgelegenen Waldstrich die Mumie eines etwa 40-jährigen Mannes. Aufgrund der minuziösen Aufzeichnung des Toten stellt sich heraus, dass dieser im letzten Sommer Selbstmord durch Verhungern und Verdursten begangen hat. Der Schweizer Peter Liechti nähert sich in seinem Film einer Novelle nach einer wahren Geschichte mit einfühlsamen und faszinierenden Bildern und Tönen. Das Tagebuch beschreibt den Weg vom Entscheid für den Suizid bis zum Erlöschen des Lebens nach sechzig Tagen. Die Bilder und Klänge des Films lassen niemanden unberührt. Der Text löste grosse Resonanz aus, weil er das präzise Portrait einer sterbenden Gesellschaft ist, ohne Lamento, Selbstmitleid, Sentimentalität und Wertung. Radikal sind die Fragen nach dem Sterben und dem Leben – Fragen, auf die ich und die Soziale Arbeit Antworten braucht.