Schmerz-Bilder

Versteht man Kino nicht bloss als «Vehikel», um Zeit zu vertreiben, sondern um die Zeit und damit das Leben mit Sinn zu füllen, dann gehören auch Schmerz-Bilder ins Kino.

Oftmals steht der Schmerz am Ende des Lebens, wie im Film «C»est la vie» von Jean-Pierre Améris. Gelegentlich bildet er den Anfang eines Weges, wie in «Innocence» von Paul Cox. Anderswo bricht er in die Mitte ein, wie in «Iris» von Richard Eyre. Drei Filme mit drei Bildern des Schmerzes: Schmerz, wie wir ihm jederzeit im Leben begegnen können.

«Iris»

Die gefeierte Schriftstellerin und Denkerin Iris Murdoch (Kate Winslet und Judi Dench spielen ihr junges und ihr altes Leben) war seit mehr als vierzig Jahren mit dem Literaturkritiker John Bayley (Jim Broadbent) verheiratet. Schon in den frühen Tagen ihrer Romanze hatte die Autorin das Sagen. John stand in ihrem Schatten und musste akzeptieren, dass Iris ihre Freiheit auch mit andern Männern und Frauen zelebrierte. Doch die beiden blieben ein Paar und wuchsen im Lauf der Jahre immer näher zusammen. Bis zu jenem schicksalhaften Tagen im Jahre 1997, als ihre Beziehung der schwersten Belastungsprobe ausgesetzt wurde. Plötzlich liessen bei Iris Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis nach. Die Ärzte diagnostizierten Alzheimer. Aufopfernd und geduldig pflegte John sie bis zu ihrem Tod nach zwei Jahren.

Eine wahre Geschichte, wahrhaftig erzählt. Ein anrührender Film von Vertrauen und Achtsamkeit, von Tragik und Komik, von Schmerz aber auch und von Trauer, bei John, vielleicht auch bei Iris – und von der wunderbaren Kraft der Liebe. Mehr dazu unter www.movie.de/movie_start.php?id=88

«C'est la vie»

Dimitri (Jacques Dutronc) zieht in «La Maison» ein, wo Menschen leben, für welche die Medizin nichts mehr tun kann. Dort begegnet er Suzanne (Sandrine Bonnaire), die mit andern zusammen diese Menschen am Ende des Lebens aufopfernd begleiten. Hinter ihrer unbegrenzten Verfügbarkeit versteckt die strahlende und lebensfreudige junge Frau ein Geheimnis, eine Verletzung. Er, der ohne Hoffnung auf Zukunft in dieses Haus gezogen ist, lebt jetzt intensiver denn je. Die gemeinsame Zeit wird auch für Suzanne zu einer Zeit der Erfüllung, der Liebe.

«Es ist wichtig, Filme über das Lebensende zu machen, denn dieses Thema wird im Film selten behandelt. Der Blickwinkel und die Handlung überzeugen mich, sie helfen, gewisse Vorurteile im Bezug auf die Empfindungen sterbender Menschen abzubauen. Auch die Liebesgeschichte, die zugleich Sterbebegleitung ist, gefällt mir sehr gut», meint die Hauptdarstellerin.

Schmerz, meint man, überfällt jene, die sich zum Sterben aufmachen. Doch dieses Stück Sterbens- das heisst Lebensgeschichte weist auf eine andere Qualität, weil in diesem Haus Menschen leben, die den Zugang zu den Sterbenden gefunden haben, die bei ihnen, die mit ihnen sind.

«Innocence»

Ein verwitweter Pensionär, Andreas Borg (Charles Tingwell), trifft in Australien seine erste Liebe, Claire (Julia Blake), wieder und beginnt ihr erneut den Hof zu machen. Obwohl sie mit John (Terry Norris) verheiratet ist, lässt sie sich auf sein Werben ein. Und ganz allmählich entwickelt sich daraus ein der schönsten Liebesgeschichten mit alten Menschen, die ich im Kino kenne. Darin hat die törichte Verliebtheit ebenso Platz wie die Gelassenheit, die Abgeklärtheit und schliesslich der Tod.

Immer wieder gilt es den seelischen Schmerz, der aus der Dreierbeziehung erwächst, zu ertragen. Denn die Liebe von Andreas und Claire schmerzt John, Und Claire muss sich für den einen und gegen den andern entscheiden.

Der Australier Paul Cox erzählt in berührender, aufwühlender und gleichzeitig unterhaltsamer Weise von der Leichtigkeit und Lebendigkeit des Seins, wenn man erst das Wesentliche des Lebens begriffen hat. Das, was Augustinus meint, wenn er schreibt: «Liebe und tu, was du willst.»