Zehn Filme - zehn Altersentwürfe

Wenn «Anschauung», wie Pestalozzi meint, «das absolute Fundament aller Erkenntnis» ist, dann kann man auch mit Filmen Erkenntnisse gewinnen, z. B. zu Fragen wie: Was heisst Altern? Was gibt dem Alter Sinn? Sieben Filme aus dem aktuellen Angebot vermitteln Anschauung, verhelfen zu Erkenntnissen.

irina.jpg

Mit «Irina Palm» gegen Widerstände

Irina will ihrem Enkel eine teure medizinische Behandlung bezahlen, lässt sich dafür in einer Rotlicht-Bar in Londons Soho als «Hostess» engagieren und beginnt damit bewusst ein Doppelleben. Kompromisslos arbeitet sie auf ihr Ziel hin, foutiert sich weder über Klatsch, Verurteile und ihren Ruf, noch «political correctness» und die «Moral». Subjektiv handelt sie als freier Mensch im aufrechten Gang. Wem schadet sie? Niemand. Wem nützt sie? Einem Kind. Also: Sie tut Gutes. Sie lebt es, was gerade Alte sich vermehrt leisten könnten, wenn sie unabhängig und frei werden. Irina, überzeugend dargestellt von Marianne Raithfull, lebt es vor, wie das funktioniert, im unterhaltsamen und berührenden Film von Sam Garbarski.

«Tocar el cielo»: Als Lebenskünstler

Pedro, ein durchgeknallter alter Kauz und Literaturprofessor, legt sich im Film von Marcos Carnevale meist quer und geniesst die Freiheit und ebenso die Schönheit seiner «aufgestellten» Lebensgefährtin wie einer jungen Studentin. In seiner Welt nimmt man es im Allgemeinen nicht so genau mit Regeln und Geboten, heisst es eher Sowohl-als-auch, nicht Entweder-oder, womit er dem unseligen «Mono» der Monokultur, des Monotheismus und der Monogamie (Al Imfeld) entkommt. Diese Befreiung macht ihm das Leben zur Feier.

tocar.jpg

«La graine et le mulet»: Anpacken!

Den Job als Hafenarbeiter ist Slimane mit Sechzig los. Doch damit findet er sich nicht ab, er packt sofort ein neues Ziel an, realisiert einen alten Traum: ein Restaurant im Hafen von Sète. Er wird «Lebensunternehmer», auch wenn ihm Schicksalsschläge nicht erspart bleiben. Er macht sich auf den Weg, arbeitet wie wild, rennt, pedalt mit dem Fahrrad, und als ihm dieses gestohlen wird, läuft er weiter, bis er zusammensinkt. Doch für ihn gab es, so die Tragikomödie von Abdellatif Kechiche, ein Leben nach der Pensionierung und vor dem Tod.

graine.jpg

«Leergut» – Prickelnd wie Champagner

Ein 65jähriger Lehrer, der weder mit der Arbeit noch mit der Liebe aufhören will, liefert die Vorlage für eine komisch-romantische Geschichte des Tschechen Jan Sverák. Sie handelt davon, wie man sein Glück immer neu versuchen u nd einen dritten Frühling herzaubern kann, dass ihn dabei zwei junge Dinger in Strapsen bis in die Träume hinein verfolgen und zum Schwitzen bringen, gibt seinem Alter den prickelnden Reiz von Champagner. Ein Film, der unterhält, zu Überlegungen anregt und Mut macht.

leergut.jpg

Mit «Young@heart» zu Ende rocken

Eine Senioren-Rockband tourt durch Amerika und Europa. Die Alten proben, reisen und treten auf. Ihre Songs bringt das Publikum zum Toben und ihnen Erfüllung: mit den Melodien, den Rhythmen, aber vor allem die Gemeinschaft, die sie erleben. Wie selbstverständlich als Teil des Lebens stirbt immer wieder ein Freund oder eine Freundin der Gruppe. Dies verleiht ihrem Leben Grösse und tiefe Freude. Der Dokumentarfilm von Stephen Walter ermuntert, das Leben bis zum letzten Atemzug mit Freude zu geniessen.

young.JPG

«A Thousand Years of Good Prayers»

Der Witwer Shi aus China besucht seine Tochter Yilan in den USA, die in einer Beziehungskrise steckt, sich aber nicht «bemuttern» lassen will. Sie kommen sich erst näher, als er eine ältere Exil-Iranerin in einem Park trifft und sie sich verstehen. Jetzt kann er sich auch der Tochter gegenüber öffnen und zu seiner Lebenslüge stehen. Er stellt sich seiner Vergangenheit, und dies gibt ihm Hoffnung für die Zukunft. Jetzt beginnt er aus seinem Kern heraus zu leben: Ein subtiler Film des chinesischen Regisseurs Wayne Wang.

athousand.jpg

«Wolke 9» : Leidenschaft auch mit 80

Inge geht auf die 70 zu, aber fühlt sich wie 17. Karl wird bald 80. Sie haben sich verliebt, aus Leidenschaft, für Sex. Sie ist aber seit 30 Jahren mit Werner verheirheiratet und liebt ihren Mann, denn er war immer gut zu ihr. Doch Liebe kann, auch tragisch enden. Der Film von Andreas Dresen, ein Meisterwerk, trifft ins Herz, stellt letzte Fragen.im Alter, einschlagen wie ein Blitz. Sich in diesem Alter, wo nicht mehr viel Zeit bleibt, mit dieser Situation auseinandersetzen, braucht Zeit, kann Kummer machen und

wolke9

«Elegy»: Der alte Mann und die Liebe

Die «amour fou» eines alternden Literaturprofessors, des heiteren und zynischen Erotomanen David Kepesh, und seiner dreissig Jahre jüngeren Studentin Consuela, die mit ihrer sinnlichen Schönheit noch auf der Suche ist. Der Film von Isabel Coixet zeigt eine weibliche Sicht des höchst männlichen Romans «Das sterbende Tier» von Philip Roth und veredelt sie gleichzeitig zu einem vielschichtigen Gleichnis, indem er Davids Lebenslüge entlarvt, immer wieder auf das Ende der Liebe und des Lebens verweist und so die Abgründe der Sexualität auslotet.

elegy

 

«O'Horten»: Es ist nie zu spät

Ein Zug rollt durchs winterliche Norwegen. In der Führerkabine sitzt Odd Horten bei seiner vorletzten Fahrt. Tags darauf geschieht, was ihm in vierzig Dienstjahren nie passiert ist. Er verschläft sich und verpasst seine letzte Fahrt. Bent Hamer schuf mit «Das neue Leben des Herrn Horten» ein poetisches, melancholisches, humorvolles Porträt eines Pensionärs, der sein Leben, auch wenn es manchmal verrückt spielt, ohne den vertrauten Fahrplan plötzlich in die eigenen Hände nimmt und sich sogar, wie einst seine Mutter, als Skispringer versucht.

o'horten.jpg

«Pranzo di Ferragosta»: Vier Omas feiern sich

Gianni, ein Mann mittleren Alters, lebt als einziger Sohn immer noch mit seiner verwitweten Mutter in einem alten Haus im Zentrum von Rom und steht immer noch unter der Fuchtel der verarmten Aristokratin. Seine Tage verbringt er zwischen dem Haushalt und der Osteria. Ein Tag vor Maria Himmelfahrt macht ihm sein Hausverwalter Lluigi einen Vorschlag: Er erlasse ihm sämtliche Schulden, wenn dieser sich während der Feiertage um seine alte Mutter kümmere, damit er in die Ferien fahren kann. Am Schluss sind es vier lebenslustige Omas, die miteinander ihren Altweibersommer feiern. Aus Spontaneität und Übermut lebender Altersfilm mit Charme und Zärtlichkeit.

pranzo.jpg