Sich in Filmen mit der Welt auseinander setzen

Ein Privileg der Alten ist, Zeit zu haben, um sich mit seiner Person und mit der Welt auseinander zu setzen. Die Filmbesprechungen dieser Zeitschrift dienen dieser Auseinandersetzung: diesmal weniger mit sich, als vielmehr mit der Welt. Die folgenden Filme suchen auf dem Hintergrund von zwölf Ländern Antworten auf Grundfragen des Lebens in dieser Welt.

comment.jpg

«Comment j'ai fêté la fin du monde»

Rumänien. Weltgeschichte verdichtet sich in diesem Film auf die Familiengeschichte der jungen Eva, ihres Freundes und kleinen Bruders. Sie spielt 1989 in der Zeit des Zusammenbruchs des Ceausescu-Regimes und des Beginns einer neuen Ära. Catalin Mitulescu gelingt in seinem Erstlingsfilm ein grossartiger Hymnus auf Lebenswillen und Lebenslust in einer Welt der Armut, der Unterdrückung und der Unfreiheit.

«Grbavica»

Bosnien-Herzegovina. Die allein erziehende Mutter Esma lebt zwar arm, doch friedlich mit ihrer Tochter Sara. Immer wieder melden sich jedoch Zweifel und taucht ein peinvolles Geheimnis aus der Vergangenheit auf und bestimmt ihre Gegenwart. In der Geschichte dieser Frauen manifestiert sich die ganze Ungeheuerlichkeit und Sinnlosigkeit des Krieges, behutsam und erschütternd geschildert von Jasmila Zbanic.

grbavice.jpg

«Ticket to Jerusalem»

Palästina. Jaber und Sana leben in einem Flüchtlingslager bei Ramallah. Er betreibt im besetzten Gebiet ein Wanderkino, sie dient als freiwillige Sanitäterin beim Roten Halbmond. Der Regisseur Rashid Masharawi leuchtet den Hintergrund dessen aus, was uns das Fernsehen täglich zeigt. Das hier ist jedoch das eigentliche Leid der täglichen Erniedrigung, aber auch die Kreativität der Palästinenser zum Überleben.

tickettojerusalem.jpg

«Dunia»

Ägypten. Der einfühlsame Film der Libanesin Jocelyne Saab verbindet das Vergnügen der Sinne und das Vergnügen der Worte miteinander: ein für viele unbekanntes Bild des Islam. Dunia möchte nach Abschluss des Literaturstudiums, fasziniert vom Sufismus und dessen Poesie, Tänzerin werden. Dabei findet sie zu sich und zu ihrem Körper, wofür sie jedoch zuerst mit einer Verletzung aus ihrer Jugend fertig werden muss.

dunia.jpg

«L'enfant endormie»

Marokko. Im Norden Marokkos erlebt die hübsche Zeinab ihr Hochzeitsfest und muss, bereits schwanger, zusehen, wie der Mann am Tag danach abreist, um in Europa irgendwo Arbeit zu finden. Sie aber lässt, einem alten Mythos folgend, ihr ungeborenes Kind in ihrem Körper schlafen, hoffend, dass der Vater zurück kommt und die Geburt miterleben wird. Yasmine Kassari verdichtet die Geschichte zur tiefsinnigen Metapher.

lenfantendormie.jpg

«Congo River»

Kongo. Eine faszinierende Reise von der Mündung des Kongo bis zu seiner Quelle. Der Regisseur Thierry Michel lehrt uns die Mythologien dieses Flusses, aber auch den Alltag mit all seinen Facetten. Man begegnet den Figuren, die Afrikas Geschichte geschrieben haben und erlebt auf der beschwerlichen Schifffahrt das heutige Schicksal der «Verdammten dieser Erde» und ihre hoffnungslosen Versuche der Rebellion.

congoriver.jpg

«Bamako»

Mali. Die bildhübsche Melé arbeitet als Sängerin in einer Bar, ihr Mann ist arbeitslos. Im Hof ihres Hauses installiert sich ein Gericht mit Vertretern der afrikanischen Bevölkerung. Diese machen dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank den Prozess. Abderrahmane Sissakos zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm pendelndes Werk bringt die Globalisierung auf den Punkt, einen himmeltraurigen.

bamako.jpg

«Historias minimas»

Argentinien. Tausend Meilen südlich von Buenos Aires sind drei Menschen auf den einsamen Landstrassen Patagoniens unterwegs: Don Justo sucht seinen Hund, doch zutiefst seinen Frieden, der Handelsreisende Roberto chauffiert eine Geburtstagstorte durchs Land, Maria Flores sucht bei einer TV-Show ihr Glück. Carlos Sorin folgt den drei Personen und erspürt ihre Menschlichkeit, Schönheit und ihren Lebenssinn.

historias.jpg

«Madeinusa»

Peru. Madeinusa ist ein 14-jähriges India-Mädchen, das in den Anden lebt und zum Osterfest als Heilige Jungfrau die Prozession anführt. Aus Lima kommt Salvador ins Dorf und betrachtet das Treiben. Zuneigung keimt auf, doch Liebe ist unmöglich wegen der verlogenen, bigotten Moral der katholischen Kirche. Claudia Llosa begleitet die junge Frau auf ihrem schwierigen und tragischen Weg der Emanzipation.

madeinusa.jpg

«Urga»

Russland. Urga ist das Wort für eine lange Stange, deren Ende eine Schlinge hat, mit der die Viehzüchter in der mongolischen Steppe ihre Tiere fangen. Gleichzeitig ist es das Symbol für Liebe, Kraft und Einsamkeit. Doch im Schlussbild des Epos von Nikita Michalkow ist sie einem Kaminschlot gewichen. Denn auch hier schreitet die Zeit voran, das Land verändert sich, die Moderne hält Einzug: Panta rhei.

Urga

«Beijing Bicycle»

China. Guei verlässt sein Heimatdorf und kommt nach Peking. Dort arbeitet er als Kurier mit einem gemieteten Fahrrad, bis er sich eines kaufen kann. Doch kaum hat er eines im eigenen Besitz, wird es ihm gestohlen. Zufällig entdeckt er es bei einem Jungen, der es auf dem Flohmarkt gekauft hat. Doch beide brauchen es. Was bleibt? Sie teilen es sich. Eindrücklicher Film von Xiaoshuai Wang über Solidarität am Existenzminimum.

beijing.jpg

«Rashomon»

Japan. Der Filmklassiker von Akira Kurosawa basiert auf zwei Geschichten des Dichters Akutagawa Ryunosuke. Es geht darin um einen Todschlag, den Prozess gegen den Banditen und die Verarbeitung des Geschehenen durch einen Priester, einen Passanten und den Holzfäller, der den Tathergang mitverfolgt haben will. Wo aber ist die Wahrheit? Der Film stellt in genialer Verdichtung die alte, neue und ewige Frage.

rashomon.jpg