Sozialarbeit der Amateure

Zwei Schweizer Dokumentarfilme zeigen, wie Sozialarbeit nicht nur von Professionellen geleistet wird, sondern in grossem Stil von Laien, Amateuren, d. h. von «Liebhabern».

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Ohne deren Arbeit würde unser Sozialwesen zusammenbrechen. Im ersten Film ist es der Trainer, der seine Freizeit dem Frauenfussballteam Bethlehem widmet. Im zweiten sind es die Coiffeure und Coiffeusen, die bei ihrer alten weiblichen Kundschaft mehr investieren als nur das Nötige.

Integrieren beim Fussballspiel: «Pizza Bethlehem»

Agime, Alessandra, Daria, Elmaze, Marie, Natâsa, Rosa, Tiziana und Yolanda – das sind junge Frauen aus Bethlehem, einem Aussenquartier von Bern. Die neun 15- bis 16-Jährigen spiegeln die ethnische Zusammensetzung des Quartiers wider, in dem sie leben. In ihrer Freizeit spielen sie Fussball, lieben Pizza, plaudern und shoppen fürs Leben gern.

Einfühlsam und leichthändig hat der Filmemacher Bruno Moll diese Gruppe porträtiert. Sie erzählen vom Alltag in Schule, Liebe, Beruf und Familie. Er fragt sie nach ihrem Selbstverständnis, ihren Träumen, Ängsten und danach, was es heisst, fremd zu sein in einem Land, in dem man aufgewachsen ist, dessen Dialekt man spricht und wo man sich zu Hause fühlt. Moll ist es – nach «Samba Lento», «Hammer», «Gente di Mare» und weiteren 26 Filmen – ein weiteres Mal gelungen, zu seinen «Protagonistinnen» eine Atmosphäre der Vertrautheit aufzubauen, die beeindruckt und überzeugt.

Mit «Pizza Bethlehem» hat er einen politisch wichtigen Film geschaffen. Er kommt zwar unbeschwert und humorvoll daher, trifft jedoch den Kern einer Situation, die unsere Gesellschaft prägt: die Völkerwanderung, die Migration, von der Vilém Flusser einmal geschrieben hat, dass sie «eine kreative Situation», aber gleichzeitig «eine schmerzhafte» sei.

Die jungen Frauen überzeugen, weil sie sich selber spielen, in ihren eigenen vier Wänden, im Einkaufszentrum, mit Freundinnen, im Ausgang und auf dem Fussballfeld. Entstanden ist ein unterhaltsames, faszinierendes und vielschichtiges Gruppenbild junger Immigrantinnen der ersten und zweiten Generation. «Als eine der grossen Herausorderungen unserer Zeit betrachte ich die Immigration», meint der 62-jährige Autor und fährt fort: «Wir tun uns schwer mit dieser Tatsache, doch wir alle stecken mittendrin. Die Immigration, die uns allgemein ängstigt, stammt aus den armen und kriegsversehrten Ländern dieser Welt. Diese weitgehend unerwünschte Immigration wird trotz allen Barrikaden, die wir errichten, in den nächsten Jahren, wahrscheinlich Jahrzehnten, kaum abnehmen. Das friedfertige Zusammenleben ist zu einem Kernthema der politischen Agenda geworden. Wir sind gefordert, uns mit den Immigranten zu arrangieren. Sie sind ein Teil jener Gesellschaft, die wir als die „unsere“ bezeichnen. Es kann dabei nicht um Integration gehen. Es kann sich nur um Zusammengehen handeln, aus dem etwas Neues, Anderes entsteht.»

www.trigon-film.org

Zu  sich finden beim Coiffeur: «70 Jahr’ – graues Haar»

Alte Frauen betreten ihren Coiffeursalon und sprechen über ihr Verhältnis zu Schönheit und Alter. Während die Haare gewaschen, geschnitten oder gefärbt werden, beginnen sie aufzublühen. Dabei gerät der Mythos  des Anti-Aging, welche die biologische Alterung hinauszögern will, arg ins Wanken. Ermöglicht wird dieser Wandel durch den freundlichen, liebevollen Umgang mit den Coiffeusen und Coiffeuren und die jahrelangen Beziehungen, die bei ihnen eine Basis des Vertrauens gelegt haben.

Anne-Marie Haller hat, nach einer Idee von Monika Streit Steiger, einen 27-minutigen Dokumentarfilm geschaffen über ein ehrliches, ungeschminktes Älterwerden, über ein tief erlebtes Ja zum Alter. Nach «Telling Strings», in welchem die Filmemacherin auf sensible Weise Menschen in Palästina porträtiert hat, die sich mit Musik ihre kulturelle Identität zu bewahren versuchen, bleibt sie in «70 Jahr’ – blondes Haar» in unserer vertrauten Umwelt, nahe bei vierzehn alten Frauen, die den Coiffeur oder die Coiffeuse aufsuchen. Sie hat sie beobachtet, wenn sie vor dem Spiegel über ihre noch blühende oder schon etwas welkende Schönheit sinnieren und sprechen.

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Ihre Vorstellung von Schönheit ist vielfältig, ihr Umgang mit ihren körperlichen Mängeln ebenfalls. Doch letztlich geht es immer darum, sich in seine Haut wohl zu fühlen. Hilfreich erweisen sich bei dieser Auseinandersetzung ihre Coiffeure und ihre Coiffeuse, die auf sie eingehen, sie ernst nehmen, achten und wertschätzen. Bis die Frauen durch die Nähe und die Berührungen als Person bestätigt werden und zu sich selbst finden.

Auf Seiten der Coiffeusen und Coiffeuren sind auch die Fragen des Helfens, Unterstützens und Dienens offensichtlich – Tätigkeiten, die von Professionellen der Sozialen Arbeit gelegentlich belächelt werden. Sowohl die Kundinnen wie die Dienstleister setzen sich mit den Fragen des Alterns, den Falten und Runzeln, den grauen und schütteren Haaren auseinander, was sie zu einer Gemeinschaft zusammen bringt.

Informationen und Bestellung der DVD: www.nachrichtenzentrale.ch