Spielend wahr nehmen

«Wie im Drama, so kommt es auch im Leben nicht darauf an, wie lange, sondern wie gut gespielt wird», meinte Seneca. Vier aktuelle Schweizer Dokumentarfilme, zwei über bildende Kunst, zwei über Musik, zeigen, wie weit man in der Kunst und im Leben kommen kann, wenn «gut gespielt» wird.

«Tunisreise» – Mit Paul Klee Wahrheit suchen

1914 hat Klee eine Reise nach Tunesien unternommen, die ihn nachhaltig beeinflusste. Der tunesische Cinéast und Maler Nacer Khemir folgt im Film von Bruno Moll seinen Spuren und lädt zu einer Entdeckungsreise in den Maghreb und die arabische Kultur ein. Wir besuchen Karthago, Sidi Bou Said, Hammamet und Kairouan, wohin auch Klee gekommen war. Er lässt uns die Formen, Farben und das Licht erleben, wie er sie in seinen Tagebüchern beschrieben hat. Khemir denkt über die Beziehung zwischen Okzident und Orient nach, lädt ein zur Auseinandersetzung zwischen europäischem und maghrebischem Blick und ermuntert zu einem offenen Wahrnehmen und Denken.

In diesem Sinn versteht sich der Satz von Dschaelal ed-din Rumi, dem Sufimeister aus dem 13. Jahrhundert,gegen Ende des Films: «Die Wahrheit ist ein Spiegel, der vom Himmel gefallen ist, er ist in tausend Stücke zersplittert, jeder besitzt einen kleinen Splitter und glaubt, die ganze Wahrheit zu besitzen.»

«Markus Rätz» – Spielend Neues entdecken

Der Maler und Plastiker Markus Rätz besitzt etwas wie einen siebten Sinn für Wahrnehmungen.Seine Werke verblüffen wie die Kunststücke eines Zauberers.Spielerisch hinterfragt er unsere Sehgewohnheiten, indem er die Dinge von einer andern als der bekannten Seite zeigt. Bei seinen Überrschungsattacken auf die Seh- und Denkorgane bedient sich der klarsichtige und gleichzeitig verspielte Künstler unterschiedlichste Techniken, Materien und Medien.

Vieles in seinem Werk hat mit Bewegung zu tun. Installationen und Skulpturen verändern ihr Erscheinungsbild, indem sie sich selbst bewegen oder vom Betrachter ein Umschreiten verlangen. Auf diese Weise verwandelt sich etwa ein Hase in einen Mann mit Hut, oder aus einem OUI wird ein NON. Spielerisch macht er die Relativität sichtbar und erleben, die der Sufimeister im Tunesienfilm in einem Satz ausdrückt. Indem wir miterleben, wie sein ureigener Blick auf die Welt funktioniert und uns dazu aufwiegelt, lernen wir aber auch den Menschen kennen, der hinter diesen verblüffenden Kunstwerken steckt.

«O mein Papa» – Vom Schlager in die Tiefe geführt

Der Dokumentarfilm «O mein Papa» von Felice Zenoni über Paul Burkhard, den erfolgreichsten Schweizer Komponisten des letzten Jahrhunderts, zeigt auf, wie Unterhaltungsmusik, wie der musikalische Mainstream mehr seinkann als oberflächlich. Burkhard verbindet man mit«D»Zäller Wiehnacht», «Die kleine Niederdorfoper», «Il faut aimer ce qu»on a»,«O mein Papa» und vielen andern bekannten Melodien aus allen musikalischen Genren.

Doch im Film lernen wir den Musiker als faszinierende, schillernde, vielschichtige, hoch begabte, enorm fleissige Person kennen, deren Leben die Musik war. Archivmaterial und Ausschnitte seiner schönsten Kompositionen, gesungen von Michael von der Heide, Vera Kaa, Lys Assia, Dodo Hug, Toni Vescoli, Nubya undandern lassen die Noten lebendig werden. Und Max Rüeger, Hugo Lötscher, Werner Düggelin, Maria Becker und Ettore Cella erinnern in Interviews an ihren aussergewöhnlichen Kollegen. In den schönsten Szenen taucht der Film in die Abgründe dieser Künstlerpersönlichkeit ein, lässt uns seine Tragik und schliesslich seine Sinn-Suche in Klängen, Rhythmen, Tempi und Worten erleben.

«Heimatklänge» – Bewusstsein erweitern über die Stimme

Stefan Schwietert, dessen frühere Filme bereits Massstäbe für den Musikfilm gesetzt haben, überbietet sich mit seinem neuen, mehrfach ausgezeichneten Film-Essay. Nur äusserst selten gibt es Filme, die zum Weinen schön sind; «Heimatklänge» ist ein solcher. Es geht darin um die Dimensionen der menschlichen Stimme,welche uns die drei der im Film eingehend Porträtierten vorstellen.

Richard Zehnder, der Clown und Tüftler, erstaunt mit seinen atemberaubenden Kehlkopfklängen. «Was für mich als Musiker eminent wichtig ist, ist die Frage: Woher komme ich? und Aus was schöpfe ich?» Die Vokalistin Erika Stucky, eine der orginellsten Stimmen des internationalen Jazz, mit amerikanischen und schweizerischen Wurzeln,hasst den Mainstream wie der Teufel das Weihwasser. «Der Mensch hat irgendwann mal Lust gehabt beim Reden, den Genuss noch zu verlängern. Wenn du anfängst, dein Herz auszubreiten, dann wird der Ton länger.» Aus der Familie der Alder Buebe stammt Noldi, der Intellektuelle. Er sprengt Grenzen, verschmilzt traditionell Bewährtes mit «Neumödig»-Anderem zu etwas Ureigenem, Neuen. «Das Allerschönste an der ganzen Sache ist, wenn man singen kann, ohne dass man sich an etwas anlehnen muss.Wir können so frei sein. Wenn wir wüssten, wie frei wir sein könnten, würden wir zerplatzen.»

Der Film lotet die menschlichen Stimme aus, sensibilisiert die Wahrnehmung und erweitert – was nur grosse Kunst vermag – das Bewusstsein. Hier vereinen sich Bild (Kamera Pio Corradi) und Ton zu einem Gesamtkunstwerk, wird «religio» erlebbar als Vermählung des konkret Materiellen mit dem abstrakt Transzendenten.