Spielfilme über Palästina – als Hintergrund

Fast täglich bringt das Fernsehen Bilder aus der Krisenregion Israel/Palästina: ein, zwei Minuten oder bloss fünfzehn Sekunden lang Höhepunkte resp. Tiefpunkte, Extreme. Ergänzend dazu liefern israelische und palästinensische Spielfilmen Hintergründe: hier vier Titel aus dem Kino- und DVD-Programm: hier Alltage, wie sie auch bei uns in der Sozialen Arbeit anzutreffen sind.

waltz.jpg

«Waltz with Bashir» – Posttraumatische Leiden

Ein Freund erzählte dem israelischen Regisseur Ari Folman von einem Albtraum, in dem er jede Nacht von dämonischen Hunden gejagt wird. Er spürt, dass dies mit ihrem Einsatz im Libanonkrieg zusammenhängen muss. Je intensiver er sich damit auseinandersetzt, desto umfassen wird daraus das Bild des Krieges. Traumatisierte Kämpfer von damals, «die auf Unbekannte schiessen und von Unbekannten beschossen werden», berichten über ihre Invasion in Westbeirut im September 1982. Der Film ist die Geschichte des ehemaligen Soldaten Ali, für den die Arbeit an diesem «Animations-Dokumentarfilms» zur Therapie wird. Gleichzeitig ist er eine Innenansicht des Libanon- und jedes anderen Krieges. Denn ähnliche Traumatisierungen gab es auch nach dem Vietnam- und dem Irak-Krieg.

«Salt of this Sea» – Auf der Suche nach ihren Wurzeln

Die 28-jährige Soraya reist aus Brooklyn, wo sie aufgewachsen ist, zum ersten Mal in die Heimat ihrer Vorfahren, nach Palästina. Damit beginnt die Reise zu ihren Wurzeln. Der Film zeigt Alltag und «Normalität», wie sie seit Jahrzehnten im besetzten Land herrscht. Die Protagonistin nimmt uns mit auf die Suche nach der verlorenen Heimat, in das Haus, wo ihre Vorfahren gewohnt haben, sie heute aber von einer israelischen Familie empfangen wird. Die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir begegnet Palästinensern, die vor sechzig Jahren ihr Haus und Land verloren haben, und Israelis, die jetzt hier leben. Wir wähnen uns in einem Dokumentarfilm, und doch ist (fast) alles inszeniert, wirkt nie polemisch, verschweigt aber nicht, was die Tatsachen sind.

salt3.jpg

 

«Lemon Tree» – Zermalmt in der Justizmühle

Ein Zitronenhain in der Westbank an der Grenze Israels: Hier lebt die palästinensische Witwe Salma, verwurzelt wie die Bäume, die ihr Vater vor fünfzig Jahren gepflanzt hat. Mit dem Einzug eines israelischen Ministers in eine neue Villa direkt daneben werden die Bäume zum Sicherheitsrisiko. Sie müssen weg, böten sonst Deckung für mögliche Terroristen. Sie setzt sich mit einem Anwalt zur Wehr. Ihr Kampf weckt die Aufmerksamkeit der Medien und das Interesse Miras, der Gattin des Ministers. Die Frauen werden sich sympathisch. Der israelische Filmemacher Eran Riklis: Ich werde «vermutlich schon zufrieden sein, wenn ich mit meinem Film einen bescheidenen Beitrag zur Meinungsbildung leiste, vielleicht mit ein paar Klischees breche und ein paar Denkanstösse gebe.»

lemontree.jpg

«Caramel» – Die verborgenen Frauenwelten

Um ein Land zu verstehen, hilft auch die Kenntnis eines Nachbarlands, um Männer zu verstehen, die Kenntnis der Frauen. Analog kann der Film, der von Frauen im Libanon handelt, die Augen auch öffnen für Männer in Palästina. In einem Beiruter Schönheitssalon treffen sich Damen verschiedenen Alters und mit verschiedensten Problemen. Die christliche Chefin hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Muslim. Eine muslimische Verlobte hat Angst zu heiraten, weil sie nicht mehr Jungfrau ist. Eine junge Frau stellt fest, dass sie sich zu einer andern Frau hingezogen fühlt. Der Erstlingsfilm der Libanesin Nadine Labaki ist bei genauem Hinsehen hochpolitisch, indem er Verhaltensweisen offenlegt, die es im Libanon und den andern arabischen Ländern offiziell «nicht gibt».

caramel.jpg

 

> Die Filme laufen im Kino und sind auf DVD erhältlich.

> Weitere Titel: www.der-andere-film.ch/themen/palaestina.