Verstrickungen und Nächstenliebe

Es gibt Filme, die konkrete Fragen, und solche, die die Totalität des Lebens behandeln und deuten.

Im aktuellen Kinoprogramm laufen zwei Beispiele der letzten Kategorie. «Lantana» des Australiers Lay Lawrence erforscht den unendlichen Raum der zwischenmenschlichen Beziehungen. «The Man without a Past» des Finnen Aki Kaurismäki fragt, was die Welt «im Innersten zusammen hält». – Auch in der sozialpädagogischen Praxis stehen konkrete Fragen im Vordergrund; doch gelegentlich stösst man auch hier zum umfassenden Ganzen vor.

«Lantana» – in den Abgründen menschlicher Beziehungen…

Polizeiinspektor Leon Zat wird in die Aufklärung des mysteriösen Verschwindens einer Frau hineingezogen. Ihn quält das schlechte Gewissen, seit er seine Frau betrügt. Je weiter er im Fall vorankommt, desto tiefere Risse entdeckt er in den Fassaden der vermeintlich glücklichen Paare um sich. Jede und jeder hat etwas zu verheimlichen, wird verdächtigt, schuldig.

«Lantana» ist nicht einfach nur eine rätselhafte Geschichte oder ein Thriller», meint der australische Regisseur Ray Lawrence, «wenn man älter wird, Erfahrungen im Leben und mit Beziehungen gesammelt hat, dann spüren wohl die meisten diesen schleichenden Prozess des Verschwindens. Ich glaube, dass die sexuelle Identität, oder der Verlust der Sexualität, im Kern dieser Feststellung stehen. Alle, die vierzig überschritten haben, kennen diesen Prozess in der einen oder andern Form.»

… in den Verstrickungen der Sexualität

Lantana heisst eine robuste, wild wachsende Staude, die als Metapher für die verschlungenen zwischenmenschlichen Beziehungen, für die Zerbrechlichkeit, die Schwierigkeiten des Liebens und Vertrauens und der Sexualität steht: Die unendlich mühselige Aufgabe, die zwei in Mann und Frau gespaltenen Teile des Menschen zusammenzubringen. Dass dies nie gelingt und doch immer versucht wird, ist vielleicht eines der Geheimnisse der «condition humaine». Wenn sich gegen Schluss des Films Leon im Weinen schüttelt, fährt mir Strindbergs «Es ist schade um den Menschen!» ein, wird jedoch gleich wieder verworfen: Denn ein grosses Mit-Leiden mit dem Menschen, mit uns ist es, was vom Film ausgeht. Mitleid, das auch Liebe heisst.

«The Man without a Past» – am Anfang neuer (alter) Werte…

Ein Namenloser wird auf dem Weg aus einem kleinen Dorf nach Helsinki auf der Suche nach Arbeit überfallen und spitalreif geschlagen. Wieder bei Bewusstsein, schleppt er sich nach einem verzweifelten Aufbäumen in eine Bahnhoftoilette. Bereits im Koma, bringt man ihn von dort ins Spital. Der Arzt diagnostiziert seinen klinischen Tod und gibt ihn auf. Doch plötzlich richtet er sich im Bett auf, kommt ins Leben zurück, wo er nicht nur seine Papiere, sondern auch sein Gedächtnis, seine Vergangenheit verloren hat. Als Erstes wird er von den Obdachlosen im Hafen aufgenommen. Dort lernt er Alkoholiker und andere arme Teufel, aber auch manch erfreuliche Seite des Lebens kennen. Von der Heilsarmee erhält er eine warme Suppe, dann Kleider und schliesslich lernt er die HA-Offizierin Irma kennen und es beginnt zwischen den beiden eine zarte Freundschaft. Als er Zeuge eines Banküberfalls wird, holt ihn seine Vergangenheit ein. Doch Irma rettet ihn aus dem nachfolgenden Verhör bei der Polizei.

… und von der Tiefe der Langsamkeit

Kaurismäke erzählt seine Geschichte so langsam, dass man sie fast wie in Zeitlupe erlebt. So erst erhält seine Fabel die nötige Eindringlichkeit. Jedes Bild, jeder Satz ist zu lesen wie die Zeilen eines Gedichtes. Jedes Detail ist Zeichen für mehr.

Was der Regisseur in diesem und in andern Filmen zeigt, sind Menschen in der letzte Einsamkeit. An Becketts Endspiele wird man erinnert, aber auch an die filmischen Meditationen von Robert Bresson. Benn kommt einem in den Sinn: «Es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.» Es sind die Ausgestossenen, denen er ein Denkmal setzt, die er in einer Intensität zeigt, wie wir sie sonst nur von Bunuel kennen. – Dies ist kein sozialkritischer, sondern ein existentialistischer Film, der uns alle meint: den Menschen als solchen, der durch Gewalt, Armut und Ungerechtigkeit beleidigt, geschändet wird.

Doch der Film wird niemals nihilistisch. Er zeigt den Menschen am Anfang eines neuen Lebens. Er strahlt eine naive, echte Liebe, Anteilnahme, ein tiefes Mit-Leid mit allem Kreatürlichen aus. Eine Haltung, die bei Irma im Christentum, beim (namenlosen) Mann in einem existentialistisch absurden Humanismus (ähnlich jenem in Camus» «Pest») fusst.

Bewusstseinserweiterung nach Innen und Aussen

«Lantana» zeigt Bilder für das unendlich Komplexe des Lebens, für die Schwierigkeit der Menschen mit den Menschen. Dafür zerstört er Illusionen und Lügen. Dahinter zeigt er den nackten, traurigen, leidenden, liebenden und suchenden Menschen. Diese Sehnsucht ist es denn auch, die diesem Film eine religiöse Dimension («religio» als Bindung zu etwas Umfassendem) gibt, Das Vertrauen, die Treue oder eben die Abwesenheit des Vertrauens und der Treue bilden das Fundament, auf dem sich diese Geschichte abspielt.

«The Man without a Past» beschreibt das geistige Umfeld des Mensch-Seins. Das, was Jahrtausende lang die Religionen geleistet haben. Mir kommt es vor, als ob Aki Kaurismäki mit diesem Film versucht, eine religionslose Religion zu zeigen: eine neue Verantwortung des Menschen für den Menschen, ohne Glauben, ohne Jenseits, ohne Gott. Vielleicht zeigt er uns erste vorsichtige, unsichere Bilder einer nachchristlichen Nächstenliebe?