Vier Filme über Aussenseiter

Ein Teil der sozial Arbeitenden geht ins Kino, um sich zu amüsieren, ein anderer, um sich im Kunsterlebnis das Bewusstsein zu erweitern. Viele Filme eignen sich auch für die Berufsarbeit, so die folgenden vier.

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«Precious» – zutiefst erniedrigt

Der US-Film «Precious» von Lee Daniels erzählt die erschütternde Geschichte der 16-jährigen, dicklichen afroamerikanischen Precious. Zutiefst gedemütigt und brodelnd vor Wut bietet sie dem Leben die Stirn. Mutig, kompromisslos und extrem zeigt der Film die dunkelsten Seiten eines Lebens, untermalt mit funky Sound aus dem Harlem der 80er Jahre.

Die grossartige Gabourey Sidibe spielt in der Hauptrolle, ohne je Schauspielern gelernt zu haben, diese Biografie am Abgrund. Auch wenn wir im Alltag selten solchen Extremen begegnen, machen gerade sie bewusst, was es auch noch gibt. Der Film «gibt dem Betrachter einen neuen Blick und das Gefühl, dass man nie wieder die Welt – oder die Menschen in ihr – so sehen wird wie zuvor», schreibt die Washington Post. Und im Tagesanzeiger-Magazin 2010/7 erzählt Verena Schneider unter «Die Gehilfin» eine ähnlich schockierende Story aus der Schweiz.

«Troubled Water» – für die zweite Chance

Im Film, dessen Titel sich auf Simon-&-Garfunkels «Bridge Over Troubled Water» bezieht, erzählt der norwegische Regisseurs Erik Poppe vom Jugendlichen Thomas, der wegen eines nicht restlos geklärten Kinder-Mordes ins Gefängnis gekommen ist und nach der Entlassung versucht, wieder Fuss zu fassen.

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In der Zwischenzeit hat er Orgeln spielen gelernt und ist nun bei der Kirche angestellt, wo zwischen der Pfarrerin Anna und ihm eine Beziehung sich entwickelt. Dass er ein Kind auf dem Gewissen hat, vermutet niemand, dass ihn sein Gewissen plagt, jedoch merkt man an seinen Reaktionen auf Alltagsereignisse. Die Angst, von der Vergangenheit eingeholt zu werden, quält ihn ständig. Dann passiert es: Annas Kind wird entführt, und er verdächtigt, der Täter zu sein. Ein packendes Plädoyer für eine zweite Chance im Leben.

«J’ai tué ma mère» – im Gefühlschaos

Der rebellische Hubert ist gerade 17 geworden. An seiner Mutter stört ihn so ziemlich alles. Das geht soweit, dass er gegenüber seiner Lehrerin behauptet, sie sei tot. Er flieht zu Freunden und erlebt seine erste grosse Liebe, Antonin. Eigentlich irritiert es ihn, dass er für seine Mutter Zorn empfindet, wo es doch die ganze Kindheit über grenzenlose Zärtlichkeit zu ihr empfand. Langsam versucht er, sich ihr wieder zu nähern. Doch dies scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

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Dem 21-jährigen kanadische Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Xavier Dolan ist mit diesem Film grossartiges Debüt gelungen. Er schildert höchst eindrücklich das psychische Chaos, in welches ein Mensch, so etwa in der Mutter-Sohn-Beziehung, stürzen kann. In gekonnt freien Filmsprache bringt er uns einen solchen Menschen und seine Probleme nah. Analyse und Schlussfolgerung sind uns überlassen.

«A Single Man» – einsam als Schwuler

Tom Ford gelingt mit seinem Filmdebüt ein berührendes Melodram, basierend auf dem gleichnamigen Roman. Es zeichnet sich nicht nur durch Stil aus, sondern auch Gespür für bedeutungsvolle kleine Momente. Der homosexuelle College-Professor kämpft mit dem Verlust seines langjährigen Lebenspartners. Er sitzt im Sumpf der Trauer und überlegt, sich das Leben zu nehmen. Detailreich schildert der Film einen Tag seines Lebens, angereichert durch Rückblenden und Traumsequenzen.

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Der kluge, verhaltene Film schildert nicht bloss die Situation der Homosexualität in den 1960er Jahren in Amerika, sondern die universelle Geschichte eines zutiefst trauernden und einsamen Menschen, mit Blick auf die vermeintlich letzten Tage und das scheinbar Belanglose, das auf einmal neue Bedeutung erhält.