Vier Kinofilme und DVDs für die Soziale Arbeit

Die aktuelle Flutkatastrophe im Indischen Ozean und das Leid, das sie verursacht hat, stellt Fragen auch zum Konsum von Kunst, beispielsweise von Filmen zur Sozialen Arbeit, die nicht leicht abschliessend zu beantworten sind.

Hier seien drei Antworten versucht: Als erstes können gute Filme, wie reale Tragödien, uns immer wieder die Brüchigkeit der menschlichen Existenz vor Augen führen. Sodann kann beim Konsum grosser Filme der Umgang mit Realerfahrungen probehandelnd geübt werden. Und drittens können in den Höhepunkten ästhetischer Erlebnisse neue Möglichkeiten des Reagierens auf Ereignisse im Leben entdeckt und entwickelt werden.

«Die fetten Jahre sind vorbei»

Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist allen klar. Wie man gegen diesen Zustand angehen, ihn ändern soll, ist weniger bekannt, muss in jeder Generation neu erfunden werden. «Rebellisch sein ist schwierig. Was früher subversiv war, kannst du heute im Supermarkt kaufen», meint Jan, einer der Protagonisten des Films «Die fetten Jahre sind vorbei» des Deutschen Hans Weingartner.

Jan und Peter, zwei langjährige Freunde, leben nach der Devise «Lieber wenig Geld und glücklich als erstarrt in Besitz und Pflichten». Gemeinsam lehren sie die Reichen ihrer Stadt das Fürchten. Sie brechen nachts in Villen ein und hinterlassen dort ein kreatives Chaos mit Nachrichten wie «Sie haben zuviel Geld – Die Erziehungsberechtigten». Als Peters Freundin Julie aus ihrer Wohnung fliegt und in seine WG zieht, verlieben sich Jan und Jule ineinander. Das Trio macht einen nächtlichen Einbruch, bei dem es vom Besitzer überrascht wird, einem Manager, der früher gegen die Macht rebelliert hat, die er heute selbst repräsentiert. Auf der Flucht vor der Polizei müssen sich die drei immer wieder neu entscheiden, wie es weiter gehen soll: in ihren Beziehungen und mit ihrer Rebellion.

Eine eindrückliche, vieldeutig schillernde Parabel über Auflehnung und Anpassung sowie alle Zwischenphasen bietet der Film. Die drei Jungen denken und handeln heute, wie es der Alte früher getan hat, weshalb sie sich im Grunde recht gut verstehen. Unterhaltsam und tiefsinnig zugleich dekliniert der Film die angeschlagenen Themen durch. Kaum gehen wir mit einer Person und ihren Argumenten mit, werden wir von einer andern und ihren Aussagen überzeugt und sind verunsichert. Der Film könnte vortrefflich als Einstieg dienen für Gespräche zwischen Zwanzig- bis Sechzig-Jährigen und dabei Verständnis schaffen für den Lauf der Dinge und die Wandlungen der Menschen, ganz im Sinne des Diktums von Jacob Burckhardt: «Das Wasen der Geschichte ist die Wandlung.»

«In Your Hands»

Der Film «In Your Hands» von Annette K. Olesen zeigt, was passiert, wenn die Hoffnung dem Misstrauen unterliegt, wenn der Glaube von Vernunft beherrscht wird, der Schmerz die Liebe übersteigt und die Frage gestellt wird, ob man das Wagnis eingehen kann, das eigene Leben in die Hände eines andern Menschen zu legen.

Die junge Pfarrerin Anna wird kurz nach ihrem Studienabschluss als Vertretung in ein Frauengefängnis berufen. Dort macht sie mit einer Realität Erfahrungen, von der sie bisher wenig wusste: Florierender Drogenhandel unter den Gefangenen, knallharte Hierarchiestrukturen hinter den Mauern, Aufseher, die täglich die Gefühle der Insassinnen und ihre eigenen unter Kontrolle halten müssen. Allmählich kann Anna die Sympathie der Frauen gewinnen und erhält sie ansatzweise den Durchblick. Als sie überraschend schwanger wird, scheint zumindest ihr privates Glück perfekt; denn sie selbst und ihr Mann hatten die Hoffnung auf ein eigenes Kind schon fast aufgegeben, bis ein diagnostizierter Chromosomendefekt sie in einen Gewissenskonflikt bringt.

Der in Dogma-Manier gedreht dänische Film lässt uns Anteil nehmen an furiosen zwischenmenschlichen Konflikten: an Herausforderungen, welche die Beteiligten an die Grenzen der Überforderung bringt. Die (mediale) Erfahrung dieser Grenzsituationen kann unser Mitleid, unsere Sympathie wecken: oft die einzige Antwort, die wir angesichts grossen (realen) Leids überhaupt zu geben vermögen.

«25 degrés en hiver»

Es ist Januar und es verspricht ein richtig heisser Tag zu werden in Belgiens Hauptstadt. Ein Auto rast über die Autobahn. Darin sind vier Menschen, ein Mann und drei Frauen: Miguel, seine viel zu neugierige Tochter, seine umsorgende Mutter und eine junge Ukrainerin, die es geschafft hat, sich ins Land zu schmuggeln, um ihren verschwundenen Mann zu suchen. Alle vier fahren ihrem Schicksal entgegen. Eine explosive Mischung an einem sehr heissen Tag im Winter!

Was in «25 degrés en hiver» von Stéphane Vuillet am Anfang wie ein Aktionsfilm einfährt, verwandelt sich zu einem Psychothriller, schaut zwischenzeitlich aus wie eine Sammlung impressionistischer Zeichnungen und steigert sich am Schluss zu einem grossen existentiellen Sinnbild. Darin geht es um Menschen auf der Flucht und auf der Suche, um «Sans papiers» auch, umfassender um den Menschen, der anders, der fremd, der verlassen, der einsam, der ausgestossen, nicht gewollt und nicht akzeptiert wird: um eine Form des In-der-Welt-Seins, die für allzu viele Wirklichkeit ist. Der Film endet mit traurig-schönen Bildern menschlicher Grenzsituationen: beschädigter, zerstückelter, verzweifelter Existenzen.

«Le Cerf-Volant»

Wenn Andersartigkeit, Fremde und Ausschliessung nicht nur Einzelmenschen, sondern ganze Völker betreffen, dann herrscht Krieg, wenn Grenzen den anderen zum Fremden und schliesslich zum Feind machen. Dies zeigt in einer gültigen Parabel der Film «Le Cerf-Volant» der libanesischen Regisseurin Randa Chahal Sabbag.

Das Mädchen Lamia lebt in einem südlibanesischen Dorf an der Grenze zu Israel. Am Tag ihrer Hochzeit mit dem Cousin Sami, der in der anderen Hälfte des einst ungeteilten Ortes lebt, überquert sie den Stacheldraht. Ihr Dorfteil ist im Libanon, sein Dorf wurde von Israel annektiert. Die Bewohner der beiden Dorfteile können nur per Megaphon und unter strenger militärischer Kontrolle miteinander sprechen. Sehen können sie sich nur mit dem Feldstecher, begegnen überhaupt nie. Eine etwaige Ähnlichkeit mit der heutigen Mauer, die Israel in Palästina baut, dürfte nicht zufällig sein. Einzig die sich Versprochenen dürfen die Grenze überschreiten, zurück kommen sie erst wieder im Sarg. Lamia lässt alles zurück: ihre Familie, die Schule, ihre Freundinnen: ihre ganze Vergangenheit. Auf der anderen Seite der Grenze, bei Sami, fühlt Lamia sich nicht wohl. Sie verweigert sich ihrem Mann. Doch da ist auch noch der junge Grenzpolizist, an dem sie auf dem Weg durchs verminte Niemandland vorbei gekommen ist ...

In welche Absurdität diese Ideologie der Andersartigkeit, der Fremdheit führt, zeigt der Film in eindrücklicher Weise. Und doch ist sie der Alltag in vielen Ländern. Umso mehr erstaunt, dass Randa Chahal Sabbags Werk dennoch zu tiefst ein Film der Liebe, der Sehnsucht inmitten des Unheils bleibt.

DVDs

Immer früher kommen Kinofilme als DVDs heraus und werden so für die Bildungsarbeit einsetzbar. Nachfolgend einige wenige Beispiele: «Casa de los Babys» von John Sayles, «Kukushka» von Aleksandr Rogoshkin, «Mais im Bundeshuus» von Jean-Stéphane Bron, «Reisen ins Landesinnere» von Matthias von Gunten, «Together» und «Fucking Amal» von Lukas Moodysson, «Im toten Winkel» von André Heller und Othmar Schmiderer, «War Photographer» von Christian Frei, «Früher oder später» von Jürg Neuenschwander, «Jour de nuit» von Dieter Fahrer und Bernhard Nick, «Die bösen Buben» von Bruno Moll, «SeelenSchatten» und «Depressionen» von Dieter Gränicher sowie «Alters-WG» von Christoph Schertenleib.