Von Bergen und Berglern

Das triviale Versprechen, «Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist», hat schon etwas für sich. Denn der Ort, wo jemand wohnt, ist oft Ausdruck der Person und prägt diese zugleich.

So erfahren wir etwa, wenn wir die beiden Klassiker des Schweizer Films, «Höhenfeuer» und «Wir Menschen in den Bergen» von Fredi Murer, ansehen, viel Aufschlussreiches über die Menschen, die in den Bergen wohnen. – Ob dies nicht auch eine Hilfe sein kann für eine Soziale Arbeit in Bergregionen?

«Wir Bergler in den Bergen»

1974 ist der Filmemacher Fredi M. Murer mit diesem, seinem zehnten Film, an dem er fast vier Jahre arbeitete, zu seinen persönlichen Wurzeln ins Urnerland zurückgekehrt. Er begegnete in den heutigen Bewohnern den ehemaligen – und sich selbst. Nach einer langen Fahrt durch die Tunnel der Axenstrasse gelangen wir ins Göscheneralp-, ins Schächen- und ins Maderanertal. Im 108-minutigen Dokumentarfilm machen wir auf beeindruckende Weise Bekanntschaft mit den Bewohnern der Region.

Murer hört ihnen mit Achtung, Sympathie, ja Liebe zu. Sie sprechen von sich. Nicht er über sie. Damit deutet er auch uns an, wie man bei Menschen «ankommen» kann. Mit langen Einstellungen und langsamen Bewegungen macht es der Filmemacher. Mit Warten, Zuhören und Hinsehen kann es der Sozialarbeiterin, dem Sozialarbeiter gelingen. Murer bietet uns ein poetisches Kondensat des Lebens in den Bergen aus zwölf Kilometern belichtetem Filmmaterial und dreissig Stunden Tonbandaufnahmen.

... sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind

Wir erleben die Menschen als Einzelne, aber auch in Beziehungen zu andern: den Kindern, Eltern, Verwandten, in Auseinandersetzung mit persönlichen Themen wie Geburt, Erziehung, Glück, Tod, Jenseits, mit gesellschaftlichen Fragen wie Kirche, Moral, Gerechtigkeit, Politik, Tradition, Generationen, Migration, Technik, Konsum.

Gegen Schluss stellt der Film auch Fragen zu den Möglichkeiten eigenständigen und -verantwortlichen Handelns und versucht erste Antworten dazu, verweist aber auch darauf, dass die Menschen dafür oft Hilfe benötigen. Offen und dennoch versteckt finden sich Ansatzpunkte für Initiativen, bei denen beispielsweise auch die Soziale Arbeit gefragt ist.

«Höhenfeuer»

Nach den ersten zweieinhalb Minuten des 1985 gedrehten Spielfilms «Höhenfeuer» wissen wir bereits, wie der ganze Film zu lesen ist. Er beginnt mit einem Schwenk aus der Nähe über eine Wiese, hin zum «Bub», der Mäusefallen präpariert. Es folgt ein Überblick über den Garten, den Belli von Steinen reinigt, dann winkt und zeigt, wohin sie miteinander gehen wollen. Der «Bub» und Belli spielen miteinander in der Ferne auf einem Feld. Es folgen Grossaufnahmen von vier Händen, die graben und schliesslich zwei tote Mäuse aus dem Boden ziehen. Vor der Abblendung folgen Grossaufnahme der beiden Gesichter.

In dieser Einleitungssequenz zu «Höhenfeuer» geht es um die intensiv gezeichnete Beziehung zwischen zwei (im ganzen Film noch weiteren) Menschen: zwischen Bruder und Schwester, Eltern und Kinder, Mutter und Vater, der ganze Familie Jähzorniger – eingebettet in Arbeit und Spiel, Natur und Rituale. Immer wieder entdecken wir in Gesichtern, Gegenständen oder Landschaften, die im Sinne von «paysages d»âmes» eingesetzt sind, Antworten auf die Fragen, die das Leben hier stellt.

Ein Meisterwerk als Lebenshilfe

Jedes Bild bedeutet etwas, deutet Welt. «Höhenfeuer» ist von einer Welthaftigkeit, wie ich sie im deutschschweizer Spielfilm sonst nirgends, im welschen nur bei Alain Tanner finde. Inhalt wird Form, Form wird Gehalt. Jede filmische Einstellung ist eine menschliche, jede Kamerabewegung eine psychische Bewegung.

Erzählt wird die Geschichte des taubstummen «Bub» und seiner Schwester auf der Alp. Das Gefühl der beiden, einsam und schicksalhaft verbunden, bringt sie einander näher. Wenn sie sich plötzlich in den Armen liegen und sich lieben, ist das nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch ein Ausdruck tief empfundener Gemeinsamkeit. Der Inzest wird zum Symbol für Selbstbefreiung aus der Enge einer in sich erstarrten Umwelt durch die befreiende Kraft der Liebe.

PS: «Bergwelt» – ein aktueller Filmzyklus

Anlässlich des UNO-Jahres der Berge hat trigon-film ein Filmprogramm zusammengestellt, das Einblicke in die unterschiedlichen Aspekte und Phänomen des Berglebens in aller Welt gibt. Die Reihe umfasst 21 Filme und ist bis Ende Jahr an rund 50 Orten in der Schweiz zu sehen.

Auch dieses Programm mit künstlerischen Filmen kann der Sozialarbeiterin, dem Sozialarbeiter die Augen öffnen, wie das Leben in den Bergen ist, wie die Menschen in den Bergen sind und immer wieder mal Soziale Arbeit benötigen. Beide Filme von Fredi M. Murer sind als VHS-Videokassette in der Edition Classic zu Fr. 45.– erhältlich.

«Wir Bergler in den Bergen» kann als 16mm-Film bei Filmcoopi Zürich, 044 448 44 22, «Höhenfeuer» als 35mm-Kopie (Kinoformat) bei Bernhard Lang AG, Freienstein, ausgeliehen werden.

Weitere Auskünfte zum Bergfilm-Zyklus gibt es auf der Website www.bergwelt.ch.