Von der Wiege bis zur Bahre

Versteht man Kino nicht bloss als Vehikel, um Langweile zu vertreiben, die Zeit tot zu schlagen, sondern um diese und das Leben mit Sinn zu füllen, dann müssen Filme auch Abbilder aller Lebensphasen, gleichzeitig Vorbild, im besten Fall Sinnbild bringen. Vier aktuelle Kinofilme tun dies: «Le lait de la tendresse humaine», «L.I.E.», «Innocence»und «C»est la vie».

«Le lait de la tendresse humaine»

Eine junge Frau lässt ihren Säugling allein liegen und nimmt panikartig Reissaus. Das Szenario «postnatale Depression» hat trotz aller Aufgeklärtheit immer noch etwas Schreck Einflössendes. Mit tastender Handkamera und sinnlicher Filmsprache zeigt die französische Regisseurin Dominique Cabrera das Abgleiten einer jungen Mutter (Marilyne Canto) in den sie schützenden Wahn, die Reaktion von Nachbarn und Freunden und die Angst des Vaters mit seinen drei Kindern.

Durch die Einbettung der Mutter in das soziale Umfeld schweift die Regisseurin zwar von der Hauptthematik ab, erzählt dafür umso umfassender von der Fragilität familiärer Strukturen. Sie stellt die Frage, was Nestwärme eigentlich ausmacht, was die «Milch der menschlichen Zärtlichkeit» zutiefst bedeutet.

Der Film leuchtet die «Hinterbühne» (Erwing Goffman) des menschlichen Lebens aus: eine Welt, die die Öffentlichkeit kaum kennt, schnell vergisst, oft verdrängt, weil dadurch die Idylle zerstört werden könnte.

«L. I. E.»

Dem 15-jährigen Howie (Paul Franklin Dano) hat das Leben übel mitgespielt: Seine Mutter kam bei einem Unfall auf dem Long Island Express Way ums Leben. Seither sammelt er Zeitungsartikel über tödliche Unfälle auf dem L.I.E. Sein Vater, ein Unternehmer, mir dem er in einem tristen gutbürgerlichen Vorort lebt, ist in zwielichtige Geschäfte verstrickt. Er ignoriert die Existenz seines Sohnes fast vollkommen.

So ist Howie auf sich allein gestellt. Zur Schule geht er nur sporadisch. Lieber hängt er mit seiner Clique herum. Mit Gary freundet er sich besonders gut an. Um ihrem langweiligen Leben einen Kick zu geben, brechen sie in Häuser ein. Für einen ihrer Raubzüge hat dieser das Haus von Big John ausgesucht, denn die beiden haben noch eine Rechnung offen. Howie ahnt nicht, wie wichtig dieser noch für ihn wird. Überraschend für beide, sucht er die Anerkennung und Zuneigung des älteren Mannes.

Diese von Michael Cuesta sensibel und vielschichtig erzählte Geschichte hilft uns, mit Empathie die Leidengeschichte des Jungen und auch des Alten von innen heraus zu verstehen, kann uns vielleicht befähigen, ähnliche Lebensschichten in unserem Umfeld besser zu verstehen. «Ich mag Filme, welche Menschen ihre vorgefassten Meinungen hinterfragen lassen, die über den Kinobesuch hinaus nachwirken», meint der Regisseur.

«Innocence»

Ein verwitweter Pensionär, Andreas Borg (Charles Tingwell), trifft in Australien Claire (Julia Blake), seine erste Liebe, wieder und beginnt ihr erneut den Hof zu machen. Obwohl sie mit John (Terry Norris) verheiratet ist, lässt diese sich auf sein Werben ein. Und allmählich entwickelt sich daraus eine wunderschöne Liebesgeschichten. Darin hat die törichte Verliebtheit ebenso Platz wie die Gelassenheit, die Abgeklärtheit und schliesslich der Tod.

Immer wieder gilt es auch den seelischen Schmerz, der aus der Dreierbeziehung erwächst, zu ertragen. Denn die Liebe von Andreas und Claire schmerzt John, Und Claire muss sich für den einen und gegen den andern entscheiden.

Der Australier Paul Cox erzählt in berührender, aufwühlender und gleichzeitig unterhaltsamer Weise von der Leichtigkeit und Lebendigkeit des Seins, wenn man erst das Wesentliche des Lebens begriffen hat. Das, was Augustinus meint, wenn er schreibt: «Liebe und tu, was du willst.» Ein provokativer Vorschlag, das Alter neu zu sehen?

«C'est la vie»

Dimitri (Jacques Dutronc) zieht in «La Maison» ein, wo Menschen leben, für welche die Medizin nichts mehr tun kann. Dort begegnet er Suzanne (Sandrine Bonnaire), die mit andern zusammen diese Menschen am Ende des Lebens aufopfernd begleiten. Hinter ihrer unbegrenzten Verfügbarkeit versteckt die strahlende und lebensfreudige junge Frau ein Geheimnis, eine Verletzung. Er, der ohne Hoffnung auf Zukunft in dieses Haus gezogen ist, lebt jetzt intensiver denn je. Die gemeinsame Zeit wird auch für Suzanne zu einer Zeit der Erfüllung, der Liebe.

«Es ist wichtig, Filme über das Lebensende zu machen, denn dieses Thema wird im Film selten behandelt. Der Blickwinkel und die Handlung überzeugen mich, sie helfen, gewisse Vorurteile im Bezug auf die Empfindungen sterbender Menschen abzubauen», meint die Hauptdarstellerin.

Dieses Stück Sterbens- das heisst Lebensgeschichte weist auf eine besondere Qualität. Weil in diesem Haus Menschen leben, die den Zugang zu den Sterbenden gefunden haben, die bei ihnen, mit ihnen leben. Ein traurig-heiterer Film von Jean-Pierre Améris, der einen Beitrag zum Thema Sterben und Sterbebegleitung bietet