Vorschau auf ein Fest des Schweizer Films

Wer komprimiert erleben will, wo der Schweizer Film – und ansatzweise die heutige Welt – steht, dem sei ein Besuch der Solothurner Filmtage empfohlen.
Vorschau auf ein Fest des Schweizer Films

Die 51. Solothurner Filmtage finden vom 21. bis 28. Januar statt. Auf unserer Website wurden einige Filme besprochen, die in Solothurn gezeigt werden, so «Köpek», «Als die Sonne vom Himmel fiel», «Schellen-Ursli», «Heidi», «Amateur Teens», «Youth» und «La passion d'Augustine». Demnächst erscheinen die Besprechungen von «Die Schwalbe», «Für eine schöne Welt» und weiterer Filme, sobald sie in den Kinos anlaufen. Wer sich emotional und intellektuell, politisch und ästhetisch mal richtig durchschütteln lassen will, dem empfehle ich den Besuch der Solothurner Filmtage, ganz oder tageweise. Erfahrungen, wie man sie dort machen kann, dürften auch im Alter wie ein Elixier wirken, denke ich, der ich mehr als vierzig Ausgaben dieser Veranstaltung besucht habe. «Kantige Dokumentarfilme über aktuelle Themen und Spielfilme mit starken Schauspielerinnen und Schauspielern verleihen dem Schweizer Film im Programm der 51. Solothurner Filmtage und der Schweiz ein Gesicht», sagt Seraina Rohrer, die Direktorin der Solothurner Filmtage, zum Programm 2016.

Das Programm der 51. Solothurner Filmtage

Die 51. Solothurner Filmtage präsentieren im «Panorama Schweiz» 29 Premieren aus allen Landesteilen. Die Werkschau umfasst insgesamt 187 kurze und lange Werke, darunter 12 Langfilmdebüts. Neun Filme buhlen um den «Prix de Soleure», zehn um die Gunst des Publikums. Die «Rencontre» bietet eine Retrospektive zum Schaffen der Schauspielerin Ursina Lardi. Sie gehört zu den prägnanten Gesichtern des Schweizer Films. An den Filmtagen werden zwölf ihrer Filme gezeigt, und hat sie eine «Carte Blanche». Sie stellt ihre Werke persönlich vor und spricht mit Weggefährten über ihre Arbeit. Weitere Programme zeigen experimentelle Schweizer Bergfilme und werfen einen Blick über die Landesgrenzen: Das neue Gefäss «Beyond Borders» stellt internationale Filmfestivals ins Schaufenster. Zudem widmet sich der internationale «Fokus» unter dem Titel «gut besetzt!» dem Casting fürs Kino.

Mano Khalils «Die Schwalbe» eröffnet die Filmtage in Anwesenheit von Bundesrat Alain Berset. Das Drama ist zugleich als einziger Spielfilm für den «Prix de Soleure» nominiert. Auch Eva Vitija rollt mit ihrem Debüt «Das Leben drehen – Wie mein Vater versuchte, das Glück festzuhalten» eine Familiengeschichte auf. Über das Leben und die Gesellschaft erzählen weiter Nicolas Steiner mit «Above and Below», Stéphane Goël mit «Fragments du paradis» und Werner Penzel mit «Zen For Nothing», für den er mit der Schauspielerin Sabine Timotea in den Alltag eines japanischen Klosters eintauchte. Corina Gamma reiste für «Sila and the Gatekeepers of the Arctic» nach Grönland, einem Brennpunkt des Klimawandels. Constantin Wulff gewährt mit «Wie die anderen» Einblicke in die Arbeitsbedingungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, während David Bernet mit «Democracy – Im Rausch der Daten» hinter die Kulissen des EU-Parlaments blickt. Einen ebenso privilegierten Zugang zu den Schaltstellen der Macht fand Eric Bergkraut für sein Porträt «Citizen Khodorkovsky». In die interdisziplinäre Jury nehmen die Schauspielerin Julia Jentsch, der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer und die Diplomatin Heidi Tagliavini Einsitz.

Im Wettbewerb «Prix du public» sind neun Spielfilme und ein Dokumentarfilm zu sehen. Auch hier treffen bekannte Namen auf junge Filmschaffende. Vier Werke stellen Frauenfiguren ins Zentrum. «Lina» von Michael Schaerer beleuchtet mit den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte. Ruxandra Zenide erzählt in «Le miracle de Tekir» die wunderliche Geschichte einer jungfräulichen Empfängnis. Mit «Sibylle» legt Michael Krummenacher einen Psychothriller vor. Greg Zglinski siedelt seine Liebesgeschichte «Le temps d’Anna» im historischen Umfeld der Neuenburger Uhrenindustrie an. In «Köpek» von Esen Isik bewältigen drei Aussenseiter einen Tag in Istanbul, während Felix Tissi in «Welcome to Iceland» seine Figuren durch das isländische Hochland streifen lässt: Markus Signer verkörpert darin einen ambitionierten Familienvater. Devid Striesow verstrickt sich in «Nichts passiert» von Micha Lewinsky während der Skiferien mit Frau und Kind in ein Netz aus Lügen und Selbstbetrug, während Kacey Mottet Klein in «Keeper» von Guillaume Senez als Teenager väterliche Verantwortung übernimmt. Kinder spielen auch im einzigen Dokumentarfilm, der für den Publikumspreis nominiert ist, eine Hauptrolle: In «Swing it Kids» von Fabian Kimoto reist eine Thurgauer Kinderband bis nach Japan. In «Der grosse Sommer» von Stefan Jäger öffnen das Land der aufgehenden Sonne und ein kleiner Junge dem Volksschauspieler Mathias Gnädinger, in seiner letzten Hauptrolle, die Tür zu einem neuen Leben.

peter bichsel 

Peter Bichsel, bei seinem Kurzreferat «Kino» im Restaurant «Chutz», an den ersten Solothurner Filmtagen 1966.

Werner Schweizer präsentiert mit «Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis» die brisante Geschichte des Whistleblowers Rudolf Elmer. Mit «The Chinese Recipe» zeigt Jürg Neuenschwander, wie viel Kreativität im Kopieren stecken kann. «Melody of Noise» von Gitta Gsell entlockt buchstäblich allem und jedem einen Klang. Annina Furrer verarbeitet in ihrem Erstling «Dem Himmel zu nah» schmerzliche Erinnerungen. Auch Gabriel Bonnefoy stellt mit «Pipeline» sein Debüt vor und schickt einen jungen Ingenieur auf einen Roadtrip durch Alaskas Wildnis.

Das weitere Programm lässt viel Raum für Experimente und Grenzüberschreitungen. Mit «Beyond Borders» schaffen die Solothurner Filmtage ein neues Gefäss mit dem Ziel, die europäische Vernetzung des Schweizer Filmschaffens verstärkt zu pflegen. In der Sektion «Meet the Festivals» präsentieren vier europäische Festivals Höhepunkte ihres letzten Programms. In «Meet the Critics» diskutieren europäische Kritikerinnen und Kritiker ausgewählte Schweizer Filme. Das internationale Spezialprogramm «Fokus» zeigt unter dem Titel «Gut besetzt! – Casting fürs Kino» acht Filme, die durch die Besetzung ihrer Rollen überzeugen. Fallstudien und Gespräche runden die thematische Auseinandersetzung ab. Im Programm «Berg-Experimente» sind experimentelle Bergfilme zu sehen. «Dediations», das letzte und unvollendete Werk des im April 2014 verstorbenen Regisseurs und Autors Peter Liechti, wird in Solothurn drei Tage Halt machen. Erstmals präsentieren die Solothurner Filmtage zudem eine transmediale Erfahrung fürs Publikum. «Polder – Become a Game» entführt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einen magischen Stadtrundgang. Dieser endet im Kino mit «Polder» von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal.

Der «Prix Pathé» für die Filmpresse wird zum elften Mal verliehen. Pascal Blum erhält den Preis in der Kategorie «Printmedien» für «Einer, der bleibt», einem Porträt des Filmemachers Christian Schocher, erschienen im Tagesanzeiger. Raphaële Bouchet überzeugte die Jury in der Kategorie «Elektronische Medien» mit ihrer Kritik des Films «La vanité» von Lionel Baier, die auf Espace 2 gesendet wurde.