Was geschieht, wenn wir (Film-)Kunst konsumieren?

An drei Filmen und einem Werk der bildenden Kunst gehen wir der Frage nach, was eigentlich geschieht oder geschehen kann, wenn wir Kunst konsumieren. Das Ergebnis soll ermuntern, auf diesem Weg Informationen über den Menschen in Form von Geschichten zu erhalten: für uns privat und für jene Menschen, mit denen wir als Sozialpädagoge oder Sozialbegleiterin arbeiten.

 

«Gramper und Bosse» – Mit einem Film zu den Wurzeln zurück

Der Schweizer Dokumentarist Edwin Beeler folgt mit seinem Film den Spuren seiner Eltern. Sein Vater war 42 Jah-re lang Gramper bei den Bundesbahnen, seine Mutter arbeitete ebenda als Rottenköchin. Mit ihnen zusammen besucht er die Stationen ihres Wirkens, schaut hinter die Kulissen. Er gibt denen das Wort, die lebenslang nicht zum Sprechen, sondern zum Arbeiten angehalten wurden. Sie erinnern sich an ihre Vergangenheit; der Film macht es sichtbar und verstehbar.

Hier kreuzt sich der Blick des Sohnes mit jenem der Eltern. Denn diese Arbeitswelt, dieses Leben gibt es heute nicht mehr, kann es nicht mehr geben. Die Welt hat sich radikal verändert. Wenn Heinrich Heine gesagt hat, dass durch die Eisenbahn der Raum getötet wurde und nur noch die Zeit übrig bleibe, ist dem heute beizufügen, dass der rasende Fortschritt jetzt auch noch die Zeit wegfrisst. Wie sich solches im Alltag auswirkt, zeigt der Film eindrücklich und illustriert, wie das Sein das Bewusstsein beeinflusst.

«Private» – Im Film den politischen Psycho-Terror erleben

Fast täglich hören wir vom Krieg und Terror im Nahen Osten und sehen wir eine mordende Armee und mordende Selbstmörder, hören wir von Ausgangssperren und vom Leben in Lagern. Doch was in den Seelen dieser Men-schen abläuft, bleibt verborgen. "Private", der erste Spielfilm von Saverio Costanzo, gibt mit seiner Story, die auf wahren Begebenheiten beruht, Einblicke, erschütternde und aufklärende zugleich.

Mohammad Bakri unterrichtet englische Literatur und lebt mit seiner fünfköpfigen Familie im Niemandsland zwi-schen einem palästinensischen Dorf und einem israelischen Militärstützpunkt, exakt in der Schusslinie der verfeindeten Parteien. Die israelische Armee besetzt das strategisch wichtige Haus. Muhammad weigert sich auszuziehen, ist als Anhänger der Gewaltlosigkeit überzeugt, dass eine Lösung gefunden werde. Da die Familie bleibt, nimmt man eine absurde Zonenaufteilung vor. Der obere Stock wird zum israelischen Militärlager, den unteren be-wohnt die palästinensische Familie. Das Doku-Drama erzählt von einer Welt, in der das Private politisch und das Politische privat wird.

«Mar Adentro» – Ein Film plädiert für die Freiheit auch im Sterben

Ramon ist nach einem Badeunfall vor 26 Jahren fast vollständig gelähmt. Auch als Patient besticht seine Umge-bung durch Witz, Charme und Klugheit. Seine Familie umsorgt ihn liebevoll. Doch der Blick durchs Fenster seines Zimmers ist sein einziger wirklicher Kontakt zur Welt draussen. Von hier überblickt er die Hügel seiner galizischen Heimat, hinter denen das Meer liegt, so nah, dass er es am Morgen manchmal riechen kann. Das Meer, das er so liebt und als junger Mann bereiste, hat alles genommen, was sein Leben lebenwert macht.

Durch die Begegnung mit zwei Frauen gerät sein Leben in Bewegung. Julia will ihm als Anwältin zu seinem Recht auf Selbstbestimmung verhelfen, Rosa eine einfache Frau aus dem Dorf, versucht ihn von der Schönheit des Lebens zu überzeugen. – Der mit den höchsten Preisen ausgezeichnete Film von Alejandro Amenabar stellte der spanischen Gesellschaft und stellt auch uns die radikale Frage nach der Freiheit des Menschen, über sein Leben bestimmen zu können.

Sarah Lucas – Eine Künstlerin über Formen sexueller Gewalt

In der Kunsthalle Zürich gibt die Britin Sarah Lucas erstmals mit etwa 50 Werken einen Überblick über ihr Schaf-fen. Mit Fotos, Bildern, mit Collagen und Assemblagen, mit alltäglichen Materialien und Gegenständen, ausrangier-ten Möbeln und Fundstücke, variiert sie ihr grosses Thema: den Sex. Genauer die Geschlechterbeziehungen, die sexuelle und soziale Identität sowie Tod und Destruktivität. In ihren Arbeiten werden der weibliche und männliche Körper immer wieder zu Platzhaltern reduziert, womit sie das Feld öffnen für ambivalente Assoziationen und Interpretationen. Sie zeigt die Frau als Opfer, dies jedoch künstlerisch transformiert, distanziert und von uns Antworten erfordert.

Ihre Arbeit «Bitch» etwa besteht aus einem Tisch, dem ein T-Shirt übergestreift wurde, so dass eine knieende Frau erahnt werden kann, denn im T-Shirt hängen zwei Melonen und eine eingeschweisste Makrele dort am Tisch angepint, wo sich das Geschlecht befinden würde. Aggressiv und augenzuwinkernd, vulgär und subtil zugleich für Männer wie Frauen ein Werk, das entlarvt, irritiert und provoziert.

Kunst als Möglichkeit zur Prävention

Auf die Frage, wie künstlerische Werk – etwa diejenigen von Sarah Lucas oder die Filme von Beeler, Costanzo und Amenabar – wirken, antworten die einen: Sie manipulieren; die anderen, sie bewirken nichts. Beide Antworten müssen genauer betrachtet werden. Kaum je lässt nämlich ein Film völlig kalt, wenn man seine kurz- und langfristigen Reaktionen berücksichtigt; doch dürfen diese nicht verallgemeinert werden. Sie erweisen sich, im Blick auf die Zukunft, als eine Art Prävention.

Wie funktioniert diese Prävention? In der Ausstellung, im Kino oder am Fernseher erleben wir Geschichten, indem wir uns mit ihnen identifizieren. Wir projizieren unsere Bedürfnisse mehr oder weniger in die Filmfiguren und introjizieren die Filmhandlung ganz oder teilweise in unsere Gefühls- und Denkwelt. Während einer bestimmten Zeit leben wir das Leben anderer und spielen deren Rollen. Das ist Prävention! Wir üben die Auseinandersetzung mit anderen Lebenssituationen, suchen Lösungen, üben Lebenskunst wie sonst Mathematikformeln oder Grammatikregeln.

Vom Soziologen Erwing Goffman stammt der Begriff der «Hinterbühne», mit dem er den Ort bezeichnet, wo wir unsere geheimen Rollen spielen, wo wir «probehandeln»: das Verdrängte, Verbotene, noch Unbekannte und Un-bestimmte, das Vorbewusste spielend in Handlung umsetzen. Beim Filmsehen und Kunstgeniessen spielen wir auf dieser Hinterbühne, bis wir auf die Vorderbühne gerufen werden, wenn das Leben es verlangt.